Moment Mal: Was ist eigentlich gerade los in der Slowakei? Ein kirchenpolitisches Update über Erfolge, Ernüchterung und Mut

Die kleine Slowakei, halb so viele Einwohner wie Baden-Württemberg und in Bezug auf die Fläche nur drei Mal Thüringen abdeckend (Saarland-Vergleiche sind so 90er) schafft es gerade regelmäßig mit politischen Verwicklungen, die man sonst nur aus House of Cards kennt, auf sich aufmerksam zu machen.

Nachdem ein Journalist, der gerade die Verbindung höchster Regierungskreise zur Mafia aufgedeckt hatte, zusammen mit seiner Freundin ermordet wurde, sind erst eine Reihe von Ministern zurückgetreten und nun sogar schließlich der Ministerpräsident Fico. Doch davon kann man genug anderswo lesen.

Tatsächlich gibt es auch kirchenpolitisch interessante Entwicklungen, die es wieder nicht auf die deutschen Titelseiten geschafft haben. Vor einigen Monaten – im September des letzten Jahres – schilderte Ondrej Prostrednik in einem Interview hier auf theologiestudierende.de seine Auseinandersetzung mit der Slowakischen Evangelischen Kirche Augsburger Bekenntnisses, die ihm, nachdem er sich auf einer Regenbogen-Parade für eine Öffnung der Kirche gegenüber der LGBTQ-Bewegung ausgesprochen hatte, seinen kanonischen Lehrauftrag entzog, ohne den er an der staatlichen Comenius Universität in Bratislava nicht lehren konnte.

Prostrednik zog vor das Kirchengericht. Nun sieht es so aus, als könnte er einen Teilerfolg erlangen. Das Gericht entschied, dass die Lehrerlaubnis auf Grund formaler Fehler nicht rechtmäßig war, weil das Recht Prostredniks auf Verteidigung und sein Recht auf ein zweifstufiges Verfahren zum Entzug der Lehrerlaubnis verletzt wurden. Nun sieht es so aus, als könne Prostrednik im nächsten Semester wieder Vorlesungen halten könne. Ein Teilerfolg!

Dass gleichzeitig der Konflikt um die Öffnung gegenüber der Moderne, der sich auch im Fall Prostrednik äußerte, nicht zu Ruhe kommt, zeigt eine andere Debatte, die seit letztem Jahr in der Slowakei tobt. Zwar ist sie durch die hitzigen Ereignisse der letzten Monate wieder in den Hintergrund gerückt, aber noch nicht zu einem Ende gekommen.

Nachdem die Regierungsparteien im letzten Jahr die Ratifizierung der Instanbul-Konvention diskutiert hatten, forderte die katholische Kirche im Dezember letzten Jahres die Konvention nicht zu unterzeichnen. Die Konvention, mit dem offiziellen Titel „Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ war 2011 von 42 Staaten erarbeitet und unterzeichnet und bis jetzt von 27 Staaten auch ratifiziert worden (Deutschlands Ratifizierung ist auch gerade mal 5 Monate her…).

Die Ablehnung dieser Konvention ist gezeichnet von der Angst vor der Durchsetzung von Gender-Mainstreaming-Maßnahmen, wie sie angeblich durch die Instanbul-Konvention gefordert werden. Ministerpräsident Fico lies verlauten, dass die Instanbul Konvention in Widerspruch zur Definition der Ehe im slowakischen Grundgesetz stehe.¹ Im Februar diesen Jahres folgte dann eine konzertierte Aktion der großen Kirchen, die die Regierung aufforderten, das Dokument nicht zu unterzeichnen.

Aber focht Ondrej Prostrednik den Kampf für die Öffnung gegenüber sexuellen Minderheiten noch relativ alleine, stehen ihm diesmal zahlreiche Geistliche zur Seite, die in einer Stellungnahme in einer der größten slovakischen Zeitungen darauf aufmerksam machten, dass sie die Ablehnung der Kirche gegenüber der Istanbul-Konvention nicht teilen.

Sie fordern die Kirchen auf, im biblischen Sinne das Licht auf dem Berg und das Salz der Erde in einer Gesellschaft zu sein, die sich nach Antworten auf aktuelle Fragen sehnt. Sie wollen Teil des diskursiven Prozesses sein und die Gesellschaft mitgestalten. Sie stellen heraus, dass der Rückzug vom Abkommen sowohl die slowakische Verfassung und Republik, die auf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrecht aufbaut, in Frage stellt und betonen, dass die Rollenbilder in der Konvention voll auf dem Boden biblischer Überlieferung stehen.

Der am Donnerstag zurückgetretene Ministerpräsident hatte trotzdem angekündigt, die Instanbul-Konvention nicht zu ratifizieren und sogar die Unterschrift zurückzuziehen.

Ich bin enttäuscht von einer Kirche, die in der Führung ideologischer Grabenkämpfe nicht den Mut hat, gegen Gewalt und Unterdrückung einzustehen. Ich bewundere Menschen wie Prostrednik, die trotz erfahrener und zu erwartender Repressionen, weiterhin mutig sind. Und ich wünsche der Evangelischen Kirche, genauso wie ich es meiner Württembergischen Landeskirche und vielen anderen wünsche, dass im Ringen um den richtigen Weg nie die Menschen aus dem Blick geraten, die sie erreichen will: die Menschen, die Fürsprache brauchen, die Menschen, die von der Kirche enttäuscht sind, die Menschen die auf die Zukunft der Kirche hoffen.

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¹https://www.euractiv.com/section/future-eu/news/after-bulgaria-slovakia-too-fails-to-ratify-the-istanbul-convention/

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2 Kommentare anzeigen

  1. Labolg

    So sehr der Einbezug von Minderheiten erwünscht ist, muss doch bei der Kirchen- diskussion der „Ehe für alle“ eine wichtige Gruppe beachtet werden. Die Ehe für alle bringt nämlich eine Diskriminierungsgefahr von Kleinkindern: Das eigentlichen Problem ist die Homo-Adoption von Kleinkindern: Sicher wird das volle Adoptionsrecht hinzukommen. Aber das eigentliche Kindeswohl steht nur bedingt im Mittelpunkt der gleichgeschlechtlichen Adoptionswünsche und ist auch durch sicher in vielen Fällen gegebene, beachtliche Liebeszuwendung nicht zu garantieren. Denn eigentümlicherweise wird durch diejenigen, welche Freiheit in jeder Beziehung fordern, eine Beschneidung der Freiheit der Kinder billigend in Kauf genommen.
    Im Gegensatz zu einem Kind in einer Vater-Mutter-Gruppierung, erleidet das in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung heranwachsende Kind eine gewisse Deprivationssituation bzw. Diskriminierung, da ihm der enge Kontakt mit der Gegengeschlechtlichkeit verwehrt bleibt (Fehlende Aktivierung von wichtigen Spiegelneuronen).
    Die Frage nach dem Wohl des Kindes wird hier bei der versuchten Verwirklichung abstrakter Gleichheitsideen oder dem Versuch der Beseitigung eines auszuhaltenden, vielleicht unangenehmen Defizits, in der Regel gar nicht erst gestellt.
    [Einzelheiten über „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ sind in dem Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 6. Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2014: ISBN 978-3-9814303-9-4 nachzulesen]

    • Christine Fuhrmannek

      „Im Gegensatz zu einem Kind in einer Vater-Mutter-Gruppierung, erleidet das in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung heranwachsende Kind eine gewisse Deprivationssituation bzw. Diskriminierung, da ihm der enge Kontakt mit der Gegengeschlechtlichkeit verwehrt bleibt (Fehlende Aktivierung von wichtigen Spiegelneuronen).“

      Ich möchte auf diese Passage der Ausführung oben eingehen und fragen: Wenn der Kontakt mit Gegengeschlechtlichkeit so wichtig für die Aktivierung von wichtigen Spiegelneuronen ist, dass sogar das weiter oben genannte Kindeswohl gefährdet ist, wie steht es denn dann um all die Kindern von alleinerziehenden Müttern oder Vätern? Rund 20% der Eltern in Deutschland sind alleinerziehend, da fehlt doch auch die Gegengeschlechtlichkeit, oder? Was ist mit den ganzen verwitweten Frauen der Kriegsgeneration, die ihre Kinder allein groß ziehen mussten? Das Argument kann mich nicht überzeugen, denn abseits der vielen Menschen, die ohne Gegengeschlechtlichkeit der Eltern (weil alleinerziehend oder eben verwitwet oder homosexuell) gesund aufgewachsen sind, wird Gegengeschlechtlichkeit nicht nur bei den Eltern wahrgenommen, sondern überall in der Umwelt. Geschwisterkinder haben evtl. ein anderes Geschlecht, Großeltern leben evtl. in einer heterosexuellen Partnerschaft, Onkel, Tanten, ErzieherInnen.

      Von einem „unangenehmen Defizit“ zu sprechen, wenn es um einen Kinderwunsch bzw. dem Wunsch nach Adoption geht, finde ich persönlich unangemessen. Ein unangenehmes Defizit klingt so profan wie meine Matheschwäche, doch der Wunsch nach Familie ist viel tiefgreifender.

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