Die Bib: Logos 7 Deutsch Eine digitale Bibliothek für Kenner und Technikbegeisterte

Dieser Tage scheint Digitalisierung das Zauberwort für eine schlanke und gelingende Zukunft zu sein. Wenn ein AfD-Politiker keine Antwort auf Digitalisierungsfragen geben kann, dann wird es der Partei (zu Recht!) als unverzeihliche Leerstelle im Parteiprogramm angekreidet. Konkret geht es um den Breitbandausbau in Stadt und Land, Startups und steuerliche Förderungen, es geht um Verfügbarkeit, Erreichbarkeit – eben um nicht weniger als die Zukunft.

Digitale Kirche ist dabei nur eines der Schlagworte, mit denen sich die Gesellschaft dieser Zeiten befasst. Es geht dabei nicht nur um einen schicken, ICF-kompatiblen Internetauftritt – es geht um Partizipation, um das Wahre, Schöne, Gute und um das Morgen.

Neben den Ortsgemeinden und großen kirchlichen Strukturen hat auch schon seit Jahren die Digitalisierung die theologische Akademie erreicht. Als in meinem Studium die Diskussion um das richtige Bibelprogramm in vollem Gange war, war die Frage „ob“ ein Bibelprogramm nötig ist, eigentlich obsolet. Mein emeritierter Professor für neutestamentliches Griechisch sagte einmal zu uns Studierenden: „Man kann Exegese auch ohne Bibelprogramm betreiben, so wie man auch ein Haus mit Hammer und Axt bauen kann. Es dauert eben viel länger und braucht viel mehr Kraft.“

Seit einigen Monaten ist mit Logos 7 Deutsch endlich einer der großen Player im Feld der Bibelprogramme auf deutsch erschienen. Ich habe mir das Programm genauer angesehen.

 

Ein Detailmonstrum für Kenner

Auf den ersten Blick fällt sofort die Fülle von Funktionen auf, die Logos zu bieten hat. Schon die Startseite erschlägt den Nutzer mit einer Vielfalt an Funktionen: Neben den bedeutenden Funktionen einer Bibelsoftware (klassische Exegesetools, grammatikalische Analyseelemente, Nachschlagewerke und interlineare Darstellungsmöglichkeiten) ist auch die volle Bandbreite einer digitalen Bibliothek enthalten sowie Funktionen, die persönliche Frömmigkeitsübungen unterstützen sollen (wie z.B. die Möglichkeit einer Gebetsliste).

Logos 7 Startoberfläche/Dashboard

Dieser Reichtum ist faszinierend. Das Logos 7 Gold Basispaket, das ich selbst benutze, wartet mit einer Vielzahl an verschiedenen  Werken werken auf, die ich mir als Printausgaben niemals leisten könnte.Von der kompletten Bibliothek „Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament“ (10 Bände) über das „Exegetische Wörterbuch zum Neuen Testament“ von Gerhard Schneider und Horst Balz zu verschiedenen hebräischen, griechischen und lateinischen Quellentexten ist alles dabei. Eine komplette Liste der enthaltenen Werke findet sich hier, im Vergleich zu anderen Basispaketen hier. Eine so digital integrierte Bibliothek hat natürlich ihre Vorteile – man denke nur mal an die Zeitersparnis. An vielen Stellen können zitierte Werke direkt im Original angezeigt werden; Außerdem zeigt das Programm eigenständig an, wo Bibelstellen Erwähnung finden.

Logos 7 Analysebildschirm

Nutzt man dieses Programm also richtig, dann kann fehlen nur noch wenige Querverweisen. Außerdem verbringt man wesentlich weniger Zeit mit Blättern und Bücherwuchten, was sowohldie Deadline bei terminierten Aufgaben schonen wird, wie auch der beschädigte Rücken mancher Schreibtischtäter. Natürlich muss man die Funktionen kennen. Ein wirkliches Eintauchen in die Möglichkeiten der Software kostet Zeit – nicht zuletzt, weil das Programm auch nicht vollständig intuitiv aufgebaut ist. Allerdings schlägt es in dieser Hinsicht das gar nicht intuitive und nach Computer-AG aussehende BibleWorks. Diese beiden Programm kann man wohl als die größten Player im Markt der exegetischen Bibelsoftware bezeichnen – zumindest, bis BibleWorks ihren Vertrieb vor wenigen Monaten eingestellt haben.

 

Man beachte die Voraussetzungen!

In dieser Fülle der Funktionen mag aber auch eine Schwäche des Programmes liegen, die schnell deutlich wird. Zumindest, wenn man das Programm mit einem verhältnismäßig kostengünstigen Rechner wie dem meinen verwendet: Es beansprucht unheimlich viel Rechenkapazität. Sobald ich das Programm öffne, werden alle anderen Programme langsam. Selbst im Textverarbeitungsprogramm kommt es zuweilen zu Ruckeln und anderen Zwischenfällen.

Das macht es mir auch sehr müßig, das Logos regelmäßig zu verwenden, auch um z.B. ein regelmäßiges Gebet damit zu gestalten. Der bekannte evangelikal-reformierte Blogger Ron Kubsch sieht das allerdings anders. Ich setze das Programm (nicht zuletzte deswegen) nur sehr spärlich und bei akutem Bedarf ein. Das führt zu allem Übel auch noch dazu, dass die Updates beim Starten des Programmes oft langwierig sind und die Lust, Logos zu benutzen, deutlich senken. Ein Teufelskreislauf, der sich nur durch einen schnelleren Laptop und die regelmäßige Nutzung durchbrechen ließe. Dafür fehlt mir Geld, Zeit und Motivation.

Außerdem merkt man dem Programm seine US-amerikanische und evangelikale Prägung an vielen Stellen an: Angefangen von der Auswahl verfügbarer Sekundärliteratur und führt sogar bis zu Kartenwerk, das mögliche Lageorte des Gartens Eden anzeigen kann.

Mich persönlich stört das nicht, meine Prägung ist oft ähnlich. Im Hinterkopf behalten sollte man diese Tatsache aber genauso, wie die Leistung des eigenen Computers.

Die letzte Voraussetzung, derer man sich bewusst sein sollte, ist die der limitierten tatsächlichen Werte der Basispakete. Darin enthalten sind hunderte Werke, die ein Normalverbraucher wohl niemals aufschlagen wird (in Logos 7 Deutsch Gold sind zum Beispiel eine Unzahl von Qumran Rollen enthalten). Es gibt sicher an vielen Punkten einzelne Personen, die sich mit diesen Werken befassen werden, dass „normale Studierende“ diese öfter brauchen ist aber unwahrscheinlich.

Sinnvoll ist es deswegen villeicht, mit einem kleinen und günstigen Basispaket zu starten und alles Weitere erst bei Bedarf zu bestellen. Sonst verhält es sich mit Logos 7 Deutsch ähnlich wie mit einem Kaufrausch auf einem Bücherflohmarkt: hinterher findet man sich zwischen Bücherstapeln wieder, die kein Mensch jemals aufschlagen wird.

 

Bombardiert mit einer Übermacht, selbst für die Hosentasche

Praktisch bei Logos ist sicher, dass es eine Smartphone-App gibt. So hat man die Fülle der wissenschaftlichen Exegesewerkzeuge immer griffbereit in der Hostentasche. Auf meinem iPhone 6s funktioniert das Programm auch wesentlich flüssiger als auf meinem langsameren Computer.

Gleichzeitig ist es leicht, sich auch auf dem Smartphone in der Fülle der Funktionen zu verlieren. Etwas unangenehm ist mir auch die Allgegenwart des hauseigenen Onlineshops aufgefallen. Es reicht offensichtlich nicht, dass ich mit meinem Basispaket nach offizieller Zählung Werke von 264 Autoren aus 62 Verlagen enthalten ist. Logos kann mit immer neuem Material gefüttert werden und will es scheinbar auch.

Apostolische Väter in Interlinearübersetzung – Darstellung ist nicht unmittelbar verständlich.

Außerdem stößt die Darstellung an ihre Grenzen: Das Lesen einer Interlinearübersetzung ist im Grunde nicht sehr nutzerfreundlich. Was am Laptop mit großem Bildschirm funktioniert, ist für das Smartphone oft nicht passend

Logos 7 auf dem iPhone, Startbildschirm (auch für Android und Windows Phone)

– und andersherum. Jeweils für sich sind es aber sicher sehr hilfreiche Nachschlagewerke.

 

Fazit

Logos 7 kann viel und mit den richtigen Voraussetzungen, mit der nötigen Zeit und Muße kann dieses Programm sicher

Zeit, Kraft und Nerven sparen. Dennoch: ich werde sicher auch auf lange Sicht für meine persönliche Gebetspraxis nicht auf meine Papierbibel verzichten, bunt angemalt mit allerhand Fragen und Erkenntnissen. Ich werde auch für meine Predigtvorbereitungen die alten Schwarten und neugedruckten Bücher aufschlagen, werde mich mit meinem Koloss, dem Bauer-Aland herumschlagen. Nicht so sehr, weil Logos versagt hat.

Mehr, weil es mich eines nicht überzeugt hat: noch mehr am Computer zu machen, als ich sowieso schon tue.

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Ein Kommentar

  1. logos ist schon ein tolles programm.
    leider gibt es keine entsprechende deutsche bzw. für den deutschen markt angepasste software (mehr).
    aber für das gelegentliche oder tägliche arbeiten bin ich mit dem kleineren „bible study“ von olive tree bible software mehr als zufrieden.
    vielleicht guckt ihr ja auch einmal darauf?

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