Schulz im Dom Eine Debatte um Glaubwürdigkeit
Bundestag: Heye Jensen – Augsburger Dom: Christine Fuhrmannek

Der diesjährige evangelische Kirchentag im Mai wurde von vielen Seiten als Wahlkampfarena wahrgenommen. Politiker*innen unterschiedlicher Parteien waren Gäste bei Podiumsdiskussionen und führten Bibelarbeiten durch. Das politische Schauspiel wollte auch ich mir nicht entgehen lassen. Neben den Veranstaltungen, von denen ich hier schon berichtete, nutzte ich die Gelegenheit, einer Diskussion zwischen dem Kanzlerkandidaten Martin Schulz und dem Soziologen Armin Nassehi zu lauschen. Ich war – ganz ehrlich – ziemlich neugierig, wie Martin Schulz „in echt“ so ist und was der katholische Rheinländer auf einem evangelischen Kirchentag im Berliner Dom zu sagen hat.

DEKT/Kathrin Erbe

Titel der Veranstaltung war „Du sollst nicht alles wissen. Glaubwürdigkeit in der pluralen Gesellschaft“. Zuerst hielt Martin Schulz einen kurzen Vortrag, direkt im Anschluss sprach Armin Nassehi und dann sollten sich beide den Fragen des Publikums stellen. Martin Schulz hatte es vielleicht ein bisschen schwerer bei der Sache. Er sprach als Politiker, als Kanzlerkandidat, über Vertrauen und Politik und musste gleichzeitig hoffen, dass das Publikum voll potentieller Wähler*innen ihn für glaubwürdig hält und ihm und seiner Politik Vertrauen schenkt. Nassehi dagegen war bei seinem Vortrag weniger befangen. Er nutzte die Gelegenheit, das Publikum zurechtzuweisen, gut ankommen musste er ja nicht. Der Münchener Professor konnte den Zuhörern ruhig sagen, wenn er fand, sie hätten an einigen Stellen zu schnell zu laut applaudiert, sich von zu viel Eindeutigkeit mitreißen lassen. Außerdem ging er direkt auf seinen Vorredner ein und schaffte es, den Kontext Kirchentag mit einzubeziehen, den Schulz in seinen Ausführungen quasi überging.

Ich denke allerdings, dass dieses Übergehen, das fast wie ein Ignorieren des religiösen Kontextes des Vortrags wirkte, durchaus konsequent war. Zur Glaubwürdigkeit gehört für Schulz nämlich auch, sich selbst treu zu sein. Das bedeutet für ihn, zwar die Sprache dem Gegenüber anzupassen, nicht aber die Haltung. Martin Schulz schätzt die Werte der Kirchen. Für den Kanzlerkandidat heißt Neutralität des Staates aber auch, alle religiösen Symbole aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. Es wäre also nicht besonders glaubwürdig, würde er sich auf einmal als großer Mann der Kirche verkaufen. Mit offener Kritik an den Kirchen und ihren Mitgliedern hielt er sich bei seinem Vortrag im Dom dennoch zurück.

DEKT/Kathrin Erbe

Das Wichtigste in der Politik sei es, so Schulz, gegen den Vertrauensverlust der Menschen anzuarbeiten. Politik sei im Grunde Werbung um Vertrauen, Demokratie brauche, um zu gelingen, einen gewissen Vertrauensvorschuss. Schulz appellierte an die Vernunft der Menschen. Politik müsse vernünftig sein, ein emotional geführter Wahlkampf dagegen übertrumpfe vernünftige Argumente, Populismus untergrabe das Vertrauen in Institutionen. Schulz blickt zuversichtlich in die Zukunft. Er glaube an die Demokratie und an die junge Generation, er sieht eine Zukunft für Europa. Denn „die Zeit der Vernunft kommt, sie kommt immer wieder.“

Nassehi ergänzt seinen Vorredner. Vertrauen sei die Fähigkeit, Unschärfe auszuhalten, keine letzte Antwort zu brauchen. Er wirbt dafür, die Unschärfe von Kommunikation schätzen zu lernen, statt auf Eindeutigkeiten zu setzen. Die Welt sei nun einmal voll von widersprüchlichen Wahrheiten. Religiöse Rede zum Beispiel halte diese Unschärfe aus. Zur Glaubwürdigkeit gehöre es auch, Selbstkritik zuzulassen. Vertrauen könne dadurch entstehen, dass das Gegenüber sich selbst nicht zu ernst nehme, sondern auch zur Selbstironie fähig sei.

DEKT/Kathrin Erbe

Mit einem Offenbarungserlebnis während der Diskussion hatte ich nicht gerechnet. Ein richtiges Streitgespräch kam aufgrund der Positionen der Redner auch gar nicht zustande. Trotzdem gelang es zumindest Nassehi, das Publikum ein bisschen herauszufordern. Mit seiner Kritik an den Menschen, die sich für Flüchtlinge einsetzen, kratzte er sicher bei einigen Kirchentagsbesucher*innen an der persönlichen Wohlfühlzone. Er kritisierte diejenigen, die keine kritischen Stimmen zu ihrer Hilfe zulassen und das Thema Kriminalität unter Flüchtlingen ignorieren.

Auch wenn die beiden Vortragenden das Thema „Kirche“ nur streiften, hatte das, was sie zu sagen hatten für die Kirchen Relevanz. Denn nicht nur die Politik, auch Wissenschaft und Kirchen stecken in einer Krise der Glaubwürdigkeit. Die Kritik von Schulz und Nassehi an den Kirchen hätte meiner Meinung nach auch etwas stärker ausfallen können. Noch viel wichtiger als Kritik von außen finde ich aber, dass Kirchen an sich selbst Kritik üben können. Statt Zahlen schön zu reden, einfach mal zugeben, dass weniger Menschen zum Kirchentag, speziell zum Abschlussgottesdienst gekommen sind, als erwartet. Kritik am Reformationsjubiläum ernst nehmen und die Person Martin Luther in allen ihren Facetten wahrnehmen, statt einseitig positiv darzustellen, auch wenn das viel einfacher ist. Alles Dinge, die Autor*innen hier bei theologiestudierende.de schon oft zur Sprache gebracht haben, an kritischen Stimmen mangelt es uns nicht.

Und wie läuft es mit der Selbstironie? Ausbaufähig, würde ich sagen. Politiker*innen, die über sich selbst lachen oder Jesus-Witze im Gottesdienst sind eher die Seltenheit. Und auf WG-Partys erzähle ich auch lieber von meinen coolen Hobbies, die ich mir noch zulegen muss, als dazu zu stehen, ein kleiner Nerd zu sein, der unter der Dusche zu jeder Jahreszeit Weihnachtslieder trällert, alte Sprachen lernt und weiß, wo in Bibliotheken die Kopierer stehen.

Glaubwürdigkeit ist also gar nicht so einfach. Letztlich ist aber nicht nur das, was wir sagen, sondern auch das, was wir tun entscheidend dafür, ob jemand anderes uns vertraut. Wie Armin Nassehi es auf den Punkt bringt, ist zumindest in der Politik das Gelingen die größte Legitimation für Handeln.

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