Moment Mal: Wundersamer war mir deine Liebe als Frauenliebe Eine queere Betrachtung der Beziehung zwischen David und Jonatan

Der Juni ist – vor allem in englischsprachigen Gegenden – traditionell LGBT+ Pride Month. In Deutschland hat sich diese Bezeichnung zwar noch nicht großflächig durchgesetzt, trotzdem dient der Juni auch hierzulande als Gedenkmonat um auf die Schwierigkeiten des Lebens als queere Person aufmerksam zu machen. In vielen Ländern werden die Öffnung der Ehe oder eine Veränderung des Geschlechteintrags in amtlichen Dokumenten thematisiert. Ebenfalls starten im Juni immer die ersten CSD-Paraden.

Auch die christlichen Kirchen sind dort anwesend. An vielen Orten finden ökumenische Gottesdienste statt und mancherorts wird sich sogar an den Paraden selbst beteiligt. Anlässlich dessen möchte ich heute über eine meiner Lieblingsgeschichten in der Bibel sprechen: Die Geschichte von David und Jonatan.

Nachdem der Hirtenjunge – und spätere König – David den Philister Goliath nur mit einer Steinschleuder besiegt hatte, kommt er an den Königshof von König Saul. Dort lernt David auch dessen Sohn Jonatan kennen und dieser fühlt sich – fast auf der Stelle – eng mit David verbunden:

Da war das Herz Jonatans untrennbar mit dem Herz Davids verbunden, und Jonatan liebte ihn wie sein eigenes Herz.
[1. Sam 18,1]

In der folgenden Erzählung wird deutlich, dass die Beziehung zwischen beiden sehr viel enger ist als eine reine Freundschaft. Besonders von Jonatan wird immer wieder berichtet, dass er David von ganzem Herzen liebt. Jonatan schließt sogar einen Bund mit David, obwohl sie deutlich unterschiedene Positionen in der gesellschaftlichen Hierarchie bekleiden.

Jedoch zieht David, durch seine Erfolge im Kampf gegen den Philister, den Neid und die Wut Sauls auf sich und muss schließlich fliehen. Jonatan trifft sich heimlich mit David und möchte ihm unbedingt helfen, doch kann er den Zorn seines Vaters nur kurzzeitig besänftigen. Schon wenig später muss er David mitteilen, dass er Saul von dem Plan David umzubringen, nicht abbringen konnte. Saul verflucht sogar Jonatan und wirft einen Speer nach ihm.

Jonatan sucht David auf um ihm mitzuteilen, dass er gescheitert ist. Beide weinen und küssen einander. Es wird erzählt, dass besonders David zu leiden scheint. Auf sehr berührende Weise wird hier deutlich, dass die Gefühle Jonatans von David erwidert werden. Jedoch ist dieses Treffen gleichzeitig auch das letzte Treffen der beiden.

In der folgenden Zeit kommt es immer wieder zu Kämpfen mit den Philistern. Als eines Tages David siegreich von einer Schlacht zurückkehrt, wird ihm die Nachricht überbracht, dass Saul und Jonatan in einer anderen Schlacht gestorben sind. Erschüttert von dieser Nachricht, zerreißt David seine Kleider und stimmt ein Klagelied an, welches in einer Liebeserklärung an Jonatan endet:

Schmerz kommt mich an wegen dir, mein Bruder Jonatan, du warst mir so lieb. Wundersamer war mir deine Liebe als Frauenliebe.
[2. Sam 1,26]

Natürlich werden manche Menschen nun betonen müssen, dass es auch möglich sei, dass dies alles nur eine sehr innige, aber platonische, Männerfreundschaft darstelle. Aber anstatt die Texte der Bibel nur durch eine heteronormative Brille zu lesen, wäre es wichtig zu erkennen, dass die Bibel viele, sehr unterschiedliche, Geschichten erzählt. Und einige dieser Geschichten handeln von nicht-heterosexuellen, beziehungsweise von queeren Beziehungen, die sich unseren heutigen Kategorien immer wieder entziehen.

Auch an anderen Orten in der Bibel stößt man auf solche Erzählungen: Die Geschichte von Rut und Naomi und ihrer innigen Beziehung zueinander; die Andeutung zum Verhältnis des Hauptmannes zu seinem Knecht, den Jesus heilt. Wer den Blick ein wenig weitet, erkennt eine oft unbekannte Vielfalt in der Bibel. Durch die traditionellen Lesarten, wird diese Vielfalt oft stark verengt, wenn nicht sogar verfälscht.

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