Abstrakt, undurchsichtig, diffus: Wieso Theologie als Wissenschaft? Ein Beitrag zum Themenmonat "Wissen schafft Theologie"
Foto: Filip Bunkens, bearbeitet von theologiestudierende.de (CC0)

Ich war im ersten Semester und fuhr mit der S-Bahn von Mosbach-Neckarelz nach Heidelberg, als ich mit einem Mathematikstudenten, ebenfalls im ersten Semester, über unser Studieren ins Gespräch kam. „Ich verstehe nicht, womit die Theologie ihren Status als Wissenschaft verdient hat“, gestand mir der Mathe-Ersti.

Ich bekam das später noch öfter mit: Dass man uns Theolog*innen und das, was wir an der Universität taten, irgendwie belächelte und nicht wirklich ernst nahm. Es waren nicht nur Aussagen von anderen Studierenden, ich hatte auch das Gefühl, dass wir strukturell benachteiligt wurden: Während bei uns das Geld für Tutorien fehlte, gab man im Neuenheimer Feld, wo die naturwissenschaftlichen Institute sind, Unsummen für irgendwelche Gehirn-Simulationen aus (was ich natürlich verstehen kann: Wenn ich eine Erkrankung im Gehirn habe, möchte ich ja geheilt werden; da bringt es mir nichts, dass ich z. B. Altgriechisch kann). Ich lernte: Dass wir Theologie an der Universität machen dürfen, ist nicht selbstverständlich. Immer wieder müssen wir Rechenschaft ablegen über das, was wir tun.

Und auch ich selbst bin mir manchmal unsicher, was ich eigentlich an der Universität mache, denn es bleibt ja doch vieles sehr abstrakt, irgendwie undurchsichtig, diffus, was wir so lernen. Und manchmal frage ich mich auch ganz ernsthaft, ob es der Menschheit wirklich weiterhilft, wenn ich mich jetzt mit noch einem dogmatischen Entwurf befasse.

Eigentlich muss Wissenschaft nur eins: Wissen schaffen. Mit dem Wissen ist das aber so eine Sache. Immer wieder wird bisher Geglaubtes infrage gestellt, neue Theorien werden aufgestellt, irgendjemand entdeckt etwas, das ein*e andere*r übersehen hat – und dann muss nochmal ganz von Vorne mit dem Denken angefangen werden.

Die Antwort, die ich dem Mathematik-Studenten damals gab, lautete in etwa so: „Es ist wichtig, dass wir Theologie an der Universität machen, wo sie sich über ihre Methoden Rechenschaft ablegen muss und im Gespräch mit anderen Wissenschaften steht, statt sie irgendwelchen Fanatikern da draußen zu überlassen.“ Wenn ich so darüber nachdenke, ist das interessant: Gerade das Faktum, dass Theologie Rechenschaft über sich selbst ablegen muss, ist für mich ihr entscheidender Wesenszug und das, was sie zur Wissenschaft macht. Und wahrscheinlich ist das der einzige Weg, tatsächlich Wissen zu schaffen: Im Dialog mit anderen, indem man ständig Rechenschaft ablegen muss, über das, was man tut. Auch wenn es mühsam ist.

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6 Kommentare anzeigen

  1. Emanuel

    Da möchte ich doch gern schimpfen:
    A) was ist das hier für eine eingeschränkter Wissenschaftsbegriff, der implizit vorhanden ist und ein fehlender Wissenschaftsbegriff, der explizit formuliert wird?
    B) wenn der Grund für die Theologie, Wissenschaft zu sein, ausschließlich der der Überprüfung der anderen Wissenschaften wäre, dann wäre sie keine und hätte auch keinen Platz an der Uni verdient
    C) abgesehen davon sind nicht alle außeruniversitären Theologen oder Theologien fanatisch, auch wenn es solche geben mag

    Es gibt gute Gründe, Theologie als Wissenschaft zu behandeln. Der hier aufgeführte ist es nicht. Er führt stattdessen dazu, dass die Kritik, die hier aufgeführten wird, an Berechtigung gewinnt. Was zu einer Vereinseitigung des Wissenschaftsbegriffs führen würde, woran dann die Harmlosigkeit und Albernheit einer Theologie in ihrer Endphase selbst schuld sein würde.

  2. Gummibaer

    Da möchte ich gerne dem Autoren beispringen

    A) Wo ist der Fehler seines Wissenschaftsbegriffs, nach dem Wissenschaft einen Diskurs bezeichnet in dem Wissensbestände geschaffen, gepflegt und geprüft werden? Den Wunsch den Theologiebegriff des Artikels zu differenzieren könnte ich eher nachvollziehen.
    B) Theologie ist nach meiner Lesart des Artikels Wissenschaft, weil sie bereit ist ihre eigenen Wissensbestände (nicht die anderer Disziplinen) kritisch zu reflektieren, sich also mit anderen Disziplinen nicht Gegenstand aber Methode teilt.
    C) Der Autor urteilt hier zwar pauschal, hat aber, so glaube ich in der Sache recht. Eine Theologie, die sich wissenschaftlicher Methode bedient ist außerhalb eines universitären Raumes einer anders argumentiereden notwendig unterlegen.

  3. Urmilsch

    Ich möchte mal die Wahrnehmung eines theologischen Laien schildern

    Wahrnehmungen sind so eine Sache und sicherlich so unterschiedlich wie es Menschen gibt.

    Meine Wahrnehmung gaukelt mir folgendes vor: Theologen füttern Ihr Gehirn ebenso wie andere Wissenschaftler mit einer Menge an Informationen. Sie sind jedoch mit die unflexibelsten Menschen die es auf diesem Planeten gibt, wenn es um diese Informationen (Interpretationen; Glaubensinhalte) geht, welche sie in Ihrem Studium oder dem gesellschaftlichen Umfeld erlernten.

    Mir kommt es sogar so vor, dass gerade dieses unflexible sein hinsichtlich der jeweilig erlernten Strukturen einen Theologen erst richtig charakterisiert. Diese erlernten Strukturen werden von Theologen unabhängig von Logik und Schlüssigkeit fundamental verteidigt und das obwohl diese erlernten Interpretationen älter nicht sein könnten. Dachte man damals nicht, dass die Erde der Mittelpunkt des Universums sei und die Sonne sich um diese drehe oder verbrannte man selbst hunderte von Jahre später nicht rothaarige Frauen weil sie angeblich Hexen seien?

    Ich möchte damit zum Ausdruck bringen, dass Theologen zwar unheimlich viel vorhandenes Wissen verwalten, jedoch aufgrund der Strukturen nie ein neuartiges Wissen schaffen können, da Sie den vorgegebenen Rahmen in Form der Interpretationen Ihrer Vorfahren nie verlassen.

    Entwicklung ist so allerdings nicht möglich!

  4. Oliver

    Theologen in der Praxis sind normalerweise Pfarrer oder Pastoren. Jene haben aber nicht die Wissenschaft im Fokus, sondern die Menschen, die sie missionieren wollen. Deshalb kommt es auch zu einer anderen Sprache – nämlich zur Ansprache. Oftmals als moralische Ohrfeige an die Zuhörer, welche sich der Pfarrer oder der Pastor meistens auch zu eigen machen sollte. Allerdings kommt nun doch etwas Wissenschaftliches in die Predigt hinein, nämlich der Widerstand gegen den Zeitgeist – bekannt als Polemik. Ob man es glauben will oder nicht, aber bei den großen Konfessionsstreitigkeiten kam es es immer auf die Polemik an, sich gegeneinander abgrenzen zu können. Insbesondere die Evangelisch-lutherischen Geistlichen sind heute noch darin geschult, sich polemisch gegen Andersdenke zu positionieren. Bedenkt man, dass Polemik im 18. und 19. Jahrhundert auch wissenschaftlich geschult wurde, dann wohl meistens als Grundlage für eine theologisch-kirchliche Ethik, welche bevorzugt wurde. Mit der Aufklärung und der Liberalisierung der Evangelischen Kirche kam es in Deutschland zu unterschiedlichen Auffassungen von Menschenbildern, so dass die Polemik mehr und mehr angeheizt wurde, um mit Argumenten gegen die Person Kirchenpolitik zu betreiben. Sachargumente traten in der Hindergrund. Hätten wir heutzutage eine Parallele dazu ? Na klar ! Insbesondere wenn religiöse Menschen weltliche Politik betreiben wollen. Seien es Freikirchler, Evangelikale oder Katholiken, aber nicht nur heute kämpfen auch Frauen gegen Männer und Männer gegen Frauen. Indes sind es aber Gruppen von Meinungen. Demnach kämpfen Gruppen gegen Gruppen, um in gewissen Dingen eine Art Deutungshoheit zu erlangen. Klar – es gibt eine Klimakatastrophe, aber ist sie von menschen gemacht ? Natürlich – jedoch durch theologische Beeinflussunen und nicht durch chemische Prozesse. Wer Theologie studiert, muss sich nicht nur viel Wissen aneignen, sondern muss lernen, wie er dieses Wissen umsetzt. Es ist eine Lebensaufgabe.

  5. Spassheide

    „Häufig finden wir Polemiken in der Theologie, wo naturgegeben der Glauben eine objektive, wissenschaftliche Argumentationsweise gar nicht zulässt. Hier sind tausende von Schriften überliefert, die die dogmatische Anschauungen anderer christlicher Konfessionen polemisch angreifen.“

    gefunden auf rhetorik-netz.de

    • Oliver

      Demnach wäre nach Ihrer Meinung die Wissenschaft persönliche Ansichtssache.
      Tja, was würden nur die alten Griechen dazu sagen, die die Rhetorik wissenschaftlich – sozusagen – begründet haben. Ach ja – Polemik ist Rhetorik und daher wissenschaftlich. Oder wollen Sie eine Methoden-Diskussion ? Ihre Quelle scheint jedoch nicht zitierfähig zu sein. Abgesehen davon untermauern Sie ja gerade mit Ihrem Beitrag meine Aussage, dass Polemik aufkommt, wenn der Angreifer nicht mehr sachgemäß, sondern Argumente gegen die Person erfindet, um diesen zu dikreditieren. Abgesehen von unterschiedlichen Wissenschaftsbegriffen betreibt die Theologie dennoch den Diskurs, über Wissenschaft zu streiten. Die Logie in der Theologie ist durchaus wissenschaftlich.

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