Moment Mal: Kein Kompromiss, nirgends
Foto: Edwin Andrade (lizenzfrei)

Eigentlich bin ich ein ziemlich entschlossener Mensch. Wenn ich zu einer Meinung gelange – oder sie zu mir –, dann stehe ich fest. Dann bin ich überzeugt und will überzeugen. Dann gebe ich nicht nach. Dann gibt es keine Kompromisse, weil meine ganze Meinung richtig und wichtig ist. Das gilt für politische Überzeugungen ebenso wie für theologische Ansichten. Aber zwei Ereignisse der letzten Wochen bringen mich ins Nachdenken: Zeigt sich im Kompromiss nicht wahre Größe?

Früher hätte ich Christian Lindners Schritt, die Sondierungen platzen zu lassen, als mutig und klar gewürdigt. (Verständnis für die liberale Politik des ungezügelten Marktes hatte ich allerdings nie – ehrlich!) Und erst der radikale Satz „Lieber nicht regieren als falsch regieren“ WOW! Aufrecht zu den eigenen Überzeugungen stehen, das flößt Respekt ein. Und trotzdem bleibt ein schales Gefühl zurück, eine Enttäuschung darüber, dass auch in wochenlangen Gesprächen kein Kompromiss gefunden wird, der eine Zusammenarbeit möglich macht. Wenn schon die Profis nicht zueinander finden – Verwundert es dann, dass Gräben in der Gesellschaft unüberbrückbar werden? Dass politische Risse zu privaten Zerwürfnissen werden und das Weihnachtsfamilienfest im Streit endet?

Dass die Grünen dazu bereit gewesen sind, einige ihrer (linken) Forderungen aufzugeben, mag als Machtgier gedeutet werden. Vielleicht stand dahinter aber der Wunsch, dass die kommende Regierung wenigstens im Bereich des Umwelt- und Klimaschutzes wieder vorwärts schreitet, statt  dem weltweiten Trend zu folgen, im Namen der Ökonomie die Ökologie zu beerdigen. Lieber den Spatz in der Hand als den Kohlestaub in der Luft. Aber der Kompromiss musste scheitern, weil sich Zugeständnisse an den politischen Gegner nicht vertragen mit dem Image des schwarz-weißen Anpackers.

Auch in der Evangelischen Kirche in Württemberg platzte ein Kompromiss: Die zurückliegende Synode lehnte nicht nur den Vorschlag ab, gleichgeschlechtlichen Paaren die Trauung zu ermöglichen, sondern wies auch den Kompromiss des Oberkirchenrats zurück. Dieser wollte die Entscheidung den PfarrerInnen und KirchengemeinderätInnen überlassen, ob in ihrer Gemeinde homosexuelle Paare gesegnet werden – oder nicht. Zwei Stimmen fehlten, sodass in Württemberg alles beim Alten bleibt.

Meine Meinung bleibt: Die fortbestehende Ungleichbehandlung ist diskriminierend und nicht zu rechtfertigen. Darum lehnte ich den Kompromissvorschlag zunächst ab, betrachtete ihn als zu großes Zugeständnis an jene, die im Namen der Bibel ihr Ressentiment legitimieren. Dann aber dämmerte es mir: Der Kompromiss ist deshalb ein Kompromiss, weil er von beiden Seiten Zugeständnisse fordert – aber auch beiden Seiten entgegenkommt. Darin liegt seine große Kraft, zwei Seiten zu versöhnen.

Im Falle der Evangelischen Landeskirche in Württemberg reichte diese Kraft nicht aus. Sind die Lager zu polarisiert oder ist es einfach nicht mehr schicklich, von liebgewonnenen Positionen abzurücken und sich in der Mitte zu treffen?

Auch im Falle der Jamaika-Sondierung reichte das Vertrauen in die einende Kraft eines Kompromisses nicht aus. Das Scheitern mag an politischen Winkelzügen, egoistischen Befindlichkeiten oder machttaktischen Strategien liegen. Ebenso ist es tatsächlich möglich, dass die Unterschiede zwischen den Parteien zu groß waren – also wirklich zu wenig Gemeinsamkeiten  bestehen. Es sendet trotzdem ein fatales Signal an die Gesellschaft: Politik ist nicht länger die Kunst des Möglichen, sondern der Maximalforderungen.

Auch zwischen den (evangelischen) Christinnen und Christen bestehen offenkundige Gräben. Trotzdem gibt es eine Gemeinsamkeit, die Zugehörigkeit zum Leib Christi. Es ist darum ein umso bedenklicheres Zeichen, dass in diesem Leib die Fähigkeit zum fairen Ausgleich, zum gütigen Kompromiss verloren zu gehen scheint.

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