Toxic Masculinity und Ich Eine Entschuldigung und eine Erläuterung
Foto: Photo by Serkan Göktay (CC0)

Als ich mein Moment Mal vorletzte Woche schrieb, tat ich dies mit sehr ambivalenten Gefühlen. Waren meine Gründe, genau diesen Artikel zu schreiben, stichhaltig genug? Wie würde der Artikel bei den Leser_innen ankommen? Hatte ich die richtigen Worte getroffen, um das zu sagen, was ich sagen wollte? Begehe ich den gleichen Fehler, wie viele Männer vor mir?

Kurz vorm Absenden des Artikels war ich drauf und dran ganz von vorn anzufangen, ein anderes Thema zu wählen, ein „ungefährlicheres“. Denn es ist ein „gefährliches“ Thema: Männer lernen von klein auf eine sexistische Sicht auf die Welt und wir leben in einer Gesellschaft, in der (vor allem Männer) Sexismus untereinander immer affirmieren.

Als der Artikel Montag morgens veröffentlicht wurde, las ich ihn mir nochmal durch und hoffte, dass allen Leser_innen klar sein würde, was meine Motivation war: Der Beginn eines Gesprächs unter Männern über den Prozess des Verlernen unseres Sexismus, der uns und unserer Umwelt und insbesondere allen anderen Geschlechtern schadet, ein Gespräch darüber, dass niemand von uns allein ist in diesem schwierigen Prozess und dass wir uns darin gegenseitig unterstützen müssen.
Einen feministischen Text wollte ich nicht schreiben. Ich wollte mich nicht als „‚einen von den Guten“ darstellen. Ganz im Gegenteil: Ich wollte mit Männern ein Gespräch anfangen, dass wir die Sünder sind und die sind, die auf Vergebung hoffen müssen, auf die Chance einen Neuanfang starten zu dürfen, eine Möglichkeit unseren Sexismus zu verlernen.

Aber das hat nicht vollkommen funktioniert, wie mir durch Julianes Text diesen Montag bewusst gemacht wurde. Offensichtlich hatte ich nicht vermocht, mich so auszudrücken, dass meine Absichten klar wurden und ich habe Fehler gemacht, die ich eigentlich vermeiden wollte. Das tut mir Leid und ich bitte dafür um Entschuldigung.

Ich versuche hiermit einen zweiten Anlauf zu nehmen, versuche die richtigen Worte zu treffen, die vermögen das auszudrücken, was ich fühle:

Toxic masculinity

Juliane stellt die Frage „Warum gibt es nicht mehr Artikel von Männern zur toxic masculinity?“ Das Wort findet sich bei mir nirgendswo ausgeschrieben, was aber nicht heißt, dass es nicht behandelt wird.

Um die aufgeworfene Frage aufzunehmen und um das deutlich zu machen, was es letzte Woche nicht in den Text geschafft hat:
Toxic masculinity ist der Grund, warum ich mich immer wieder gegen den schleichenden Gedanken wehren muss, warum ich kein Sport treibe oder wenigstens Diät mache. Toxic masculinity ist der Grund, warum ich in der sozialen Hierarchie unter Männern immer weiter unten stand. Toxic masculinity lässt mich Fähigkeiten zweifeln, die ich eigentlich gut beherrsche. Toxic masculinity ist der Grund, warum mein Selbstwertgefühl zum größten Teil an der Reaktion anderer hängt. Es basiert darauf, dass ich von anderen vermittelt bekomme, dass ich klug, gebildet und ähnliches bin.

Doch was passiert, wenn diese Reaktion nicht eintritt? Was passiert, wenn einem die Gesellschaft nicht immer wieder vermittelt, dass MANN der Beste ist? Oder um es konkret zu machen: Was passiert, wenn ich erkenne, dass ich nicht als sehr gebildet oder klug wahrgenommen werde? Ich verliere jegliches Selbstwertgefühl. Wer soll ich denn sonst sein, als der Gebildete oder der Kluge? Welchen Wert für die Gesellschaft habe ich, wenn ich nicht der Klügste oder Gebildeste bin? Diese Männlichkeitsverständnis ist höchst giftig für die psychische Gesundheit.

Damit beginnt der Teufelskreis: Ich nehme mir immer mehr vor um ein Ziel zu erreichen, was von Anfang an unerreichbar und immer mehr in die Ferne rückt. Melanchthon schrieb mit 20 Jahren ein einflussreiches Grammatikbuch des Griechischen. Tillich promovierte mit 24 Jahren und Bonhoeffer mit 21 Jahren. Karl Barth war mit 25 Jahren Pfarrer. Jean-Paul Sartre veröffentlichte mit 18 Jahren erste Romankapitel und eine Novelle. Und Marvin Gärtner? Marvin sitzt mit knapp 22 Jahren in seinem 10. Semester, noch weit entfernt vom Bachelor in irgendeiner Universität. Toxic masculinity ist ein Arschloch.

Eine Ergänzung zum Moment Mal

Juliane hat mir mit ihrem Text bewusst gemacht, dass meine Herangehensweise einige Fehler hatte, weshalb ich noch einmal meine Gedanken von letzter Woche ausführen möchte:

Ich schrieb davon, dass ich versuche, von außen zu betrachten, wie ich mich im öffentlichen Raum bewege. Ich brachte das Beispiel, dass ich die Straßenseite wechsle, wenn sich die Person vor mir unwohl zu fühlen scheint. Doch es gibt auch Situationen, in denen das Verhalten von Männern mich unsicher fühlen lässt und dabei habe ich durch meine Körperfigur und -aussehen ein gewisses Privileg.
An Karneval oder bei Fussballspielen passiert das besonders häufig: betrunkene Männergruppen sind im öffentlichen Raum unterwegs oder fahren in öffentlichen Verkehrsmittel. Egal ob sie wollen oder nicht vermitteln sie ein Gefühl der Bedrohung. Als jemand, der nicht zu solchen Gruppen gehört, der nicht ihren Ansprüchen entspricht, bete ich jedesmal, dass sie mich nicht bemerken mögen. Wenn sie lachen, habe ich das Gefühl, sie lachen über mich.

Und in genau diesen Momenten sorge ich mich oft, ob ich ähnliche Reaktionen bei anderen auslöse. Bin ich es dann, der bedrohlich wirkt? Deshalb schrieb ich darüber, dass ich versuche mein Verhalten im öffentlichen Raum zu reflektieren. Ich möchte nicht in anderen dieselbe Sorge oder sogar Angst auslösen, die ich habe. Ich wollte mich nicht „auf die richtige Seite stellen“, ich wollte nur unter Männern darüber reden, dass unsere Körperstereotypen in der Gesellschaft anders wahrgenommen werden – egal von wem.

Ganz ähnlich ist bei meiner Aussage zum Gesprächsanteil von Männern. In Seminaren erlebe ich oft, dass Männer in der unzähligsten Iteration ihrer persönlichen Erlebnisse, die nur marginal mit dem Thema zu tun haben, jegliches interessante Gespräch verhindern.

Ich fand den Punkt, dass dadurch Menschen anderer Geschlechter weniger zu Wort kommen, wichtiger, als dass diese (meist weißen, norm-schönen und äußerst selbstsicheren) Männern auch andere weniger selbstbewusste Männer einschüchtern.
Aber gleichzeitig erlebe ich, dass ich auch bei manchen Themen anfange, unendlich lang zu reden (während ich diese Zeilen schreibe, kommt mir auch bei diesem Text immer wieder dieser Gedanke). Ich werde für andere zu dem Charakter, den ich ansonsten verabscheue. Ich bin diese egoistische Person, die nur an sich selbst denkt. Mir wurde anerzogen, ich sei klug und stark und müsse mich durchsetzen. Aber wer bleibt dabei auf der Strecke?
Und deshalb schrieb ich darüber, dass wir Männer über unser Gesprächsverhalten nachdenken und etwas verändern müssen, weil es eine negative Wirkung auf alle anderen Menschen um uns herum hat.

Ich habe den Titel #churchtoo und die männliche Perspektive genau deshalb gewählt, weil aus unserer Perspektive sind wir die, die Gewalt antun – anderen Menschen und uns selber. Ich möchte diese Perspektive wahrnehmen und ergreifen, weil ich nicht weiß, wie ich etwas ändern sollen kann, wenn ich nicht verstehe, wie ich andere verletze.

Abschließend hoffe ich, dass ich diesmal bessere und klarere Worte getroffen habe und die Ausführlichkeit geholfen hat, das zu vermitteln, was ich rüberbringen wollte.
Aber auch bete ich dafür, dass wir Männer offener und ehrlicher über unser Verhalten und unsere Gefühle sprechen, so dass wir andere und uns in Zukunft nicht mehr verletzen mögen.

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