Ich wünsche mir Frieden

Ich schaue auf mein Handy. Er hat geantwortet. „Untermenschen zählen nicht“, sagt er und beendet die Diskussion. Ich melde ihn. Nichts passiert.
Wir waren – wie in jedem Jahr – auf der friedlichen Gegendemonstration in Bad Nenndorf gegen die jährlichen Naziaufmärsche im August und der parallelen Shabattfeier der jüdischen Gemeinde – direkt an der Aufmarschstrecke der Nazis. Ein Rechter twitterte nach seiner Ankunft, es seien keine Gegendemonstranten im Ort. Ich korrigierte ihn, denn er log. Wir waren da. Und wir waren ein vielfaches mehr als sie. „Untermenschen zählen nicht“, schrieb er. Ich konnte es nicht fassen. Er schrieb über uns, ohne uns zu sehen, ohne uns ansehen zu wollen. Wir waren der Beachtung gar nicht wert. Wir alle. Später haben wir uns gesehen, als sie direkt am Haus der jüdischen Gemeinde vorbeikamen. Statt „Nazis raus!“, sangen wir: Wir sangen jüdische Friedenslieder, wünschten ihnen Shalom, Frieden. Sie konnten uns nicht übersehen.

Es war das erste Mal, dass ich Diskriminierung in dieser Form miterlebte. Nicht nur unsere jüdischen Freundinnen und Freunde wurden auf so menschenverachtende Weise bezeichnet, sondern wir alle, allein weil wir neben ihnen standen. Weil wir auf dieser Seite der Absperrung standen.
Wie leicht gerät man hinein in diesen Hass. Man will zurück schreien, man will ihm das Gegenteil beweisen. Ich wollte es. Aber wir sind nicht nur gegen diesen Hass, wir sind für etwas. Wir haben etwas woran wir glauben und es ist gut. Und deshalb können wir dort stehen – gemeinsam – und vom Frieden singen. Wir können jemandem Frieden wünschen, der uns nicht ansehen will. Wir sehen den Menschen und die Worte, in denen so viel Hass ist. Wenn wir demonstrieren, dann nie gegen Menschen, sondern immer gegen den Rassismus, den sie als Meinung verbreiten wollen.

Dann sind wir als Kirche dort und wir sind auf eine Weise politisch, die uns alle unmittelbar angeht. Wenn die jüdische Gemeinde angegriffen wird, dann betrifft uns das. Wir können es nicht ignorieren, also sind wir bei ihnen, singen gemeinsam. Und wir wissen, dass sie das für uns auch tun würden.
Viele sagen, Kirche dürfe nicht politisch sein. Ich verstehe das in vielen Fällen. Da wo aber Menschenrechte eingeschränkt und mit Füßen getreten werden, wo Menschen aufgrund ihrer Religion, ihrer Herkunft oder sexuellen Orientierung ausgegrenzt und diffamiert werden, darf sie nicht schweigen. Wir können es nicht. Und ich wünsche mir Frieden. So sehr.

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Ein Kommentar

  1. Kirche ist immer politisch. Die christliche Botschaft wendet sich zwar an den einzelnen Menschen, der aber in Sozietäten lebt. Kirche hat immer zu reagieren, wenn es um Nächstenliebe geht. Darum geht es nur! Deshalb ist es Christenpflicht, den Menschenfeinden Lieder der Befreiung entgegenzusingen.

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