Warum es sexistisch ist, kein Parteibuch zu besitzen Ein-Blick über meinen Tellerrand
Foto: Jakob Dümchen

Vor ein paar Wochen war ich ein befreundetes Ehepaar besuchen. Er: examinierter Theologe, Sie: Juristin im Referendariat. Wir unterhielten uns im Zuge der Bundestagswahl über die Möglichkeit, sich in einer Partei zu engagieren und ob sowas denn für eine Richterin und einen Pfarrer überhaupt in Frage kommen würde, immerhin würden wir doch alle eine gewisse Unabhängigkeit vom politischen Tagesgeschehen repräsentieren. Sie hatte sich auch schon den Kopf darüber zerbrochen und sei zu dem Schluss gekommen, es sei ehrlicher, ein Parteibuch zu besitzen (und dies auch öffentlich zu machen) als sich eh von seiner inneren Agenda leiten zu lassen, dann aber so zu tun, als sei man von allen Dingen unberührt.
Auf uns Theologen angewandt hieße das, es sei ehrlicher, seine Parteizugehörigkeit offenkundig und offiziell zu machen, als jeden Sonntag tief rot/grün/schwarz (-blau?) von der Kanzel zu predigen, sich dann aber unter dem Talar der Neutralität zu verstecken. Wenn ich beim Schreiben meiner Predigt auf dem Tisch das Parteibuch liegen sehe, habe ich sogar einen anfassbaren Gegenstand, der mich daran erinnert, über mich und meine Worte zu reflektieren. Ich sollte mich also fragen, wie viel Parteiprogramm lese ich in den Text hinein?

Jesus, ein Mann

Ortswechsel: In einer AT-Vorlesung referiert ein Gastdozent über die weiblichen Eigenschaften Gottes. Gegen Ende der Vorlesung meldete sich eine Besucherin des Senioren-Kollegs und fragte, was denn das überhaupt mit der Gemeindepraxis zu tun habe, Gott sei doch in Jesus Mensch geworden und Jesus sei immerhin ein Mann! Damit sei auch die Diskussion um Gender und Feminismus in der Theologie ausreichend beantwortet. Der Dozent bemühte sich darauf hinzuweisen, dass er – als älterer weißer Mann – einfach auf ein Problem hinweisen wolle, nämlich dass wir uns Gott fast immer als älteren weißen Mann denken und dass das Auswirkungen auf uns hat. Wieder wies die Frau auf das Geschlecht Jesu und den unbedingten Wahrheitsanspruch der Bibel hin, woraufhin die Diskussion beendet war.

Ich fragte mich nach der Vorlesung, welche Auswirkungen denn ein weiblicheres Gottesbild wirklich praktisch auf mich – als weißen, evangelischen Mann – hat.
Da mein Interessenfeld eher in der praktischen Theologie liegt, kam mir sofort die Predigt in den Sinn. Aber kann eine normale 08/15 Sonntagspredigt sexistisch sein?
Sexistisch klingt heutzutage schnell anklagend, hat man doch sofort einen alten, bierbäuchigen Mann in Tank-Top im Kopf, welcher der Kellnerin einen Klaps auf den Po gibt.

„Passiert“ Sexismus?

Patriarchalisch? Das klingt wiederum nach altem Mann in Tiara und Stola, der den Frauen das Amt und die Kanzel verbieten will. Kann uns – der jungen Generation der evangelischen Kirche, die mit Frauenordination aufgewachsen ist und kein Problem mit der Ehe für alle hat – die Nice Guys der Uni sozusagen, so eine Predigt also einfach „passieren“? Ich habe vorher nie eine Berührung mit der feministischen Theologie gehabt, mal abgesehen von ein paar abschätzigen Bemerkungen in den Kommentarspalten einschlägiger Online-Zeitungen. Meine Informationslücke in diesem Bereich beruht weder auf einem faulen Desinteresse, noch auf einem böswilligen Vermeiden meinerseits. Etwas wie feministische Theologie kam einfach, egal in welchem Hauptfach, in keinem Seminar, keiner Vorlesung oder Übung vor.

Eigentlich ein fataler Umstand. Ich wage mal zu behaupten, dass kein anderes Studium die eigene Person, das Weltbild und den Glauben so sehr und häufig anfechtet wie das Studium der Theologie. Wer richtig studiert, so sagte mal einer meiner Dozenten im ersten Semester, stellt sich und seine Überzeugung regelmäßig selbst in Frage. Warum also bei der Geschlechterfrage aufhören? Gerade im Zuge der aktuellen Debatte, um Weinstein und Co., halte ich es auch für eine Art sexistisch, sich nicht mit sich selbst – als männliche Theologen und baldige Pfarrer – auseinanderzusetzen.

Der Vater, der Sohn…

Wir reden im Christentum immerhin selbstverständlich vom Vater und Sohn, von Gott als liebenden Vater oder dem strengen Richter. Wir wählen die Texte und Gebete aus, singen Lieder und benutzen eine Sprache, die geprägt ist von sehr alten Vorstellungen über Gesellschaft und Glaube. Wir benutzen diese Bilder und predigen (und prägen) damit Vorstellungen und Gefühle, derer wir uns vielleicht noch nicht einmal bewusst sind. Ähnlich unserer politischen Einstellung, die (mal mehr, mal weniger) die Werte unserer Person wiederspiegelt, kann es uns schwer fallen, so etwas Grundlegendes, wie unsere Sprache zu reflektieren.

Aber Sprache ist das Hauptwerkzeug der Theologiestudierenden, wir sollten sie mit all ihren Facetten kennen und uns ihrer Wirkung stets bewusst sein! Nicht „aussortieren“, sondern hinterfragen. Nicht „dem Zeitgeist anpassen“, sondern einen neuen Blickwinkel erfassen. Deswegen halte ich es für wichtig, eigentlich unabdingbar, dass sich Theologiestudentinnen – ganz besonderes aber Theologiestudenten mit dem Ziel Pfarramt – einmal mit der feministischen Theologie auseinandergesetzt haben.
Als weißer Mann ist man in dieser Welt automatisch Mitglied einer bestimmten, nicht gewählten, aber mit viel Macht ausgestatteten, „Partei“ und so zu tun, als wäre man es nicht und daher auch frei von jeder Anfechtung, sobald man kein Po-Grabschender Bierbauch wäre, ist wohl etwas naiv.

Mut zur Auseinandersetzung

Wie die Juristin, sollten auch wir den Mut haben, die Sache offiziell zu machen. Sich sozusagen ein Parteibuch zuzulegen (sei es ein Buch von Judith Butler oder die Autobiographie von Hugh Hefner), als stetige Erinnerung an die Selbstverständlichkeit unserer Wortwahl und die damit verbunden Bilder.
Wir sollten den Mut haben uns selbst zu hinterfragen, insbesondere aber die Sprache unserer Predigten. Nichts anderes haben unsere zukünftigen Gemeinden verdient. Für manche, vielleicht auch für viele, ist dieser Gedankengang schon obsolet und man mag sich fragen, warum ich extra einen Text dafür schreibe. Zum einen ist es sicherlich schön, auch nach 15 Semestern Theologie noch mit etwas neuem überrascht zu werden. Zum anderen ist es aber auch die Erkenntnis, dass in 15 Semestern ein Fachgebiet, das seit ca. 40 Jahren existiert, nicht einmal am Rande vorkommt, eine erschreckende. Demnächst werde ich mir meine bisherigen Predigten und Gottesdienste noch einmal genauer ansehen. Zum Anfang habe ich mir mal eine Einleitung in feministische Theologie ausgeliehen. Als ich danach suchte, stellte ich übrigens fest, dass beinahe alle Bücher dieser Abteilung einen rosa-pinken Einband haben. Gut zu wissen, dass man nicht alles in Frage stellen muss…

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