Moment Mal: #churchtoo und die männliche Perspektive

Ich habe länger mit mir gehadert, ob ich diesen Artikel wirklich schreiben soll. Das hat verschiedene Gründe. Mara hatte nicht nur schon vor ein paar Monaten hier über #metoo und in der ZEIT über #churchtoo geschrieben, ich wollte mich auch nicht einem Thema aufdrängen, bei welchem es  zentral darum geht, dass Frauen — und nicht Männer — das Wort haben. Außerdem gibt es schon zu viele Texte von Männern über #metoo und #churchtoo, in denen die erfahrene Gewalt verharmlost oder sogar geleugnet wird.

Aber warum habe ich mich jetzt trotzdem dazu entschieden über #churchtoo zu schreiben? Einerseits hoffe ich, einen Gegenpol, zu all den schlechten Artikeln von Männern setzen zu können, andererseits möchte ich zeigen, dass ein Umdenken vielleicht nicht einfach, aber bestimmt nicht unmöglich ist.

Kirche ist noch immer viel zu oft ein Männerverein. Zu gerne hören wir uns selber reden und zu selten hören wir denen zu, die versuchen etwas zu verändern. Im Vergleich zu Frauen besitzen Männer hier viele Privilegien. Gerade bei einem Thema wie #metoo/#churchtoo geht es um die Gewalt, die Frauen erfahren haben. Ich finde es dann unverantwortlich, dass Männer diese Gewalt verharmlosen.
In den letzten Monaten gab es zu viele Artikel in denen Männer Frauen vorwarfen zu emotional zu sein oder nicht den ‚richtigen Weg‘ gegangen zu sein und einen Prozess abgewartet haben. Immer wieder suchen Männer die Schuld bei anderen oder weisen jede Verantwortung von sich. Frauen hätten sich entweder ‚falsch‘ gekleidet oder nicht laut und klar genug nein gesagt.

Doch es ist an der Zeit, dass Männer eine andere Rolle einnehmen. In den biblischen Geschichten der Propheten sind wir das Volk, welches vom Weg abgekommen ist, Männer sind die Stadt, der Verwüstung prophezeit wird, aufgrund sündhafter Taten. Denn Sexismus und sexistische Gewalt ist Sünde. Es ist an der Zeit, dass wir Buße tun und umkehren.

Das kann auf verschiedene Arten passieren und wird bestimmt keine leichte Aufgabe sein, ganz im Gegenteil: Der Weg wird lang, hart und schwer sein.

Er beginnt bei der Verurteilung von Sexismus, doch führt weiter: über das Nicht-zulassen herablassender Witze im Freundes- und Kollegenkreis, aktiv Frauen in Positionen zu vorzuschlagen und zu wählen, Veranstaltungen zu organisieren zu denen Frauen eingeladen werden, bis zum Kritisieren und Boykottieren von sogenannten ‘all-male-panels’. Doch es muss auch eine Veränderung in uns selber stattfinden. Wir können dran arbeiten, anderen und vor allem Frauen nicht mehr ins Wort zu fallen, uns selber und unseren Redeanteil aktiv zu reflektieren.

Es geht hier (leider) nicht um Erfolge, die über Nacht passieren. Das Verlernen patriarchaler Verhaltensweisen dauert seine Zeit, doch jeder einzelne Schritt ist wichtig. Wenn ich mich im öffentlichen Raum bewege, versuche ich darüber nachzudenken, wie mein Verhalten auf andere wirkt. Wenn ich nachts unterwegs bin, wechsel ich die Strassenseite, wenn sich die Person vor mir unwohl zu fühlen scheint. Wenn jemand die Kleidung von Frauen als zu freizügig beurteilt, interveniere ich und versuche darzulegen warum es ungerecht ist darüber zu urteilen.

Sich selbst in Gesprächen zurückzunehmen, andere zu Wort kommen zu lassen und anderen zuzuhören fällt vielleicht nicht jedem leicht, aber es führt zu besseren Gesprächen. Es ist wichtig die Stimmen derer zu verbreiten, die selten zu Wort kommen. Zu oft wird in den letzten Jahren immer und immer wieder dieselbe sexistische und paternalistische oder rassistisch und nationalistische Meinung wiederholt.

Dabei müssen, dürfen und können gar nicht wir die Frauen befreien. Wir müssen nur ‘einfach’ aufhören zu versuchen, unsere Machtposition zu behalten. Laßt uns gemeinsam den Mut fassen, uns selbst zu verändern.

Ein Kommentar

  1. musste man wirklich erst auf #metoo und #churchtoo warten, um das thema gewalt aufzugreifen? der heimkinderskandal war offenbar kein anknüpfungspunkt. zwar gab es „Betroffenheitgestammel“, wie es Helmut Jacob (ehemaliges Heimkind) treffend ausgedrückt hat; ein bischof warf sich sogar vorm altar auf den boden. aber die fast mafiöse phalanx zwischen staat und kirchen sorgte am runden tisch für eine billige entsorgung des problems. die meisten kollegen ducken sich weg. auf meinen artikel im pfarrerblatt gab es keinen einzigen kommentar. wenn aber der opfertod jesu thematisiert wird, dann gibt es viel resonanz.
    meine buchempfehlung (rezension): Damit der Boden wieder trägt – Seelsorge nach sexuellem Missbrauch https://dierkschaefer.wordpress.com/2016/01/25/damit-der-boden-wieder-traegt-seelsorge-nach-sexuellem-missbrauch/
    mein artikel: Scham und Schande – Die Kirchen und die Heimkinderdebatte
    http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv.php?a=show&id=2812

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