Moment Mal: Woran hängt dein Herz – Ordnung oder Gerechtigkeit?

In jüngster Zeit erlebe ich immer wieder Diskussionen, in denen es mehr darum geht, darüber zu lamentieren, dass im Sinne von Höflichkeit oder Diskussionskultur eine gewisse Ordnung verloren gegangen sei. Zum Beispiel gibt es in den USA seit einigen Tagen eine landesweite Diskussion um ‚civility‘ – also um Höflichkeit. Diese hatte sich daran entzündet, dass mehrmals Mitarbeiter*innen oder Anhänger*innen Trumps aus Restaurants verwiesen wurden sind. Doch auch in Deutschland kennen wir diese Debatten, unter anderem nachdem Gauland beim Baden seine Kleidung weggenommen worden ist.

Im Privaten erlebe ich aber genau dasselbe. Immer wieder wird gefordert, höflich oder rational über Themen zu sprechen. Doch die Frage, die ich mir stelle, ist: Was für Menschen sind wir, wenn wir uns im Angesicht der schreienden Ungerechtigkeiten auf der Erde, darüber beklagen, dass Diskurse unzivilisert geworden sind? Sind denn nicht die Ungerechtigkeiten an sich das eigentliche Problem? Warum soll ich vernünftig bleiben, während Menschen auf der Flucht im Mittelmeer oder in der Wüste sterben? Warum soll ich ruhig bleiben, wenn deutsche Firmen am Export von Waffen Riesengewinne machen?

Ich werde keine ruhige Diskussion mit Menschen führen, die es für vertretbar halten, Schiffe, die Menschenleben retten, auf See festzuhalten. Ich werde kein vernünftiges Gespräch führen, um einen Kompromiss mit den Seehofers dieser Welt zu erzielen, damit Menschen vielleicht nicht mehr im Mittelmeer ertrinken, aber dafür in Lagern festgehalten werden, in welchen ihnen Gewalt angetan wird.

Ordentliche Gespräche können geführt werden, wenn Menschen nicht mehr um ihr Leben fürchten müssen. Auf höfliche Diskussionskultur und Ordnung bestehen zu können, ist ein Privileg der Menschen, die es sich in einer Machtposition bequem gemacht haben und nur den eigenen Vorteil im Blick haben.

Heiliger Zorn

Die Überschrift des heutigen ‚Moment Mal‘ ist an einen Satz aus dem ‚Brief aus einem Birminghamer Gefängnis‘ von Martin Luther King angelehnt. In diesem schreibt er, dass er unglücklicherweise erkennen muss, dass das größte Hindernis zum Erreichen der Freiheit nicht KuKluxKlan-Mitglieder oder andere leicht erkennbare Rassist*innen sind. Viel mehr seien es die ganzen moderaten Menschen, die zwar vielleicht mit einem Großteil seiner Ziele übereinstimmen, aber nicht mit seinen Methoden.

Nein, ich will nicht ganz in Ruhe über Ungerechtigkeiten diskutieren. Nein, ich will nicht vernünftig darüber reden. Und dies mag ‚kindisch‘ klingen, aber ich sehe es nicht ein, Kompromisse mit denen zu schließen, die Menschen mit weniger Macht leiden lassen wollen.

Für mein Verständnis christlichen Glaubens ist das Benennen von Ungerechtigkeiten zentral. Einem Gott, für den dies nicht ebenfalls zentral ist und dem ein höflicher Diskurs wichtiger ist, könnte ich nicht vertrauen, an den könnte ich nicht glauben.
Vielleicht sollten wir uns öfter daran erinnern, dass Gott nicht nur die linke Wange hinhält und die Feinde liebt, sondern auch mit der Peitsche in den Tempel läuft und Sodom und Gomorra zerstört, weil deren Bewohner*innen Fremden Gewalt angetan haben.

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