Ist das schon genug digital? Heilig, Christlich, smart? – ein Gastbeitrag

Kennt eigentlich noch jemand den WDR-Computerclub?
Zur Erinnerung ganz grob zusammengefasst: Herren im gesetztem Alter, die die Grundfunktionen von sogenannten Heimcomputern erklärt haben. Alles ziemlich WEB 1.0 und am ehesten noch für eine technisch interessierte Zielgruppe gedacht.

An genau dieses Fernsehformat der 90er Jahre fand ich mich erinnert, als ich am vergangenem Wochenende ohne jeglichen Handyempfang und schon gar nicht mit LTE tief in der niedersächsischen Provinz auf einer Tagung in Loccum war. In unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Zisterzienserkloster lud die hannoversche Landeskirche zur Tagung Heilig, Christlich, smart? Man wollte die Herausforderungen der digitalen Kommunikation für die Kirche genauer beleuchten und nach vielen Fachvorträgen von Theolog*innen und Funktionären emsig über die Digitalisierung debattieren.

Die Erinnerung wurde vor allem durch die Tagungsteilnehmer*innen bei mir wach: Überwiegend Menschen in Ämtern, die mit Öffentlichkeitsarbeit oder Medienethik zu tun hatten und mir das Internet erklären wollten. Es ging weniger um Konzepte, eher um eine Metadebatte zur Digitalisierung.

Digitalisierung vs. Digitalität

Digitalisierung und Digitalität Bild: Marcel Schmidt

Digitalisierung und Digitalität Bild: Marcel Schmidt

Aber nur Wenige unterschieden dabei zwischen Digitalisierung und Digitalität, dabei ist dieser Unterschied bedeutsam und terminologische Präzision für die gesamte Debatte entscheidend. Digitalisierung beschreibt das Umwandeln von etwas Analogem in etwas Digitales. Der Brief wird zur EMail. Hingegen mein Digitalität die Verknüpfung von etwas Analogem mit etwas Digitalem. Digitalisierung ersetz also und  Digitalität verbindet.

Wenn man diese Differenzierung verinnerlicht hat, wird schnell deutlich, dass  die Digitalisierung der Kirchenverwaltung eigentlich ein leicht lösbares Problem ist: Allein aus Effizienzgründen sollten neben den Landeskirchenämtern auch die Parochialgemeinden auf kollaboratives Arbeiten mit Cloud-Lösungen umsteigen. Einen ersten Versuch einer Arbeitsumgebung bietet die Landeskirche Hannover mit ihrem Portal intern-e. Dieses Portal, das im Design der Apple iCloud Oberfläche stark ähnelt, bietet Apps zur Adressbuchverwaltung, Kalender- und Terminorganisation, Filesharing sowie weitere Cloud-Computing Services an.

Parochiales Entscheidungsdenken verhindert Digitalisierung

Doch scheint dieser Schritt auf erheblichen Gegenwind zu stoßen. Die Initiator*innen des Portals müssen sich immer wieder Ängsten und Sorgen der Mitarbeiter*innen stellen. Diese befürchten durch die zwangsstandardisierte Arbeitsweise Kontrolle und Vergleich der einzelnen Gemeinden durch die Landeskirchenämter. Manchmal fehlt schlichtweg auch das technische Know-how. Dennoch müssen die Landeskirchen sich an dieser Stelle für die Digitalisierung stark machen und Technik, Lizenzen und Weiterbildungen bereitstellen und dabei keinen finanziellen Aufwand scheuen.

OKR Fabian Spier schließt seinen Vortrag dann noch mit der Feststellung: „Wenn das Instrument ausgesucht ist, fängt die eigentliche Arbeit erst an.“

Digitale Formate in der Gemeindearbeit

Abseits von Verwaltungsaufgaben kann die Digitalität zu ganz neuen Formen von Liturgie führen. Fürbitten, die live während des Gottesdienst über Twitter oder ähnliches eingesendet werden und dann per Beamer an die TweetWall projiziert werden, sind da nur der Anfang.

Aber genau an durchdachten Konzepten mangelt es mancherorts. Die Landeskirchen sollten deswegen endlich das Potenzial der digitalen Welt erkennen und offene Inhouse-Agenturen gründen, die als ThinkLabs nach dem Try&Error Prinzip Konzepte einfach mal ausprobieren und das Wissen darüber aufbewahren und selbstverständlich weitergeben. Und wenn es nicht klappt, macht man halt etwas anderes.

Doch wird hier ein weiteres gegenwärtiges Manko offenbar. Häufig fehlt es an Medienkompetenz und der Content-Creation Kompetenz. Obwohl auch im kirchlichen Diskurs der Slogan Content is King gerade mit Blick auf das Evangelium und den Logos besonders Gewicht haben sollte. Prof. Dr. Marcel Saß aus Marburg sagte dazu: „Religion ist immer medial vermittelt. Das müssen wir ernst nehmen.“ Und: „Gemeinschaft verändert sich. Kirchliche Verbindlichkeitsmodelle stehen in Frage. Dem müssen wir uns stellen.“

Aber niemand lernt im Vikariat wie man das Gemeindebrieflayout gestaltet, sodass die Informationen ansprechend vermittelt werden und schon gar nicht, dass jedes Medium eines eigenes Layouts bedarf, da es womöglich eine ganz andere Zielgruppe anspricht. In der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit fehlt häufig eine Empfängerorientierung. Es reicht nämlich nicht, einfach die Tageslosung bei Instagram zu teilen.

Weg von der Sender- hin zur Empfänger*innenorientierung

Welches Medium spricht eigentlich wen an? Und will meine Followerschaft meine Beiträge im entsprechenden Medium überhaupt sehen?

Am Wochenende in Loccum wurde viel über Facebook gesprochen und wie froh man doch sei, einige Blogger*innen unter den Teilnehmer*innen zu haben. Da stellte sich mir die Frage, wer eigentlich die intendierte Zielgruppe für die hier anwesenden Öffentlichkeitsreferent*innen ist.

Es waren wohl kaum Theologiestudierende. Und wohl auch keine Jugendlichen.

Mein Bruder macht nächstes Jahr Abitur, ist weder bei Twitter, noch bei Facebook und einen Blog hat er auch noch nie gelesen. Der Youtube-Algorithmus schlägt ihm nur Videos von @YesTheory, den @Pietsmiets und @CodyMiller vor und nicht einen von kirchlichen Einrichtungen betriebenen Kanal wie @Jana. Aber was machen diese kirchlichen Kanäle denn besser? Oft wird hier das Argument der Authentizität bemüht. Aber was ist echt, wenn nur die Highlights des Lebens mit dem bestmöglichen Fotofilter veröffentlicht werden?

Digitalität braucht eine neue Medienethik, die theologisch begründet werden muss

Darin sahen die Teilnehmer*innen die größte kirchliche Herausforderung. Sehr viele erstaunlich akutelle Themen und hier bricht dann mein Bild vom verstaubten WDR Computerclub zusammen wurden angesprochen: Wie kann die Gesellschaft mit Künstlicher Intelligenz in Assistenten wie Alexa, Siri & Co oder in autonom fahrenden Autos oder Kampfdrohnen umgehen? Wenn Algorithmen unser Kommunikationsverhalten wandeln, indem sie beispielsweise Filterblasen erzeugen, die von Teilhabe ausschließen, was ist dann? Was kann es bedeuten, dass viele Innovationen von wenigen weißen Männern stammen? Kann die Blockchain dabei helfen, Fakenews zu entlarven und Vertrauen wieder herzustellen?

Kirche sollte sich hier niemals dem Diskurs verweigern und diesen Fragen nicht ausweichen, sondern sich ihnen tapfer stellen.

Für eine neue Medienethik braucht es kluge Köpfe

Und gerade hier entsteht eine Chance für nachhaltige ökumenische Zusammenarbeit. Die EKD und die DBK könnten gemeinsam eine Forschungsstelle mit Webinaren und Bockseminaren für alle Theologiestudierende einrichten, um den Nachwuchs auf die noch kommenden kirchlichen Herausforderungen vorbereiten. Denn Fallstricke gibt es einige. So schildert Prof. Dr. Alexander Filipovic, Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie und am Zentrum für Ethik der Medien sehr treffend „die Idealisierung alter Zeiten, die eigene Rolle als kritische Instanz zu sehen und als apokalyptischer Verführer aufzutreten“ als die großen Hindernisse für eine zielorientierte Diskussion. „Kritisches öffentliches Sprechen kann gelingen, wenn man niemals früher sagt, man Kritik aus den Potentialen einer guten Entwicklung ableiten kann und sich nicht vor den Karren von Bedenkenträgern spannen lässt und stattdessen in Szenarios denkt in der Unsicherheit, wie es ausgehen wird.“

Ich habe ja auch nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen. Aber lasst uns doch einfach mal anfangen und gucken wohin uns die Digitale Welt bringt. Denn wenn Kirche jetzt nicht mitmacht, dann kann sie am Ende nur noch dumm aus der Wäsche gucken.

 

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