Jesus war ein Gangsta! Über den Zusammenhang von Rap und Religion, Teil 1
Bild: voltamax via pixabay.com

Aus der populären Kultur in Deutschland kennen wir Songs wie „OMG!“ von Materia, „Partykirche“ von Maeckes, „Danke“ und „Der Himmel soll warten“ von Sido und je nach Geschmacksrichtung weitere Stücke, die sich entweder explizit oder implizit mit Gottesbildern oder der Inszenierung als Gott oder als Teufel auseinandersetzen. In diesem Artikel werde ich zur Einordnung Kategorien von möglichen Interpretationen vorstellen und in einem folgenden Artikel diese abschließen. Darauf aufbauend möchte ich als eine Miniserie an Beispielen die entsprechenden Bilder und Aussagen im Deutschrap herausarbeiten. Manche der hier angerissenen Aspekte werde ich dann dort ausführlicher ansprechen.

Magere Quellenlage in Deutschland

Es erscheint doch etwas verwunderlich, dass, so finde ich, die weitreichendsten Gedanken zu diesem Thema in Deutschland aus einer Schülerarbeit entstammen. In dem Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2014/2015 hat die Arbeit Oh mein Gott dieser Himmel! Wo zur Hölle soll der sein. Gott in der Rapmusik – Rapmusik mit christlichen Inhalten in Deutschland“ von Jessica Bux den 3. Preis erhalten. Doch das liegt eben an der beschränkten Publikationsbandbreite in Deutschland. Auch wenn die Arbeit zwar im Stil einer sehr guten schulischen Leistung gehalten ist, so teile ich doch eine zentrale Erkenntnis daraus: Wenn man sich Gesamtansätze zu diesem Thema anschauen möchte, kommt man nicht umhin, in die USA zu blicken. Denn hier greift die Hip-Hop-Kultur nicht nur etwas weiter um sich als in Deutschland, sondern hier gibt es mehrere zentrale Bücher, die sich mit einem Gesamtkonzept von Rap und Religion auseinandersetzen.

Ganzheitliche Ansätze in den USA

Daher möchte ich in diesem Artikel die Gedanken von Ebony A. Utley aus dem Buch „Rap and Religion. Understanding the Gangsta’s God“ aus dem Jahr 2012 vorstellen. Weitere Ansätze und Deutungsmöglichkeiten stelle ich, um den Artikel kurz zu halten, hier nicht vor. (Bei Interesse an weiteren Literaturhinweisen bitte ich, eine Nachricht in den Kommentaren zu hinterlassen.) In ihrem Buch beschäftigt sich Utley mit zwei monotheistischen Gottesbildern, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu vertreten: Mit einem höchsten Gott „out there“, der im Universum existiert und einem Gott „down here“, der über die Erde als menschliches Wesen läuft. Dabei ist nicht ein bestimmter Glaube Voraussetzung, sondern die Gottesbilder können als kulturelles Werkzeug genutzt werden; denn primär geht es in der kulturellen Auseinandersetzung um Anfragen an Bedeutung, Macht und Respekt.

Der Gott der Gangsta ist ansprechbar

In den Texten selbst treten, unabhängig vom eigenen Glaubensleben, die Rapper als Beter auf. Ein häufiges Motiv ist dabei die Distanz und die daraus resultierende einseitige Kommunikation zu Gott. Das Motiv zu beten, wenn Hilfe benötigt wird, führt dabei alle Rapper zusammen. So zeigt das Thema Tod die menschliche Beschränktheit auf und die Gebetsform ist eine Ausdrucksform dafür. Selbst nur die potenzielle Existenz Gottes kann hier optimistisch und kraftschöpfend verstanden werden. Spannend ist hier wie Utley herausarbeitet, dass dabei viele „Rapgebetstexte“ schlussendlich auf Psalm 23 basieren bzw. auf dem folgenden kindlichen Gebet:

Now I lay me down to sleep

I pray the Lord my soul to keep

If I should die before I wake

I pray the Lord my soul to take.

In einem Land wie den USA, in der ein Präsident ohne dezidierten Glaubensstand nicht denkbar ist, sind Variationen und Bilder solcher Texte universal verständlich und deswegen auch im Rap als Teil der populären Kultur zu finden. Als Beispiele sei hier auf die Videos von Ja Rule, The Roots, Tupac und 50 Cent verwiesen.

Zu beten ist orts- und zeitunabhängig. Im Gegensatz dazu ist eine Pilgerschaft klar definiert durch einen Ausgangspunkt sowie einen Zielpunkt und ist nicht nur im Christentum bekannt. Der Weg einer Pilgerschaft führt in der Regel zu einem heiligen Ort. Der physische, vielleicht sogar heilige Raum der Rapmusik ist neben dem Konzert besonders das Musikvideo.

Die klassische Rappilgerschaft führt durch städtische Landschaften. Einzelne kämpfen sich durch den urbanen Dschungel (eine Wüste nach ihrem eigenen Recht) und kommen dann an einer Kirche an, die symbolisch für die persönliche Veränderung steht. Exemplarisch steht hierfür die erste Videoversion von Kanye West’s „Jesus Walks“ aus dem Jahr 2004.

Als ein Alkoholiker, ein Gangmitglied und eine Prostituierte nach ihrer Pilgerschaft durch die Straßen Chicagos in der Kirche – in der Kanye West als Prediger auftritt – kommen, rappt West darüber, dass er hofft, dass Jesus mit denen mitgeht, die seine Hilfe benötigen, um durch ihre grauenvolle Odyssee zu kommen. Die Kirche ist bereits randvoll mit Menschen, die wahrscheinlich ihre Pilgerschaft bereits hinter sich haben. Das physische Gehen unterstreicht die Pilgerschaft als das Gehen von einen Lebensumstand in einen anderen.

Der „gangsta’s God“ ist also ansprechbar – unabhängig davon ob er antwortet. Sowohl der Beter als auch die Pilgerschaft kreieren eine Gemeinschaft mit Gott „down here“, auch wenn sie Kraft aus dem Gottesbild „out there“ schöpfen.

Jesus als God „down here“

Jesus war ein Gangsta! Er hielt sich an viele Gesetze und Bräuche nicht, nutzte profane Sprache um seine Botschaft zu vermitteln und ehrte Gott mehr als den Staat. Dementsprechend hatte er auch „Hater“. Kurzgefasst: Die Geschichte Jesu ist nichts anderes als eine Story eines Gangsta‘s. Zumindest in den Anfängen des Rap kam die durchschnittliche Rapperin oder der durchschnittliche Rapper aus armen Verhältnissen, häufig auch ohne biologische Vaterfigur. Ebenso ist sie oder er auch häufig ein Teil einer Minderheit, erlebt Diskriminierung. Sie oder er macht sich also auf den Weg, diese Zustände zu verlassen und rappt. Wenn sie oder er dann reich und bekannt ist und eine Reichweite besitzt, steht sie oder er von Kritikern zunehmend unter Beobachtung und hat ggf. mit Zensur und einem angeschlagenen Ruf zu kämpfen. Im Rap wird die Situation thematisiert, wie der „God out there“ den „God down here“ auf die Erde gesendet hat. Häufig besprochen wird dabei Jesus als gekreuzigte Figur oder als Gut.

Das Kreuz stellt den Sieg Jesu über den Tod dar. Den Tod betrogen zu haben, macht ihn damit zum Helden der Gangsta. Daher gibt es Selbstdarstellungen als Jesu, wie sie selbst wieder zurückkommen. Dabei handeln sie nicht im Guten für die Welt, sondern konzentrieren sich auf den Jesus, der sich den Autoritäten wiedersetzt. Der gekreuzigte Jesus ist also der Prototyp für die visuelle Darstellung von Tod als auch von Leben nach dem Tod.

Dann passt es auch, dass Kanye West auf dem Cover des Rolling Stone im Februar 2006 als gekreuzigter Jesus auftritt. Quasi in der Rolle des Jesus, oder zumindest eines Propheten, nimmt er sich entsprechend kein Blatt vor den Mund. Auch Remy Ma stellt sich selbst ans Kreuz. Das Cover ihres Mixtapes „Shesus Khryst“ aus dem Jahr 2007 zeigt sie halbnackt am Kreuz. Dann wird im Intro des entsprechenden Mixtapes auch gerappt, dass wenn Jay-Z J-Hova, Nas Gottes Sohn ist und sie der Heiland der Bronx sei, dann ist sie Shesus Khryst. Später heißt es dann noch deutlicher: „and I’m the New Testament“. In dem Mixtape findet sich auch ein viel beachteter Disstrack über einen früheren Boss. Kanye West stellt sich gekreuzigt durch die Medien dar. Demgegenüber wählt Remy Mas einen feministischen Weg und wendet sich gegen patriarchale Erwartungshaltungen.

Zumindest in den Videos zelebrieren viele Rapper Kapitalismus und Konsum. Jesus eignet sich dafür besonders, denn er verkauft sich sehr gut und sichert mediale Aufmerksamkeit. Aber auch grundsätzlich ist Jesus keine schlechte Idee, denn er steht als Ikone für Wohlstand. Für diese Sichtweise wird Johannes 14,2 so interpretiert, dass des Vaters Haus opulent sein müsse. Dies wird unterstrichen durch die in Offenbarung 21 stehenden Beschreibungen des neuen Himmels als eine Stadt des puren Goldes. Jesus ist also die Brücke zwischen Gottes Reichtum „out there“ in dem neuen Himmel mit unerreichtem Konsum „down here“. Dann werden auch mal tatsächlich mehrere zehntausende Dollars für einen goldenen „Jesus Piece“ – ein Anhänger, welcher das Gesicht Jesu zeigt – ausgegeben und zugleich über den eigenen Wohlstand (Notorious B.I.G feat. Jay-Z: I Love the Dough; Notorious B.I.G. führte 1997 das Jesus Piece ein) gerappt. Und das ist dann auch kein Widerspruch. Das „Jesus Piece“ erinnert sie, da sie sich selbst in Jesus sehen, dass sie sich als Rapper verkaufen können ohne ihre Seele zu verlieren.


Zur eigenen tieferen Anschauung verlinke ich hier auf nicht thematisierte Beispiele oder Aspekte:

Arrested Developtment: Tennessee: Video, Text, zum Hintergrund

E-40: Things’ll Never Change: Video, Text

Bone Thugs N Harmony: The Crossroads: Video, Text

T.I.: Live in the Sky: Video, Text

Eminem: Cleanin‘ Out My Closet: Video, Text

Clipse: Lord Willin‘: Videos

Snoop Dogg: Murder Was the Case: Video, Text

Nas: Hate Me Now: Video, Text

Makaveli [Pseudonym für Tupac Shakur]: The Don Killuminati: The 7 Day Theory: Videos, Albumcover

 

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