Where Coffee is a Spiritual Experience

Es ist Mittag in der Londoner City. Um mich herum drängen sich Bankangestellte in teuren Anzügen, Managerinnen in hohen Schuhen und Touristen. Es ist laut und eng, vor den Imbissläden und Cafés bilden sich Schlangen. Mittagspause. Ich kämpfe mich durch die wuseligen Massen an St. Paul´s Cathedral vorbei zu einer vom Verkehr umtosten, wunderschönen alten Kirche: St. Mary Aldermary. Dort bin ich heute mit Reverend Paul verabredet. Paul ist der leitende Priester der Moot Community – einer kleinen christlichen Gemeinschaft, die hier in England oft auch zu den fresh expressions of church gezählt wird.

Fresh expressions of church sind neue Formen von Gemeinde, die seit über zwanzig Jahren überall in der englischen Kirche entstehen. Das Zauberwort dabei ist „Kontextualisierung“: Fresh expressions wollen die Menschen und Milieus, mit denen sie zu tun haben, sensibel wahrnehmen und dann Gemeinden, zugeschnitten auf die entsprechenden Zielgruppen, bilden. Deshalb sind fresh expressions auch unglaublich vielfältig: Inzwischen gibt es in England neben Jugendgemeinden auch neue Gemeindeformen im Café, im Pub oder am Strand, Gemeinden für Skater, Surfer oder Künstler — der Fantasie sind so gut wie keine Grenzen gesetzt. Auch neue Formen missionaler Lebensgemeinschaften und Kommunitäten (Stichwort: New Monasticism) werden in England zur fresh expressions-Bewegung gezählt. Ich habe mir ein Jahr Zeit genommen, um in England mit einem Schwerpunkt auf fresh expressions zu studieren und diese Bewegung um neue Gemeinde- und Gemeinschaftsformen zu erkunden.

In diesem Zusammenhang wurde mir auch die Moot Community empfohlen, weshalb Paul und ich jetzt in St. Mary Aldermary zum Kaffeetrinken verabredet sind. St. Mary Aldermary ist nämlich keine gewöhnliche Kirche mehr; Das alte Kirchenschiff beherbergt auch das „Host Café“, das von der Moot Community professionell betrieben wird. Leitspruch: „Our coffee is divine“.

Als ich die Kirche betrete, umfängt mich auf einmal Ruhe. Der Kirchenraum aus dem 16. Jahrhundert ist wunderschön: Viel Stuck, bunte Glasfenster, alles prachtvoll ausgestaltet. Am hinteren Ende der Kirche stehen stilvolle Cafétische, Sofas und Stühle, eine Theke hinter der Mitarbeitende des Host Cafés emsig Kuchen, Sandwiches und natürlich Kaffee in allen Variationen verkaufen. Auch hier ist viel los, die Tische sind fast alle von Bankern oder jungen high professionals mit ihren Laptops besetzt. Trotzdem ist die Atmosphäre entspannt. Ich treffe Paul am Tresen und er erzählt mir bei einem Kaffee die Geschichte hinter diesem spannenden Ort und der Moot Community: Moot ist eine christliche Gemei

Foto: Katharina Bous

nschaft, die inzwischen schon 13 Jahre alt ist — so „fresh“ ist sie also eigentlich gar nicht mehr.  Sie organisiert sich um die Werte Gastfreundschaft, Anbetung, Dienst am Nächsten und „Well-being“. Moot ist eine „verstreute“ Gemeinschaft, das heißt, ihre Mitglieder leben nicht zusammen, sondern überall in der Stadt verteilt. Sie treffen sich wöchentlich und orientieren sich an den Prinzipien der Community und einem gemeinsamen spirituellen „Lebensrhythmus“. In St. Mary Aldermary bietet die Gemeinschaft regelmäßig öffentliche Morgen- und Abendgebete, Gottesdienste und andere spirituelle Veranstaltungen an – eines davon sind zum Beispiel De-stress-Angebote, wie Meditationen für gestresste Banker aus der Londoner City; Das Host-Café ist für Moot eine Neuinterpretation des monastischen Wertes der Gastfreundschaft. Gleichzeitig versucht Moot so, die meist kirchenfernen Banker und Angestellten der Stadt mit geistlichen Angeboten zu erreichen. Das Café nimmt nämlich nur etwa ein Drittel des Kirchenraumes ein, der Rest der Kirchenbänke wurde stehen gelassen, der Altarraum mit Kerzen und Ikonen dekoriert – eine Einladung zum Gebet. Moot will Raum zur Gottesbegegnung mitten in der Hektik der Londoner City schaffen und gleichzeitig den dort Arbeitenden Ruhe und Gastfreundschaft gewähren. „Generosity of space“ nennt Paul das und es scheint zu funktionieren: Das Café finanziert sich selbst, die geistlichen Angebote und der sakrale Raum werden von Menschen genutzt, die sonst wahrscheinlich nicht unbedingt in eine Kirche gehen würden.

Paul muss weiter und ich schaue mich noch ein bisschen in der Kirche um. Das Host Café ist ein unglaublich ästhetischer Ort und die Moot Community greift die Bedürfnisse ihrer Gäste voll auf – sowohl die nach Ruhe und Koffein, als auch die spirituellen. Die Idee, in einer Kirche ein professionelles Café aufzumachen und mit geistlichen Angeboten zu verknüpfen, klingt vielleicht heute nicht mehr ganz so gewagt, aber als das Host Café gegründet wurde, war das noch etwas anderes.

Die Moot Community hat so eine einladende und gastfreundliche christliche Präsenz an einem unerwarteten Ort, mitten im Londoner Bankenviertel, geschaffen. Ich verlasse die Ruhe von St. Mary Aldermary und stürze mich wieder in den Trubel der Londoner City. Die Begegnung mit Paul hat mich sehr nachdenklich gemacht: Das Londoner Bankerklientel, Kaffeetrinken, eine christliche Gemeinschaft und spirituelle Erfahrung passen hier sehr authentisch zusammen. Solche authentischen und unerwarteten Orte christlichen Glaubens schaffen – ob das auch in Deutschland geht?

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