Moment Mal: Transgender Day of Remembrance

Genau vor einer Woche fand der 19. Transgender Day of Remembrance (TDoR) statt. Am 22. November jeden Jahres wird den Menschen gedacht, die aufgrund transfeindlicher Gewalt ermordet wurden. Das Ziel ist, die öffentliche Aufmerksamkeit auf Hassverbrechen gegen transidente Menschen – also Menschen, die nicht das Geschlecht haben, welches ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde – zu lenken. An diesem Tag gibt es an vielen Orten Veranstaltungen, um der Toten zu gedenken und oft werden dabei die Namen derer verlesen, die im letzten Jahr ermordet wurden. Dieses Jahr wurden 325 Namen verlesen, 325 Menschen, die aufgrund des Hasses gegen transidente Menschen sterben mussten, der in unseren Gesellschaften offensichtlich noch fest verankert ist.

Auch unter ChristInnen finden sich transfeindliche Einstellungen, beziehungsweise Ablehnung von transidenten Personen. Ein Beispiel dafür ist das Nashville Statement, welches am 29. August in den USA veröffentlicht wurde. In diesem wird behauptet, dass trans-Sein im Widerspruch zur Schöpfungsordnung Gottes stehe. Zwar gab es auch schon verschiedene Gegenstatements und -erklärungen (unter anderem das Denver-Statement), aber ich möchte hier gar nicht darüber debattieren, wer Recht haben könnte. Nicht weil ich keine Meinung dazu habe, sondern weil ich auf etwas anderes hinaus möchte.

Du sollst nicht töten!

Trotz aller Differenzen, die das Thema hervorruft und trotz aller Konflikte, die entstanden sind und noch entstehen, können sich wohl alle darauf einigen, dass ChristInnen auf der Seite des Lebens stehen sollten. „Du sollst nicht töten“, so lautet eines der wichtigsten Gebote des Christentums und doch ist das einzige, was viele ChristInnen zu trans Menschen zu sagen haben, dass ihre Existenz Sünde sei. Fast jeden Tag wird auf der Welt eine transidente Person ermordet und es scheint so, als ob das den meisten ChristInnen egal ist.

Diejenigen, die trans-Sein als Widerspruch zu Gottes Geboten sehen, sind meistens auch die, die Abtreibungen verbieten wollen. Die Scheinheiligkeit  den „Schutz ungeborenen Lebens“ zu fordern, aber von den zahlreichen Morden an Transmenschen zu schweigen, fällt den allerwenigsten auf. Wenn wir es ernst meinen mit der Nachfolge Christi, sollten wir uns dann nicht zwischen die Bedrängten und ihre BedrängerInnen stellen? Lasst uns die Diskussion um die Vereinbarkeit von Gottes Schöpfungsordnung und trans-Sein hinten anstellen bis trans-Menschen nicht mehr um ihr Leben fürchten müssen.

Als Christenheit sollten wir unsere Prioritäten überprüfen. Anstatt immer auf die Anderen und ihre „sündhaften Existenzen“ herumzumosern, sollten wir den Blick auf uns selbst richten: Warum richten wir über Personen, die jeden Tag angefeindet werden? Wieso schweigen wir, wenn unsere Nächsten ermordet werden, aber demonstrieren zu Tausenden durch Berlin um „das ungeborene Leben zu schützen“? Es sagt sehr viel über Menschen aus, welche Prioritäten sie im Angesicht von Ungerechtigkeit haben.

Es geht um die Kernbotschaft

Was ist die Kernbotschaft des Evangeliums? Doch nicht, etwa im Angesicht größter Ungerechtigkeit und Gewalt, schulmeisterhaft die Schwächsten zu belehren, oder?  Immer wieder wird uns vor Augen geführt, dass wir viele Menschen in unserer Gesellschaft nicht gerecht behandeln. Jahr für Jahr versuchen Menschen – in Aktionstagen oder -wochen – uns auf die Ungerechtigkeit, auf die Gewalt aufmerksam zu machen, die um uns herum verübt wird. Warum ziehen wir uns so oft zurück und versuchen alles zu ignorieren oder verstecken uns hinter Bibelversen? Gerade jetzt, kurz vor Weihnachten, dem Fest des Lichts in der Dunkelheit, sollten wir Licht in das Leben aller Menschen bringen. Das schließt auch die Leben von trans-Menschen mit ein.

Mögen wir nicht mehr Schweigen im Angesicht des Unrechts, das ihnen angetan wird. Mögen wir sie nicht mehr vorlaut belehren und behaupten, sie würden sündigen. Mögen wir sie willkommen heißen und beschützen vor Gefahren.

 

 

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