Moment Mal: #Metwo, Özil und die Debattenkultur

Es ist ja mittlerweile schick geworden, die mangelnde Debattenkultur in unserem Land anzuprangern.

Zu Recht! Durch unseren dauerhaften Zugang zu Qualitäts- und Nicht-so-Qualitätsmedien hat sich unser Erkenntnisspielraum erweitert. Plötzlich kann jeder eine mehr oder weniger begründete Meinung zu einem beliebigen Thema haben und für jede Meinung findet sich ein Youtube-Video, das sie belegt, und einen Blog, der sie als neuen Faschismus brandmarkt.

Seitdem Mesut Özil vor einigen Tagen aus der Fußballnationalmannschaft zurückgetreten ist und in seiner Erklärung den systemischen und teilweise offenen Rassismus im DFB und der Gesellschaft als solcher als Grund dafür angegeben hat, ist ein Streit um die rassistischen Tendenzen unserer Gesellschaft entbrannt. Auf Twitter teilen tausende von Usern ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus unter dem Hashtag #metwo, Journalisten streiten sich darum, ob man überhaupt etwas sagen darf und die nuancierteste Meinungsäußerung kommt von einem Rapper, der vor ein paar Jahren noch gesagt hat, er sei „nicht mehr cool zu jedem.“

Zuhören ist eine Tugend!

Durch die sozialen Medien hat sich eine erschreckende Dynamik in unser Sozialverhalten eingeschlichen: das vorschnelle Reden. Dabei handelt es sich um einen reinen Instinkt. Die Antwort schreibt sich innerhalb von Sekunden – es braucht keine Nacht nochmal darüber schlafen oder einen äufwändigen Leserbriefs, sondern nur ein Smartphone und Datenvolumen; Je schneller die Daumen, desto aggressiver die Antwort.

Womit wir es zutun haben, ist eine fragmentierte Gesellschaft. In immer kleineren Grüppchen wissen wir nicht nur ganz genau, was unsere Verbündeten denken – es braucht nur Triggerwörter, um die Meinung des Gegenübers genau einordnen zu können.

Uns tut ein Rat gut, an den schon die ersten Christen erinnert werden mussten: „Ihr sollt wissen: Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn. Denn des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist.“ (Jak 1,19f; Lut17)

Für die Frage hier bedeutet das: Nur weil jemand von seinen Erfahrungen berichtet, die den eigenen nicht entsprechen, braucht unser Daumen nicht direkt auf den „Antworten“-Button gehen. Nur weil jemand ein Wort verwendet, von dem wir denken zu wissen, was es meint, befreit uns das nicht von der Pflicht, nachzufragen.

Nichts, was wir im Zorn, in der Hitze des Gefechts sagen, ist wohl durchdacht oder für die Situation hilfreich. Es ist nicht nur manchmal Unrecht, nicht einmal nur meistens schädlich: nichts, das im Zorn gesagt und getan wird, ist „vor Gott gerecht“.

Und weil alle anderen schreien, brauchst du nicht die vornehme Bescheidenheit abzulegen: zuhören, bevor du redest.

Erfahrungen sind nicht die einzige Quelle für Erkenntnisse

Ein weiterer Gedanke: Mancher mag denken, dass es sich mit Rassismus so verhält, wie, nach dem berühmten Diktum von Potter Stewart, mit der Pornographie: sie mag schwer zu definieren sein, aber man erkennt sie, wenn man sie sieht.[i]

Ist dem so, ist der logische Schritt einfach: ich habe mehr gesehen als du – deswegen habe ich ein größeres Recht auf Meinung als du.

Dabei sollte man bedenken, dass eigene Erfahrung immer nur ein Teil der Erkenntnis sein kann. Sollte in jeder Frage immer nur die eigene Erfahrung eine Rolle spielen, hätte ich mein Abitur nicht verdient: weder habe ich persönliche Erfahrung mit dem Kolonialismus gemacht (Geschichtsabitur – Klausurthema), noch habe ich – wie der Werther – aufgrund einer unerwiderten Liebe den Wunsch, aus dem Leben zu scheiden (Deutschabitur).

Eigene Erfahrung ist immer ein wichtiger Schritt zu Erkenntnis. Und für solche, denen die Erfahrung versagt ist, sind die persönlichen Erfahrungsberichte umso wertvoller. Aber nicht, um zu beschämen. Nicht einfach, um der Wut freien Lauf zu lassen.

Das einzige, für eine pluralistische Gesellschaft hilfreiche Ziel kann es sein, dem Gegenüber bei der Erkenntnis voran zu helfen. Und vielleicht hat das Gegenüber sogar eine Erkenntnis, die mir bis jetzt verborgen geblieben ist.

Ich bin sicher, dass wir das alles schon Lange wussten. Ich wollte nur nochmal darauf hinweisen.

[i] Der Kontext des Diktums ist hier sehr gut nachzulesen: https://en.wikipedia.org/wiki/I_know_it_when_I_see_it; Zugriff: 27.07.2018

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