Ein Prophet hat es schwer mit uns Literarkritikern
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„Die literaturkritische Gretchenfrage ist immer, was Anklänge oder Übereinstimmungen zwischen Texten besagen: gleiche Herkunft oder Abhängigkeit des einen vom anderen“[1]

Damit fängt es ja nur an, also die Frage: Zuerst das Huhn oder das Ei? Ich sehe meine letzten zwei Stunden Arbeit, den Text genauestens durchzuarbeiten sich in Luft auflösen vor den Argumenten, die Hermission ihm an den Kopf haut. Ich zitiere weiter: „Man muss ja zugeben: Ein Prophet hat es schwer mit uns Literarkritikern. Gebraucht er in einem Text ganz neue und bei ihm nie gehörte Worte, so wird er´s wohl nicht gewesen sein; verwendet er aber die bei ihm altbekannten und geläufigen Wendungen, so darf er´s wieder nicht gewesen sein, weil ein Prophet sich doch nicht widerholt.“[2]

Ja, der arme Prophet, vielleicht hat er einfach nur Gottes Botschaft an uns Menschen weitergegeben, als demütiges Werkzeug „So spricht der Herr, euer Erlöser, der Heilige Israels“ (Jes 43,1) Was muss man da noch anfügen? Wenn der Herr so spricht, dann lass ihn doch so sprechen. Was muss da bearbeitet, redaktioniert, geschichtet werden? Heißt es nicht „der Geist wird euch Worte eingeben zu seiner Zeit?“ (Lk 12,7) aber Moment, einen Schritt zurück.

Jesaja 43, also Deuterojesaja – gab es da überhaupt noch einen Propheten? Schon nach Westermann 1966 ist doch festgestellt ab Kapitel 40 ist Jesaja längst nicht mehr der Sprecher. 200 Jahre später datiert er die Verkündigung des „neuen“ Propheten, entgegen unserem Vorbild – dem, den wir in Kapitel 6 in Gottes Thronsaal finden. Dem, der seine Herrlichkeit und seine Engel schaut, mit einem Stück Kohle die Lippen verbrannt bekommt. Dem, der zuerst Israel, dann alle Völker vorwarnt vor Gottes Gericht, falls sie nicht umkehren, ich zitiere: „Höret, ihr Himmel, und Erde, nimm zu Ohren, denn der HERR redet: Ich habe Kinder großgezogen und hochgebracht, und sie sind von mir abgefallen! […] Wehe dem sündigen Volk, […] mit Schuld beladen, […] die den HERRN verlassen, den Heiligen Israels lästern, die abgefallen sind! Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen. Lasst ab vom Bösen, lernt Gutes tun! Trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache!“ (Jes 1,2.4.16f). Dem, der drei Jahre nackt herumläuft als Zeichen für die kommende Gefangenschaft. Raubebald und Eilebeute, selbst seine eigenen Kinder werden zum prophetischen Symbol um Gottes Willen.

Nein. Mit diesem Propheten haben wir es nicht mehr zu tun. Dies bestätigt auch Elliger. Schließlich wird ab Kapitel 40 wieder Heil verkündet. Und das nicht nur für Israel, nein sogar für alle Völker! Revolutionär! – dabei saß er noch nicht einmal mit Jesus am Tisch, der mit den Sündern und Zöllnern verkehrte. Oder vielleicht doch? Sollte Kyros schon auf Jesus hinweisen? „Siehe Altes ist vergangen, Neues ist geworden“ (2. Kor 5,17). Ein Kind, das von einer Jungfrau geboren wird und die Last der Welt auf seinen Schultern trägt. Zu dem einer sagen wird „Ich bin dein Vater“ – Oh, ein falsches Zitat… Ich meinte natürlich „Dies ist mein geliebter Sohn“ (Mt 3,17).

Zurück zum Thema – also geht es nicht um den Originalpropheten. „PLAGIAT!“ schreien die Menschen, als sie die Botschaft hören. – Nein, schreien sie natürlich nicht. Denn der neue Jesaja ist geliebter als der Alte, schließlich verkündet er den Rückzug in das Heilige Land, dort wo Milch und Honig fließen: „Ich werde einen Weg in der Wüste geben und Pfade in der Einöde“ (Jes 43, 19). „Ganz so, wie ich einen Weg durch das Meer und einen Pfad durch starke Wasser gegeben habe, spricht der Herr“ (Jes. 43,16).

Aha, also doch ein Wahlkampfredner, ein Stimmenfänger, ein Kultprophet?! Oder eine ganze Prophetenschule vielleicht lieber? Alleine wäre ihm diese Hochstapelei nicht gelungen, sich als jemand anderes auszugeben. Da muss ein ganzer Orden hinter ihm gestanden haben, eine Gelehrtenschule (vgl. frei nach Berges). Am besten Verkündigung nur auf Latein, damit auch keiner bemerkt, was die da so reden… „koh amar adonai“, alles nur geklaut. Ach, nein, nicht 1517, sondern ca. 2000 Jahre früher im babylonischen Exil, kein Latein, nur Hebräisch erklingt die Botschaft.

„NEIN“, schreit wieder jemand. Jetzt ist es Barstad, der sagt, das sei doch alles erst in Jerusalem geschrieben. Memento mori, im Gedenken an das Exil. „Woher willst du das denn wissen?“, ruft van Oorschot verzweifelt. „Du warst doch gar nicht dabei! Das war doch alles anders, eigentlich hat der Prophet doch gesagt…“[3]

Was ist denn jetzt die Wahrheit? – Ach Wahrheit oder nicht, das ist doch alles relativ. „Ist das Kunst oder kann das weg?“ ist hier die Frage! Und ich sehe Buchstaben aus den Büchern fallen, wenn die Zeilen gestrichen und neu sortiert werden wie in einem riesigen Puzzle – Jesaja 40 kommt nach Jeremia 52, Jesaja 43,14 streichen, Jesaja 43,15 als Schluss zu 7 anhängen…  Vielleicht sollte ich mir nächstes Mal lieber ein Altes Testament zum Einkleben kaufen?!

Oder Jesaja hätte eben doch lieber Poetry Slammer werden sollen. Seine Sprache nutzen, um das Publikum mitzureißen und eine Message zu vermitteln. Und verhindern, dass sie jemals aufgeschrieben wird und in die Hände von Theologen gelangt…

 

[1] HERMISSION, Hans-Jürgen, Neue Literatur zu Deuterojesaja (I) in: ThR Bd. 65, 2000, S. 237-284.

[2] Ebd., Neue Literatur zu Deuterojesaja (I) in: ThR Bd. 65 oder wie verwirre ich Exegese- Hausarbeit-schreibende-Studierende. Oder so ähnlich.

[3] Oorschot, Jürgen van, Deuterojesaja 40-48. die einzig richtige Auslegung in: Das hat er nicht wirklich gesagt, Heidelberg 2017.

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