Moment Mal: Schlange stehn am Wahl-O-Mat
Bundestag: Heye Jensen – Augsburger Dom: Christine Fuhrmannek

Eine WG-Küche in Bonn: drei Menschen Mitte zwanzig sitzen um einen Tisch, eine weitere Person steht gegen die Arbeitsfläche gelehnt, für vier Sitzplätze ist es zu eng. Regen prasselt gegen die Fensterscheibe. Die jungen Leute haben gekocht, es gibt eine Gemüse-Couscous-Pfanne. Eine der am Tisch sitzenden steht auf und schlappt in Birkenstocks zum Herd, um sich Nachschub zu holen. Es ist Januar 1987 und in wenigen Wochen steht eine Bundestagswahl an.

Bonn ist die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, Ost und West sind getrennt. Als Spitzenkandidaten für das Amt des Bundeskanzlers treten Helmut Kohl von der CDU und Johannes Rau von der SPD an. Die letzten vier Jahre regierte eine schwarz-gelbe Koalition die Bundesrepublik, Bundeskanzler Kohl hatte sich in dieser Zeit wenig mit Ruhm bekleckert.

Bestimmt wird am Küchentisch auch über die anstehenden Wahlen diskutiert: Vielleicht geht es dabei um Umweltschutz, um den Kapitalismus, um soziale Gerechtigkeit. Welche konkreten Forderungen und Wünsche haben die WG-Mitbewohner an die kommende Regierung? Welche Parteien bilden ihre Interessen ab und wen sollen sie wählen?

Dass sie wählen gehen, steht wohl weniger zur Debatte. Sei es aus politischem Optimismus, dass sich mit der Wahl etwas ändern würde, sei es, weil sie traditionell so wählen würden wie das politisch engagierte Elternhaus oder, um sich von den viel zu konservativen Eltern zu emanzipieren.

Dreißig Jahre später

Eine WG-Küche in Berlin: drei Menschen Mitte zwanzig sitzen um einen Tisch, eine weitere Person steht gegen die Arbeitsfläche gelehnt, für vier Sitzplätze ist es zu eng. Regen prasselt gegen die Fensterscheibe. Die jungen Leute haben gekocht, es gibt eine Gemüse-Couscous-Pfanne. Eine der am Tisch Sitzenden steht auf und schlappt in Birkenstocks zum Herd, um sich Nachschub zu holen.

Es ist August 2017 und in wenigen Wochen steht eine Bundestagswahl an. Als Spitzenkandidaten für das Amt der Bundeskanzlerin treten Angela Merkel von der CDU und Martin Schulz von der SPD zur Wahl an. Sie machen Wahlkampf mit der Rente, mit dem Erhalt von Arbeitsplätzen, mehr Sicherheit und diesem unscharfen Begriff der Gerechtigkeit.

Am Küchentisch wird sich ausgetauscht über bezahlbare WG-Zimmer, über den Umgang mit Geflüchteten, über Nachhaltigkeit, Bildung und über den Umgang mit den Herren Erdogan, Putin und Trump. Und darüber, ob man wählen gehen soll. Lohnt es sich überhaupt zu wählen, wenn der Wahl-O-Mat bei fast allen Parteien die gleiche Übereinstimmung anzeigt?

Willst du mit mir wählen gehen?

Ein paar Wochen sind es noch bis zur Wahl. Lasst uns diese Zeit nutzen, um mit den Jungen von damals, die jetzt die Politik von morgen machen, zu diskutieren. Wir können nicht ewig warten, dass die Politiker*innen zu uns kommen, unsere Sprache lernen, unsere Kanäle benutzen. Unsere Eltern wissen vielleicht nicht, wie Snapchat, Instagram und Facebook funktionieren. Wir haben dagegen noch nicht vergessen, wie man das Telefon bedient, um einmal die Woche ein Lebenssignal nach Hause zu senden. Vielleicht müssen wir mal einen Schritt auf die Politik zugehen, uns mehr einmischen, zu Wahlkampfauftritten und in Sprechstunden gehen, Fragen stellen.

Dass sich die Politik nicht für uns interessiert, heißt nicht, dass wir sie deshalb abschreiben sollten. Wir sollten ein sichtbarer Teil dieser Politik sein und das Risiko eingehen, dass es momentan eben keine Partei gibt, die zu über 70% mit unseren Werten und Forderungen übereinstimmt. Es ist kein perfektes Match zwischen der Politik und uns, aber wir sollten ihr eine Chance geben und am 24. September zum Date an der Wahlurne gehen.

Schlagwörter: , , ,

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.