Willkommen in einer neuen Zeit! Die Digitalisierung in Estland als Fingerzeig für die globale Zukunft
Bild: geralt via pixabay.com

Wenn für manche Menschen in Deutschland das Internet wie Neuland ist, dann muss das Folgende wie die Entdeckung eines neuen Kontinents erscheinen.

In diesem Artikel werde ich am Beispiel von Estland die Digitalisierung und ihre Möglichkeiten aufzeigen. Darauf aufbauend mache ich mir Gedanken für eine globale digitalisierte Zukunft.

Warum man sich mit Estland beschäftigen sollte

Estland hat seit Juli diesen Jahres für sechs Monate die EU-Ratspräsidentschaft inne. Es ist dabei kein Zufall, dass auf dem letzten EU-Gipfel die Digitalisierung auf der Agenda als Hauptthema stand, denn Estland ist digitalisierungstechnisch soweit fortgeschritten wie wohl kaum ein anderes Land auf der Welt. Vielleicht hat auch jemand die aktuelle mediale Aufregung im Hinterkopf, als es vor kurzem einen Vorschlag über eine staatliche Kryptowährung in Estland gab. Wer schon einmal in Tallinn war, wird der Bezeichnung als das europäische Silicon Valley begegnet sein.

Die digitale Infrastruktur in E-Estonia

Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 haben die Esten vieles neu bedacht: So begann man schon in den 90ern mit dem Aus- und Umbau der gesamten Infrastruktur in Hinblick auf die Digitalisierung, Programmierunterricht gibt es bereits in der Grundschule, das gesamte Schulwesen ist papierlos organisiert, die Krankenakte wird digital geführt, das Rezept mit dem Personalausweis in der Apotheke eingelöst und die Steuererklärung ist in nur wenigen Minuten erledigt. Diese ist aufgrund der Datenteilung schon vorausgefüllt und muss häufig nur noch überprüft werden.

Die Identifikation bei Bankgeschäften funktioniert ebenfalls mit dem Personalausweis, gewählt werden kann auch digital. Estalands Regierung ist seit mehreren Jahren papierlos unterwegs und einen Rechtsanspruch auf Internet/WLAN in besiedelten Gebieten besteht ebenso. Das ist auch notwendig, da Estland mit rund 1,3 Mio. Einwohnern und einer Fläche von 45.339 km2 (29 Einwohner pro km²) schwach besiedelt ist. In dieses Bild passt auch, dass Estland den Weltrekord für die schnellste Unternehmensgründung (18 Minuten) hält.

Digitaler Ausweis – digital ID – Sicherheit

Alle geschilderten digitalen Dienstleistungen und natürlich auch die Identifikation laufen über den Personalausweis, der zugleich auch digitaler Ausweis (98% der Esten haben einen digitalen Ausweis) ist. Bezüglich der Speicherung der Informationen gibt es mehrere Grundsätze: Eine Information darf nur einmal von einer zuständigen öffentlichen Stelle in das System eingetragen werden, unbefugtes Zugreifen steht unter erheblicher Strafe. Greift jemand auf die Informationen zu, wird der Nutzer informiert und kann auch einsehen, wer gerade Informationen abruft.

Dabei ist nicht unbedingt alles Gold was glänzt. Es gab bereits in der Vergangenheit Probleme. 2007 kam es zu einem Hackerangriff auf das System, der die digitale Infrastruktur Estlands lange gelähmt hat. Daraus hat mangelernt und inzwischen liegen mehrere Backups im Ausland. Das muss man sich mal vergegenwärtigen: Selbst im Kriegsfall kann das digitale Gedächtnis dieser Nation nicht ausgelöscht werden. Aber  erst Ende August hat eine internationale Forschergruppe auf eine theoretische Sicherheitslücke hingewiesen. Die Chips der neueren Karten greifen auf eine Datenbank mit gefährdeten Codes zu, doch mit Hilfe der Blockchain-Technologie kann durch solche Codes die Echtheit einer Transaktion verifiziert werden. Die Sicherheitslücke wird derzeit behoben. Doch der Fall zeigt, dass mit der fortschreitenden und immer schnelleren Digitalisierung auch das Thema Sicherheit bedacht sein will.

Während es in Deutschland Aversionen gegen eine so weitreichende Digitalisierung gibt und auch der Gedanke an eine Cloud mit all diesen persönlichen und sensiblen Daten zu Albträumen anregt, teilen die Esten viele dieser Bedenken nicht. Im Rahmen der Recherche zu diesem Thema bin ich auf verschiedene Aussagen gestoßen, die ich wie folgt verstanden habe: In der Zeit des Kommunismus, die von Esten häufig als Besatzungszeit verstanden wird, gab es keine Freiheit im Umgang mit eigenen Daten. Da zu dieser Zeit kein Vertrauen möglich war, vertrauen die Esten nun aufeinander, auf sich selbst. Die Freiheit wird im Positiven genutzt. Viele Esten sind in einem digitalen Land aufgewachsen und kennen ihr Land gar nicht anders, sie haben schlichtweg sehr früh mit der Digitalisierung angefangen.

Export in die Welt: Das E-Residency Programm

Estland hat sich entschieden das Rad noch wenig weiter zu drehen: Warum die gut funktionierende Infrastruktur nicht auch weltweit anbieten? Denn ein Land mit durchaus harten Wintern und einer leicht rückläufigen Bevölkerungsentwicklung muss auch wirtschaftlich sehen, wo es bleibt. So wird seit 2015 ein digitaler Personalausweis auch für Ausländer angeboten: Für 100 Euro kann ein entsprechender Ausweis beantragt werden. Nach einer Überprüfung durch die Sicherheitsbehörden kann der Ausweis in einer estnischen Botschaft abgeholt werden.

Mit diesem digitalen Ausweis können nun rechtsgültige – dank EU-Recht auch in der gesamten EU anerkannte – Verträge geschlossen, eine estnische Firma gegründet , die Steuererklärung und auch Bankgeschäfte erledigt werden. Die Gesetze für dieses Programm sind inzwischen geändert worden, so können Bankkonten heute auch ohne persönliche Anwesenheit eröffnet werden, die ersten Banken testen den Service gerade.

Marktzugang zum EU-Binnenmarkt

Erwähnenswert ist außerdem, dass diese Vorteile auch für nicht EU-Bürger gelten und  so der Zugang zum EU-Binnenmarkt möglich wird. In vielen Staaten der Welt ist es bereits eine große Herausforderung ein Konto zu eröffnen und bspw. im E-Commerce bei international anerkannten Zahlungsdienstleistern einen Account zu besitzen. Für mich ist dieses Programm auch echte Entwicklungsarbeit, da hier die Karten für manche Personengruppen neu gemischt werden könnten und eigenständige, von Entwicklungshilfezahlungen unabhängige, Erfolgsgeschichten geschrieben werden können.

Für wen ist dieses Programm interessant?

Aktuell nutzen primär digitale Nomaden, also Menschen ohne festen Wohnsitz, die ihre Arbeit ortsunabhängig und häufig online ausüben, sowie Personen mit wirtschaftlichen Verbindungen nach Estland die E-Residency. Wer aus Deutschland aus sein estnisches Unternehmen führen möchte, kann die Vorteile der estnischen Infrastruktur durchaus nutzen, wird aber dem Problem einer etwaigen doppelten Abschlusspflicht sowie erhöhten Bürokratie ausgesetzt sein.

Derzeit gibt es über 23.000 E-Residenten, die bereits über 2.000 estnische Unternehmen gegründet haben. Für Estland ist das eine sehr hohe Zahl im Verhältnis zu der Größe der Nation und die Tendenz ist nach wie vor steigend. Die volkswirtschaftlichen Vorteile des Programms übersteigen bereits um ein Vielfaches die Kosten.

Nächste Entwicklungen in der EU

Alle EU-Staaten müssen bis 2018 Richtlinie in nationales Recht umsetzen und den digitalen Ausweis – digital ID – ermöglicht haben. Vielleicht wird man sich auch weltweit auf einen Standard einigen können, wie die digitale Authentifizierung funktionieren soll. Neben dem Finanzmarkt, der bereits internationalisiert ist, könnte dadurch auch der grenzüberschreitende physische Güterverkehr erleichtert werden.

Eine Utopie – oder die Zukunft!?

Wir können aktuell den Weg der Digitalisierung für die nächsten Jahre erahnen. Wie sieht es aber in Jahrzehnten aus? Es wird auf jeden Fall nicht so werden wie man sich das heute vorstellt. Einen Versuch für eine kleine Utopie möchte ich dennoch unternehmen.

Die digitale Verwaltung, die e-Governance, wird nahezu vollständig ausgebaut sein. Moderne Staaten brauchen daher nur noch sehr wenige Beamte. In Deutschland gibt es eine Digitalisierungssteuer, die eine Kompensation für den ersatzlosen Wegfall von 30-40 % der klassischen Industriearbeitsplätze darstellt. Aufgrund der entsprechenden Qualifikation werden jüngere Menschen kaum Probleme haben Arbeit zu finden. Dabei findet die Arbeit nur noch selten an einem bestimmten Ort, wie in einem Büro, statt und der Anteil der unbefristeten Arbeitsverhältnisse wird weiter zurückgehen. Die Steuersysteme und auch das Zahlungswesen werden in vielen Wirtschaftsräumen angeglichen sein. Die Barrieren für grenzüberschreitenden Handel sinken gemäß dem Motto: Je mehr Handel, desto mehr Wohlstand.

Kriege werden nur noch selten mit militärischen Mitteln geführt und auch nur bedingt durch Hacker in einem Cyberwar. Stattdessen reicht es zur Disziplinierung von Staaten aus mit dem Ausschluss von der digitalen Wirtschaft zu drohen, da aufgrund der gegenseitigen Verbindungen sonst in einem einzelnen Land ein Wirtschaftskollaps droht. Der Kapitalismus als Wirtschaftssystem bleibt erhalten und manifestiert aufgrund fehlender globaler institutioneller Strukturen in einzelnen Ländern  wirtschaftliche Unterschiede. Denn wer zu spät den Weg in die Digitalisierung findet, hat das Nachsehen. Transferzahlungen wohlhabender Länder sichern einen gewissen Wohlstand. Einzelne Staaten zahlen ihren Einwohnern ein Grundeinkommen, um den sozialen Frieden zu waren.

Wie in den westlichen Ländern wird mit einhergehendem wirtschaftlichen Wohlstand in vielen Staaten der Welt die Bindung an die Religionen zurückgehen. Um der weiteren Globalisierung gerecht zu werden, könnte es zu Fusionen entsprechender Glaubensgemeinschaften kommen. Sofern die Gesellschaftsidee der Individualisierung in Frage gestellt werden sollte, halte ich das Erstarken von Religionen für möglich.

Grenzen werden in vielen Bereichen praktisch durch eine digitalisierte Wirtschaft überwunden. Es gibt immer seltener Zölle, sodass der Warenverkehr nahezu frei ist und Waren schneller umgeschlagen werden können. Für die Wirtschaft hilft eine Lingua franca, die eine größere Verbreitung als das Englische heute besitzt. Diese erhält Einfluss in das jeweilige Bildungssystem und verstärkt das weltweite kulturelle Verständnis füreinander. Informationen sind dann tatsächlich auch in der Praxis weltweit verfügbar. Aufgrund globaler Einflüsse werden sich gesellschaftliche Werte verändern.

Grundsätzlich besteht weltweit die Freiheit, einenWohnsitz selbst zu wählen, wobei es bei besonders nachgefragten Staaten aufgrund der begrenzten Fläche zu einer Steuerung der Einwohnerzahl kommen wird. Auf der anderen Seite wird es menschenverlassene Regionen geben. Die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft wird nicht mehr als etwas Lokales verstanden, sondern sowohl als etwas Lokales als auch etwas Globales. Quasi der Ort, an dem man lebt, und der Ort, in dem gewirkt wird. Insgesamt wird der Anteil der ausländischen Staatsbürger in einem Staat steigen. Die Idee des Nationalstaates wird jedoch nicht aufgegeben. Die Menschen fühlen sich als Kosmopolit und als Staatsbürger eines Nationalstaats, so wie wir heute das Gefühl des Europäers und des nationalen Staatsbürgers kennen.

Die Staatsbürgerschaft wird nicht mehr zwingend an ortsansässige Menschen vergeben, denn sie orientiert sich vielmehr an gemeinsamen Werten, mehr Staaten als heute vergeben entsprechend eine Staatsbürgerschaft an nicht ortsansässige Menschen. Strukturschwache Länder werden Anreize schaffen müssen, damit sie bei der Nutzung ihrer Infrastruktur wettbewerbsfähig bleiben können.

Die Identität wird als etwas Förderales verstanden und die Loyalität bezieht sich auf verschiedene Ebenen. Der Individualismus scheint hier auf dem Höhepunkt zu sein, da aus den globalen, jedoch begrenzten, Möglichkeiten in der jeweiligen individuellen Freiheit das gewünschte „Gesamtpaket“ auf verschiedenen Ebenen ausgesucht werden kann. Dabei wird nach einer gewissen Zeit festgestellt werden, dass viele Menschen ein ähnliches Verständnis von Werten und ihrer gewählten Infrastruktur haben. Der mit der Digitalisierung einhergehende Individualismus als Gesellschaftskonzept wird überdacht werden. Zugleich werden technische Entwicklungen das globale System verändern. Realitäten, die in einer digitalisierten Gesellschaft gelten, werden sich wandeln.

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