Moment Mal: Die vielen kleinen Advente Zum 75. Todestag von Jochen Klepper

Wie oft ist Advent? Diese Frage erscheint banal. Sie ist es auch. Einmal im Jahr, vom 1.Adventssonntag bis zur Nacht des Heiligen Abends. So lang geht, streng kalendarisch, der Advent. Einmal im Jahr. Mal, wie im diesen Jahr, genau vier Wochen, mal ein paar Tage länger.
So wie die mathematische Planbarkeit des gregorianischen Kalenders die regelmäßige Wiederkehr des Advents berechnet (was mir zwei meiner Schüler letzte Woche beeindruckend bis weit ins nächste Jahrzehnt vorgerechnet haben), so will es der AutorInnenkalender von theologiestudierende.de, dass dieses Moment Mal auf den 75. Todestag von Jochen Klepper fällt.

Jochen Klepper war Sozialdemokrat, Theologe, Journalist und Dichter. Er wurde 1903 geboren und nahm sich mit seiner Frau und deren Tochter im Advent 1942 das Leben. Kleppers Ehefrau und ihre beiden Töchter waren Jüdinnen. Der Suizid der Familie geschah in der unmittelbaren Gefahr der Deportation und Ermordung von Johanna Klepper und ihrer Tochter. Ein Stolperstein in Berlin Nikolassee erinnert heute an das Schicksal der Familie.
Nicht nur dieses traurige Jubiläum, auch die aktuelle Zeit im Kirchenjahr ist Grund genug, sich mit Jochen Klepper, dem nach Martin Luther und Paul Gerhardt dritthäufigsten Autor des Evangelischen Gesangbuchs, zu beschäftigen. Ein bedeutender Teil des Werks von Klepper widmet sich dem Advent und seinen Themen. Durch Kleppers Lieder zieht sich das Thema der Hoffnung in der finsteren Nacht wie ein hellroter Faden. So heißt es im  „Trostlied am Abend“ (Ö 629)

„In jeder Nacht die mich bedroht  ist immer noch dein Stern erschienen“

Dieser Satz bietet Anlass zu einer Frage: Wie oft sind eigentlich diese Nächte? Was meint Klepper mit Nacht? Es ist ein klassischer Weihnachtssatz: Der Stern ist die symbolhafte Erlösung, der Advent der Weg zum Stern. Ich glaube, dass diese Nacht aber keine alleinige ist. Klepper meint hier Nächte, die immer wieder kommen, Nächte voller Anfechtung und Bedrohung. Mitten in diese Anfechtung hinein erscheint der Stern, der Erlösung verheißt. Wenn diese Nacht aber nicht nur einmal im Jahr ist, heißt das nicht auch, dass dann auch öfter Advent ist? Ich finde: Ja. Hier geht es nicht um mehrmals Weihnachtsmarkt im Jahr, nicht um einen Adventskalender mit 365 Türchen, sondern um ein Prinzip, das Jochen Klepper in seinen Liedern beschreibt.  In der letzten Strophe des „Trostlieds am Abend“ schreibt er

In jeder Nacht, die mich umfängt,
Darf ich in deine Arme fallen,
Und du, der nichts als Liebe denkt,
Wacht über mir, wacht über allen.

Das sind sie, die vielen kleine Advente im Leben. Die dafür sorgen, das Menschen weiterleben können. Zum Weiterleben gehört auch die Erkenntnis, dass weitere Nächte folgen werden. Dass es mit dem Erscheinen des Sterns nicht getan ist.

Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.

So schreibt es Klepper in „Die Nacht ist vorgedrungen“. (EG 16) Mit der Hoffnung auf die Erlösung ist nicht schon die große Allversöhnung angebrochen, aber die Zusage bleibt mit dem Stern verbunden: Du bist nicht allein.  So heißt es weiter:

Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr.

Die Wanderung ist noch nicht vorbei, aber es gibt ein Licht in der Nacht. Gott wird Mensch, und diese Zusage gibt uns die Kraft für die weitere Wanderung. Jochen Kleppers Werk ist gewissermaßen der Gegenpol zum fröhlichen Last Christmas. Es ist keine Zusage, dass Alles schon gut werde. Nein, es ist die Hoffnung darauf, dass es viele kleine Advente geben wird. Das jede*r in seinen individuellen Nächten auf den Morgenstern hoffen darf.

In jeder Nacht, die mich umfängt,
Darf ich in deine Arme fallen,
Und du, der nichts als Liebe denkt,
Wacht über mir, wacht über allen.
Du birgst mich in der Finsternis.
Dein Wort bleibt noch im Tod gewiss.

In dieser Hoffnung kamen im Advent vor 75 Jahren Jochen Klepper und seine Familie ihren faschistischen Mördern zuvor.

 

 

 

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