Bunt fürs Leben Was ist da los in der Württembergischen Landeskirche?

Slogan der Initiative Bunt fürs Leben auf der Landessynode in Stuttgart, Bild: A. Klose

Die Herbstsynode der Württembergischen Landeskirche. Eigentlich eine Angelegenheit, die „da oben“ passiert, ohne dass es in den Gemeinden und in der Theologischen Fakultät wirklich mitverfolgt wird. Diesen November war das anders. Studierende schauten, anstatt in Vorlesungen zu gehen, die Debatten im Live-Stream, eine studentische Delegation machte sich am 28. November 2017 morgens um 6.00 Uhr aus Tübingen auf den Weg nach Stuttgart, um sich auf der Besucher*innen-Tribüne Plätze zu sichern. Denn was auf dem Spiel stand, war die Zukunft. Gut, die ist wahrscheinlich immer irgendwie im Spiel, wenn die Synode tagt. In diesem Fall ging es um die kirchliche Trauung von gleichgeschlechtlichen Eheleuten (seit Sommer diesen Jahres dürfen homosexuelle Paare sich bürgerlich ehelichen, und nicht nur eine eingetragene Partnerschaft eingehen).

Württembergische Ausnahme-Praxis

In Württemberg ist der status quo, dass eine Segnung, wohlgemerkt keine kirchliche Trauung, gleichgeschlechtlicher Paare nur in einem „seelsorglichen Rahmen“ möglich ist: Hinter verschlossenen Kirchentüren, ohne Glocken, ohne Eintrag ins Kirchenregister. Eigentlich war das zum Schutz des Paares gedacht, wenn dieses sich nicht traut, die Partnerschaft öffentlich zu machen. Aber so läuft es heute nicht mehr, dass sich gleichgeschlechtliche Paare hinter verschlossenen Türen das Ja-Wort geben und einen seelsorgerlichen Segen bekommen. Heute sind Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen und heterosexuellen Paaren gleichgestellt. Alles andere wäre diskriminierend. Das sehen aber nicht alle so: Manche Christinnen und Christen sagen, sie können die Gleichstellung von homosexuellen Ehepaaren vor dem Altar nicht mit der Heiligen Schrift und ihrem Gewissen vereinbaren.

Das synodale Spektrum

Die Württembergische Landessynode ist insofern etwas besonders, weil sie wie ein Parlament in vier Gesprächskreise (so etwas wie Parteien, aber bloß nicht als Partei zu bezeichnen!) aufgeteilt ist. Da sitzen die Lebendige Gemeinde, der Gesprächskreis Evangelium und Kirche, die Kirche für morgen und die Offene Kirche, und bilden ein breites Spektrum theologischer Ausrichtungen von konservativ bis liberal ab. Alle ringen miteinander, ob und wie eine Trauung oder Segnung in der Württembergischen Landeskirche eingeführt wird. Eine Änderung des Kirchengesetzes braucht eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Und die bekommt man nur, wenn neben den liberalen Synodalen auch manche Konservative dafür stimmen.

Regenbogenkekse und Kaffeegespräche

Foto: Bunt fürs Leben, privat

Diese Ausgangslage rief die studentische Initiative „Bunt fürs Leben“ auf den Plan. Theologiestudierende, die gerne in Württemberg in den Pfarrdienst gehen möchten und auch gleichgeschlechtliche Paare öffentlich und legal segnen wollen, schlossen sich zusammen und ließen keine Gelegenheit aus, für die Zustimmung des Gesetzentwurfs zu werben: Eine Petition wurde gestartet, Briefe an Synodale und den Bischof geschrieben, die Presse eingeschaltet. Das große Finale waren dann die drei Tage, während derer sie die Synode vor Ort mitverfolgten. Mit im Gepäck Regenbogenfahnen und Buttons, bunte Kekse und Gesprächsbereitschaft. So hofften sie, dass sie Menschen dazu bewegen könnten, dem Gesetzesvorschlag zuzustimmen.

Eine Bekenntnisfrage?

Die Chancen, dass sich in der Württembergischen Landeskirche zumindest etwas bewegen könnte, standen am Anfang nicht schlecht. Der erste Antrag der Offenen Kirche, eine „Trauung für alle“ wurde zwar abgeschmettert – soweit ist man in Württemberg noch nicht. Es stand dann der „Kompromiss“ im Raum, den der Oberkirchenrat (Leitendes Gremium der Württembergischen Landeskirche) einbrachte. Er war als Minimal-Lösung konzipiert: keine große Veränderung, aber gegen Pfarrer und Pfarrerinnen, die gleichgeschlechtliche Paare segnen und die Glocken läuten, solle kein Disziplinar-Verfahren (!) eröffnet werden. Quasi eine Legalisierung der Praxis derer, die es momentan schon so machen. Die große Angst der konservativen Flügel ist, dass Pfarrerinnen und Pfarrer auch gegen ihre Überzeugung gezwungen werden könnten, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen. Sie begründen ihr Veto mit der Bibel, in der steht, dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat – von einer Partnerschaft oder gar Ehe zwischen zwei Männern oder zwei Frauen ist in der Schrift nicht die Rede. Von Liebe und Verantwortung füreinander dagegen wohl. Hier scheiden sich die Auslegungspraxen.

Die Abstimmung selbst wurde für beide Seiten dann zu nichts Geringerem als zu einer Bekenntnisfrage: „Kann ich weiter in der Kirche bleiben, die gleichgeschlechtliche Paare öffentlich segnet?“ Und auf der anderen Seite: „Kann ich in einer Kirche bleiben, die Homosexuelle öffentlich diskriminiert?“

Die Abstimmung – der Show-down

Und so kam es zur Abstimmung. Eine Mehrheit wurde erzielt, aber eben keine Zwei-Drittel-Mehrheit. Irgendwo war es ein demokratisches Dilemma wie aus dem Lehrbuch: Die Mehrheit hatte sich für den Kompromiss durchgerungen (den Liberalen ging der Kompromiss-Änderungsvorschlag längst nicht weit genug und für die paar Konservativen war es ein großer Schritt), aber am Ende blieb es dabei: weiterhin keine öffentliche Segnung für gleichgeschlechtliche Eheleute.

Ein starkes Zeichen war die Reaktion der studentischen Initiative und des lesbisch-schwulen Konvents auf der Empore: Nach der Bekanntgabe des Ergebnisses (in ihrer Sache: der Niederlage) standen sie auf und sangen drei Strophen „We shall overcome“. Unten im Synodalsaal erhoben sich die Mitstreiterinnen und Mitstreiter für eine Gleichberechtigung und sangen mit.

Und jetzt?

Das Ergebnis ist bitter. Selbst ein lange ausgetüftelter Kompromiss konnte sich nicht durchsetzen, doch die Theologiestudierenden, die vor Ort waren, erzählten von der Aufbruchsstimmung: „Wir sind nicht wieder bei Null, wir haben es zwar nicht zu einer Gesetzesänderung geschafft, aber eine Mehrheit ist dafür – wir kämpfen weiter!“. Und trotzdem: Wenn das Kämpfen Don Quijots Kampf gegen Windmühlen gleicht, wird ein Wechsel der Landeskirche, der heute durch den Nachwuchsmangel nur eine Formsache ist, zur denkbaren Option.

Was bleibt? In die Landeskirche Württemberg kommt Bewegung, peu à peu. 2017 war noch nicht ihr Jahr, aber mit dem Reformationsjubiläum hatte man sich vielleicht auch verausgabt, dass für solche Neuerungen kein Atem mehr war. Es gibt also noch etwas, für das sich das Streiten und miteinander Ringen um einen gemeinsamen Weg der Kirche Christi lohnt. Denn was wäre schlimmer als eine gleichgültige Kirche?

 

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