Moment Mal: Die Penismonologe

Seit #metoo den feministischen Diskurs[1] in den Mainstream gerückt hat, gibt es grob gesagt drei Kategorien, wie (Cis-)Männer reagieren: Die meisten tun gar nichts. Es geht sie schließlich nichts an. Ist Frauensache. Und sie selbst sind schließlich nicht die Art von Kerl und somit nicht Teil des Problems. Ein paar wenige distanzieren sich von der sogenannten „Hexenjagd“ und erinnern an das juristische Prinzip in dubio pro reo. Viele Männer sind nun aber auch sehr eifrig dabei, feministische Artikel mit dem Kommentar, wie wichtig doch die Gleichberechtigung der Frau sei, zu teilen (sehr löblich) — Oder noch viel besser: sie verfassen sie selbst. Es gibt natürlich auch solche, die meinen, das mit dem Feminismus gehe zu weit, schließlich dürfen Frauen doch inzwischen wählen, da sollten wir mal endlich unsere Klappe halten, aber um die soll es heute nicht gehen.

Dieser Kommentar ist eine direkte Antwort an jene, die zwanghaft versuchen zu zeigen, dass sie auf der richtigen Seite stehen und deswegen ununterbrochen davon sprechen, dass doch endlich mal die Frauen zu Wort kommen sollen (und dafür dann noch ein anerkennendes Schulterklopfen erwarten). Denn, seien wir mal ehrlich: wie ironisch bitte ist eine Kolumne, die nach fast 600 Wörtern eigentlich nichts anderes fordert, außer dass Männer es lernen müssen, sich in Diskussionen auch mal zurückzunehmen?

Zur Erinnerung:

„Zu gerne hören wir uns selber reden und zu selten hören wir denen zu, die versuchen etwas zu verändern“

„Sich selbst in Gesprächen zurückzunehmen, andere zu Wort kommen zu lassen und anderen zuzuhören fällt vielleicht nicht jedem leicht, aber es führt zu besseren Gesprächen. Es ist wichtig die Stimmen derer zu verbreiten, die selten zu Wort kommen. […] Dabei müssen, dürfen und können gar nicht wir die Frauen befreien. Wir müssen nur ‘einfach’ aufhören zu versuchen, unsere Machtposition zu behalten.“

Wer hat also das Recht, sich zu Feminismus zu äußern? Im Prinzip alle, denn Sexismus betrifft alle, aber nicht alle gleichermaßen. Weil Frauen prinzipiell als schwächer, emotionaler und damit irrationaler und deswegen dümmer gelten, profitieren Männer im von diesen sexistischen Zuschreibungen. Die gelten dann nämlich automatisch als schlau, stark, universal versiert, technikbegabt, sportlich, … Die Liste ließe sich endlos fortsetzen, kurz gefasst: Männer gelten als Norm, an der sich der Rest der Welt (also Frauen, Trans-Männer, Intersexuelle, …) messen lassen muss. Aber ähnlich, wie die Zuschreibung „schön“ auf Frauen einen enormen Druck ausübt und Schönheit letztendlich ein weiteres Unterdrückungsinstrument darstellt, so entsteht eben auch ein bestimmtes Bild von Männlichkeit, dem Männer zu entsprechen haben, wenn sie ihre Männlichkeit bewahren und nicht „pussies“ oder „Weichei“ genannt werden wollen. Das wird im Englischen, mangels passender Übersetzungsmöglichkeiten bisher auch im Deutschen, toxic masculinity genannt.

Toxisch, weil es Mann-Sein mit übernatürlichen Erwartungen überfrachtet, die Gift für jedes Ego, für jede Beziehung und für jede Gesellschaft sind. Ohne dafür Expertin zu sein, würde ich den Begriff der toxic masculinity weiter mit Stärke, Versorger Sein, keine Gefühle außer Wut und vielleicht Freude über einen Sieg zeigen, gewinnen, Sport, Aggressivität, Gewalt, etc. weiter füllen. Aber ich bin es nicht, an die solche Erwartungen herangetragen werden, sondern erfahre dieses Bild natürlich nur als Frau.

An dieser Stelle frage ich (mich): warum gibt es nicht viel mehr Artikel von Männern zur toxic masculinity? Liegt es daran, dass es mehr Mut braucht, sich als verletzlich zu outen und damit angreifbar zu machen, als sich als Verbündeter zu brüsten, der natürlich hinter den Frauen steht? Liegt es vielleicht daran, dass man tatsächlich von der Machtposition des Patriarchats ein klitzekleines bisschen herabsteigen würde, wenn man zugibt, dass auch Männer dem Image der toxic masculinity nur im seltensten Fall gerecht werden können? Über toxic masculinity zu sprechen ist laut der Eigenlogik der toxic masculinity Schritt, der der E-maskulination gleichkommt. Schließlich haben „richtige“ Männer mit diesem ganzen „Feminazi-Kram“ nichts am Hut, und außerdem haben sie sowieso keine Gefühle oder stehen unter Druck. Von Gesprächen mit Männern weiß ich jedoch, dass diese sehr wohl Gefühle haben, nicht alle unter einem ständigen Trieb leiden, ihre Penisse irgendwo hinein stecken zu müssen und dass ein guter Modegeschmack weder ein Indiz für das Geschlecht noch für Sexualität sein muss. Um auf den Auslöser für diesen Artikel zurückzukommen: schreibt ruhig über Feminismus, liebe Männer, und bezieht euch auch gerne auf Erkenntnisse aus der weiblichen Perspektive. Aber verkauft diese Erkenntnisse dann bitte nicht als #metoo aus männlicher Perspektive. Mich würde es viel mehr interessieren, wie die Erwartungen an Männer zu einer sexistischen Welt beitragen und wie man diese abschaffen kann. Und das wär dann auch zielführender, wenn es wirklich um die Beseitigung des Patria… äh des Sexismus gehen soll.

Sexismus wird in den Medien vor allem als Mobbing-Strategie betrachtet, mithilfe derer sich Männer an der Macht halten. Die meisten Männer wissen aber gar nicht, dass sie an der Macht sind (wollen sie dann aber trotzdem nicht teilen, s. Quotendiskussion) und die meisten Männer mussten bisher auch noch nie ihre Rolle als Mann in der Gesellschaft überdenken. Warum diese Chance verstreichen lassen und aus der #metoo-Debatte nicht auch eine Debatte über Geschlechterbilder entwickeln? Das würde Männer näher an die Diskussionsebene mit Frauen bringen, und sie könnten sich tatsächlich solidarisch zeigen, indem sie sich an den Gesprächen beteiligen.

Was das nun alles mit Theologie zu tun hat? naja, #churchtoo

[1] Übrigens: Den feministischen Diskurs gibt es so nicht!

4 Kommentare anzeigen

  1. Emanuel

    „Seit #metoo den feministischen Diskurs[1] in den Mainstream gerückt hat, gibt es grob gesagt drei Kategorien, wie (Cis-)Männer reagieren: Die meisten tun gar nichts. Es geht sie schließlich nichts an. Ist Frauensache. Und sie selbst sind schließlich nicht die Art von Kerl und somit nicht Teil des Problems. Ein paar wenige distanzieren sich von der sogenannten „Hexenjagd“ und erinnern an das juristische Prinzip in dubio pro reo. Viele Männer sind nun aber auch sehr eifrig dabei, feministische Artikel mit dem Kommentar, wie wichtig doch die Gleichberechtigung der Frau sei, zu teilen (sehr löblich) — Oder noch viel besser: sie verfassen sie selbst.[…]

    Dieser Kommentar ist eine direkte Antwort an jene, die zwanghaft versuchen zu zeigen, dass sie auf der richtigen Seite stehen und deswegen ununterbrochen davon sprechen, dass doch endlich mal die Frauen zu Wort kommen sollen […]. Denn, seien wir mal ehrlich: wie ironisch bitte ist eine Kolumne, die nach fast 600 Wörtern eigentlich nichts anderes fordert, außer dass Männer es lernen müssen, sich in Diskussionen auch mal zurückzunehmen?“

    Also wünschen Sie sich, dass Männer nicht über dieses metoo sprechen. Teilen dürfen sie die entsprechenden Beiträge dann? Aber, wenn sie nichts dazu sagen, ist das dann nicht ignorant? Der von Ihnen aufgegriffeene Artikel hat neben vielen Absurditäten vor allem eine Selbstaufforderung an Männer zum Inhalt. Also bei aller Pauschalisierung des Beitrags ging es dem Autoren eben darum, wie sich Männer aus seiner Sicht angesichts metoo verhalten könnten. Der Artikel richtete sich insofern ja nicht an Frauen oder machte Aufforderungen an sie. Das lässt fragen: a) warum hängen Sie sich in eine interne Debatte hinein, verdrehen sie und wollen am Ende dem Menschen, weil er sich als Mann bezeichnet, das Wort verbieten? Sollten, wenn Frauendiskurse nur vor Frauen adäquat geführt werden können, nicht Männerdiskurse nur von Männern geführt werden können?
    b) Was jetzt, sollen die Männer schweigen, oder nicht, zu diesem metoo?
    c) Wenn Ihnen der Beitrag nicht gefällt, können Sie ihn ganz einfach ignorieren. Niemandem wird ein Beitrag eines lustigen kleinen Blogs, der sich viel zu wichtig nimmt, aufgezwungen. Und tun Sie nicht so, als würde er Ihnen aufgezwungen. Das ist, als würden Sie einem Menschen ein Messer in die Hand legen, dann seine Hand auf Ihren Arm drücken und sich dann beschweren, dass er Sie in den Arm geschnitten habe.

    • Sally

      Ich musste gerade laut auflachen. Sie, Emanuel, schlagen der Autorin vor, einen Artikel zu ignorieren, der ihr anscheinend nicht gefallen hat – kommentieren dann aber wiederum (mit einem ziemlich langen Beitrag!) den Artikel, der Ihnen nicht gefällt… Fällt es Ihnen selber auf?

      • Emanuel

        Natürlich, weil ich ja auch nicht gefordert habe, dass bestimmte Gruppen von Menschen sich zu gewissen Themen nicht mehr äußern dürfen – sie aber schon. Warum wird Länge qualifiziert? Sind kurze Antworten pauschal besser? Aber das ist ja wie im Ausgangspost: Die Autorin bemängelt am von ihr kritisierten Autor, dass er sehr viel Text schreibt, um seine Sicht zu verdeutlichen. Ich empfehle, demnächst auf Argumentationsgänge zu verzichten. Macht sich bestimmt besser.

  2. JD

    Also den zweiten Teil des Artikels finde ich gelungen und interessant, den ersten leider eher weniger. Ich verstehe nicht wirklich, was an dem Eintrag von Marvin so schlimm war. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass er ein „Schulterklopfer“ haben wollte. Vielleicht gibt es da auch etwas, dass ich als Cis Mann einfach nicht sehe? Die Beteiligung am Diskurs bedeutet ja nicht, dass andere Meinungen verdrängt oder nicht gehört werden können. Hingegen lebt er von verschiedenen Perspektiven, selbst wenn am Ende das gleiche bei rauskommt.

    Zum Thema toxic masculinity, hier wird es interessanter: Tatsächlich gibt es wenige Artikel dazu und wahrscheinlich noch weniger im Bereich Kirche. Mich würde interessieren wo die Autorin vielleicht im Deutschen Kirchenumfeld mit dem Thema in Kontakt gekommen ist?

    Im übrigen empfinde ich, dass der Begriff „giftige Männlichkeit“, so sehr er auch in beide Seiten gedacht werden kann, eine sehr vorverurteilende Konnotation hat. So macht er sich wahrscheinlich einfach nicht besonders gut als Thema in diversen Männerblogs/Zeitungen.

    LG JD

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.