Über die Pflicht, anders zu sein
Foto: Kaley Dykstra (CC0)

Der Beginn

„Ich möchte später auch mal so werden, wie diese Person.“ Wer kennt diesen Satz nicht? Wer hat ihn nicht auch selbst schon einmal (oder zweimal) so verwendet? Der Wunsch, so zu sein, wie ein Idol – sei es aus der Schauspielerei, der Musik, der Politik oder aus anderen Bereichen – ist den meisten Menschen aus eigener Erfahrung bekannt. Besonders Kinder sagen öfters, dass sie, wenn sie groß sind, so wie die oder der sein wollen. Als Kind ist es bis zu einem bestimmten Alter (meist bis zur Pubertät) allerdings noch in Ordnung. Doch was passiert, wenn man auch als Erwachsener den dringenden und drängenden Wunsch, so zu sein, wie ein anderer, nicht los wird?

Das Problem der Midlife-Crisis

Als inspirierendes Beispiel für das ganze Thema gilt die sogenannte Midlife-Crisis des Mannes. Hier fragt man sich, was eigentlich dazu führt, dass Männer ab 40 von heute auf morgen den Drang haben, wieder jung sein zu wollen und das Leben mehr in Bermuda-Shorts denn in ihnen angemessenen Klamotten zu verbringen; plötzlich schmücken sie sich mit Tattoos und ähnlichem „Verzierungsmaterial“. Es betrifft im Verlaufe des Lebens einen großen Anteil der Männer. Eindeutig ist hierbei nur zu sagen, dass das Alter die zentrale Rolle für das Entstehen einer Midlife-Crisis spielt. Der in die Jahre gekommene Mann orientiert sich auf einmal (viel zu stark und emotional, beinahe schon gezwungen) an ganz jungen Menschen und damit an einer Zeit, in der er selbst Jugendlicher gewesen ist. Es handelt sich also um eine Orientierung an jemanden, der sich Vorbild nennt.

Das Vorbild und seine Wirkung

Nahezu jeder Mensch hat ein Vorbild bzw. jemanden, der ihn prägt und/oder beeinflusst. Diese Orientierung an einer Person ist auch soweit legitim, und zwar bis zu dem Punkt, an dem die Orientierung Gefahr läuft, in das Werden eines Abbildes überzugehen; diese Gefahr ist gegeben, wenn man sagt, dass man exakt genauso werden will, wie diese Person! Das schließt jedoch nicht nur Aussehen, Auftreten und Verhalten mit ein, sondern auch Fähigkeiten und Charakter; man kopiert gewissermaßen diese Person… und das um jeden Preis. Doch wird man niemals eine Farbkopie dabei herausbekommen, sondern allerhöchstens eine Schwarz-weiß-Kopie.

Das Individuum und seine „Unteilbarkeit“

Der Grund dafür ist Folgender: jeder Mensch ist ungleich und das ist auch gut so. Einer kann das ganze Jahr über – auch im Winter, im Schnee – barfuß durch die Welt laufen, während viele schon bei 15 Grad plus anfangen, Stiefel zu tragen; ein anderer kann im Zehnkampf bestehen, während es Menschen gibt, die schon nach dem Treppensteigen in die zweite Etage schnauben; wiederum ein anderer ist in der Lage, 10 Sprachen fließend zu sprechen, während eine Vielzahl von Menschen schon gewaltige Probleme mit der eigenen Sprache haben.

Das Individuum ist unantastbar und muss so bestehen bleiben, wie es ist: nur wer einen Moonwalk tanzen kann, ist nicht gleich genauso wie Michael Jackson; nur wer ein Gedicht schreiben kann, ist nicht gleich Goethe; nur wer schimpfen und diffamieren kann, ist nicht gleich Donald Trump. Es gehört so viel dazu, eins zu eins so zu sein, wie ein anderer Mensch, dass es keinem Menschen auf der Welt möglich ist. Selbst eineiige Zwillinge, die äußerlich und vom Alter her nicht zu unterscheiden sind, können unterschiedliche Talente und Fähigkeiten haben und verschiedene Jobs haben.

Was wäre die Welt ohne Individuen? Es würden uns große Persönlichkeiten wie Kant, Husserl, Beethoven, Goethe, Freud oder Luther fehlen. Jeder Mensch als Individuum hat die Möglichkeit, so groß zu werden, wie die genannten Personen, aber eben nicht exakt genauso zu werden, wie sie. Das Potenzial ist gegeben, aber das eigene Selbstbewusstsein sollte dabei hochgehalten werden, wie das Zepter eines Königs. Niemals sollte der eigene Stolz die Klippe heruntergeworfen werden, denn das durch die Geschwindigkeit des Falls hart wirkende Wasser wird ihn töten. Es gab beispielsweise Menschen, die so krankhaft auf Michael Jackson fixiert waren, dass sie sich umgebracht haben, als er gestorben ist.

Der Schaden des Abbildes

Sowohl eigener Stolz als auch das eigene Selbstbewusstsein sowie die Selbstachtung werden einem genommen, wenn man sich zu stark auf andere Menschen fixiert (eingangs nannten wir es das „Werden eines Abbildes“). Es entstehen Neid und Zwang: der Neid besteht darin, dass die andere Person etwas hat oder tut, was man auch gerne hätte oder täte. Zwang entwickelt sich dadurch, dass man nun versucht, genau das ebenfalls zu haben oder zu tun. Neid ist stets ein schlechter Ratgeber, denn er frisst einen von innen auf. Es wird zum inneren Problem und was kann es Schlimmeres geben, als einen Feind in sich selbst zu haben, dem man nicht entkommen kann? Kann ein Baby-Lamm wirklich einem ausgewachsenen, blutrünstigen Wolf entkommen?

Ähnlich verhält es sich mit einem Zwang bzw. einer Zwangsstörung. Ein Beispiel aus der Schule: manche Schüler wollen unbedingt in eine Clique aufgenommen werden, um anerkannt zu sein und das Gefühl zu haben, dazu zu gehören. Oft imitieren sie dabei den „Chef“ der Clique, den, der alle „unter“ sich und der die „Befehlsgewalt“ in dieser Gruppe hat. Ein Zeichen für ein zu großes Verlangen, genauso zu sein wie die anderen, die zu dieser Clique gehören, ist das Machen von Mutproben, die teils gefährlich, teils peinlich, teils beides sind. Man begibt sich in Gefahr oder bricht das Recht, wenn man beispielsweise als Mutprobe im Supermarkt etwas klauen soll; hier widerspricht man der weltlichen und der göttlichen Ordnung zugleich. Dieses Beispiel zeigt ganz deutlich, dass ein zu großes Bedürfnis nach Nacheifern von Personen oder sozialen Gruppen mit dem Ziel, exakt genauso zu handeln und zu leben, ein Schuss ins Knie ist und mehr schlecht als recht ist, wenn es um die Entwicklung der eigenen Individualität geht.

Eigener Verlust

Oft spielt auch der Gedanke eine wichtige Rolle, dass man etwas verpasst zu haben scheint, das man jetzt unbedingt und mit allen Mitteln nachholen will. Das Alter stellt dabei eine entscheidende Orientierungsgröße dar: wer glaubt, zu spät etwas angefangen, bekommen oder gearbeitet zu haben, versucht irgendwie, die verpasste Zeit auszugleichen und steigert sich in die Leere dieses Wunsches hinein. Aber: als 30- Jähriger wirst du nie wieder 19 sein; auch als 25-Jähriger kannst du nicht bewirken, plötzlich 18 zu sein. Ändern kann man sich immer, aber man wird nie jünger. Das muss so akzeptiert werden, wie es nun mal ist. Andernfalls drohen die genannten Folgen.

Die Zeit ist ein Fluss, der durch keinen Damm der Welt aufgehalten werden kann. Bereut man etwas, nämlich dass man nicht schon früher mit etwas angefangen hat, bleibt einem nur noch übrig, das Beste im Hier und Jetzt draus zu machen; nachweinen schadet und führt nicht zum gewünschten Erfolg… ganz im Gegenteil: es macht einen kaputt, tieftraurig und bestürzt. Man wandelt besessen im Tal der Enttäuschung und weiß nicht, wie man dort herauskommt. Hat man das nötig? Nötig, unbedingt so zu sein, so zu handeln, so zu leben, charakterlich so zu sein, wie jemand anders, auf den man sich fixiert hat? Als Individuum? Als Mensch? Nein!

Beweis eigener Stärke

Man muss sich selbst treu bleiben und sich nicht um jeden anderen kümmern, mag er noch so ehrenvolle, gesunde, wohltuende, erfolgreiche Dinge tun. Es ist einfach nicht möglich, und jeder Versuch, der scheitert (und das wird er), kostet Kraft; Kraft, die dem Eigenen zukommen sollte, es aber nicht mehr tun kann! Albert Schweitzer sagte einmal, man solle den Idealen seiner Jugend sein ganzes Leben lang treu bleiben, sie schützen und ausleben; das Leben solle uns die Ideale nicht nehmen. Genau deswegen braucht ein 30-jähriger nicht neidisch auf einen 18 oder 19- Jährigen zu sein und seine Midlife Crisis zu kriegen; auch Ideale sind individuell und keinesfalls durch die Zeit zum Schlechteren gekehrt oder schwächer. Heulen, Klagen, Lamentieren eliminieren, heißt die Devise!

Auch Gott macht beim Alter keinen Unterschied: er liebt jeden Menschen. Sollten wir es dann nicht genauso machen? Sollten wir unserer Jugend hinterhertrauern? Sollten wir unser Verhalten bemängeln und uns damit fertig machen? Ein berühmter Philosoph sagte einmal: „Was mich nicht umbringt, macht mich nur noch stärker.“ Es ist doch klar, was wir davon wählen sollten, oder?

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