Moment mal: Das ungute Gefühl unter dem Kreuz

Mein Moment-mal-Augenblick war am Abend des vergangenen Dienstages: Ich hatte dieses Bild, der bayrische Ministerpräsident Söder mit diesem selten dämlichen Plus-Zeichen in der Hand, schon im Laufe des Nachmittages gesehen, doch erst am Abend wurde mir klar, worum es geht.

Ab Juni soll im Eingangsbereich aller Dienstgebäude in Bayern ein Kreuz hängen, gut sichtbar.

Das gibt mir ein ungutes Gefühl. Denn wenn ich irgendwo – außerhalb von Kirchen, da geht’s in der Regel – ein Kreuz hängen sehe, fühlt sich das erst mal ein wenig beklemmend an. Das erinnert mich immer an das Amtszimmer einer strengen Äbtissin, die mit eiserner Strenge darüber wacht, dass ihre Nonnen auch ja keine sittlichen Verfehlungen betreiben – kennt man ja aus dem Fernsehen. Und ansonsten, auf dem Friedhof, da denkt man eben an Trauer und Tod – auch nicht so schön. Ich brauche meistens eine Weile, bis ich gedanklich die Brücke zum Kreuzestod Jesu schlagen kann: Diese tragische Hinrichtung bedeutet eben doch mehr, und für mich bedeutet sie Erlösung. Meine Schuld wird mir nicht zugerechnet, weil da jemand ist, der die Strafe dafür trägt.

Markus Söder scheint die Assoziationen der Strenge und der Trauer nicht zu haben. Aber auch Erlösung spielt für ihn keine Rolle, wenn es um das Kreuz geht. Sondern etwas ganz anderes: Das aufgehängte Kreuz habe nichts mit Religion zu tun, sondern sei „ein Symbol der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung“. Das Kreuz stehe weiter „für elementare Werte wie Nächstenliebe, Menschenwürde und Toleranz.“

Was mich daran stört – und was wahrscheinlich der eigentliche Grund für mein eingangs erwähntes ungutes Gefühl ist – ist die Degradierung des Erlösungssymbols zu seinem Identitätssymbol, das vor allem eines signalisieren soll: Abgrenzung. Wenn Ministerpräsident Söder nämlich den Gekreuzigten zu einem Bekenntnis zur bayrischen Identität befördert, postuliert er ein absurdes „Wir gegen die“ und macht all jene Bürger, für die das Kreuz eben weder Kultur, noch Erlösung bedeutet, zu Bayern zweiter Klasse. Angesichts eines solchen Vorgangs von Nächstenliebe, Menschenwürde und Toleranz zu sprechen, ist geradezu pervers.

Übertroffen wird das eigentlich nur noch dadurch, dass die Politik der CSU in den letzten Monaten nicht viel mit diesen Werten zu tun hatte. Wer von Toleranz spricht, kann nicht viereinhalb Millionen Menschen absprechen, dass ihre Religion Teil der Gesellschaft ist. Wer von Würde und Liebe spricht, kann nicht einen radikalen Abschottungskurs fahren, der dazu führt, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken.

Jesus Christus, der Erlöser, an den ich glaube, kann nichts dafür, dass er jetzt als Abgrenzungs- und Identitätssymbol in bayrischen Behörden hängt. Es bleibt uns daher nur die Hoffnung des Kreuzes: Dass die Menschheit tatsächlich Erlösung erfahren darf, durch die jede Form des „Wir gegen die“ überflüssig wird.

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