Moment Mal: Gerecht werden – Geht das überhaupt? Das Große im Kleinen oder das Kleine im Großen

Wenn ich ins Grübeln verfalle, was durchaus zu oft vorkommt, dann stelle ich mir häufig die Frage „werde ich diesem gerecht?“. Diese Frage wird in unserer Gesellschaft, ganz unkritisch, immer wieder gestellt. Die Ratgeberliteratur ist voll davon, wie man es schaffen könne, Familie und Beruf gerecht zu werden. Oder, auch ein sehr großes Thema, sich selbst gerecht zu werden. Meist findet sich bei diesen Tipps aber gar kein Hinweis darauf, was es eigentlich bedeutet „einer Sache gerecht zu sein“, oder seinem Partner. Das Schema dieser Ratschläge ist dabei meines Erachtens recht einfach, und läuft darauf hinaus, im Endeffekt mehr zu arbeiten. Mehr joggen zu gehen, um sich selbst gerecht zu werden, sich besser zu organisieren um Familie und Beruf gerecht zu werden, mehr ins Kino zu gehen, um dem Partner gerecht zu werden, mehr zu lernen, um dem Studium gerechter zu werden.

Also alles in allem sehr weltliche Antworten, auf eine große Frage. Was ist Gerechtigkeit? Und was ist gerechtes Tun? Diese Fragen sind große Fragen, und neben diesen Fragen rutscht doch manche Frage der Lebensoptimierung ab ins Profane.
Gerechtigkeit ist eben mehr, als die pure Vereinbarkeit, oder absolute Pflichterfüllung. Ich finde was Gerechtigkeit ausmacht wird nirgends besser beschrieben, als im 3. Kapitel des Apostels Paulus an die Römer. Dort heißt es im 28. Vers:

„So halten wir dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke allein durch den Glauben.“

Allein durch Glauben. Gerechtigkeit steht hier für das Verhältnis Gott – Mensch. Jetzt kann man fragen, ob diese ganzen klugen Ratschläge den Begriff „gerecht“ einfach nur falsch verwenden? Oder steckt ungewollt ein gewisses Maß an Wahrheit in diesen Ratschlägen? Auch außerhalb des Christentums ist der Begriff „gerecht“ ein Großer.

Natürlich ist das „gerecht werden“ auch im Bereich unseres Themenmonats eine große Frage. Politiker*innen stehen immer vor der großen Frage, wem sie „gerecht werden“. Ihrer Partei, den Wähler*innen? Den Menschen die sie gewählt haben, oder allen in ihrem Wahlkreis? Wenn es denn das schon wäre, kommt (hoffentlich) auch das eigene Gewissen hinzu. Und die Frage, zumindest bei Christen in der Politik, was sagt eigentlich die Kirche dazu? Für manche mag diese Frage wenig entscheidend sein, wem werden Politiker*innen gerecht. Aber die Frage von Fremd- und Selbst- Rechtfertigung ist in der Politik eine ganz zentrale. Auch, weil sie nicht einfach verschwindet, sie bleibt.

In politischen und philosophischen Diskussionen wird um diese Begrifflichkeit gerungen, stundenlang und regalmeterweit. Aber auch nach diesen Maßstäben scheinen mir Quinoa Samen oder eine gute Spülmaschine dem Begriff „gerecht“ nicht angemessen. Und so steckt doch Wahrheit in dieser Ratgeberliteratur. Denn die Fragen, wem und insbesondere wie wir gerecht werden wollen, sind dogmatische Fragen. Sie sagen etwas aus, über das, was uns wichtig ist. Natürlich ist es angemessen sich die Frage zu stellen, wie man seinen Mitmenschen, seinem Partner und seinem Kind „gerecht“ werden kann. Doch auch hier hilft Paulus weiter. Werde ich meinem Kind durch Arbeit gerecht? Werde ich ihm gerecht, wenn ich ihm jeden Tag viele Geschenke mache?

Oder werde ich ihm vielleicht nicht eher durch Liebe gerecht? Meiner Meinung nach Ja. Natürlich kann sich auch Liebe in der oben beschriebenen Arbeit äußern. Aber um einer Sache, oder einem Menschen „gerecht zu werden“ braucht es in erster Linie eins: Glauben.

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