Auch Protestanten haben Anteil am Heil – aber nur ein bisschen Ökumenische Einsichten aus meinem Studienjahr in Rom – Teil 1
Petersplatz von oben (Foto: Oliva)

Kürzlich ist mein Studienjahr am Centro Melantone in Rom zu Ende gegangen. In einer dreiteiligen Serie möchte ich von meinen Ökumene-Erfahrungen berichten. Die weiteren Teile erscheinen im Laufe der kommenden Tage.


Eines Nachmittags in Frascati

Vor einiger Zeit war ich in Frascati, einem kleinen Weinstädtchen im Süden Roms. In der dortigen Basilika am Marktplatz gibt es neben dem Eingang einige Stellwände mit handlichen Infomaterialien zum Mitnehmen. Überschrieben ist diese Broschürenreihe mit „Fragmente katholischer Wahrheit“. Auf je wenigen Seiten werden verschiedene Themen behandelt, die meisten davon sind ethischer Art: Ehe, Verhältnis von Mann und Frau, Homosexualität, aber auch Ablass oder Zölibat. Am Ende einer jeden Abhandlung findet sich als Verfasser der Name des Bischofs von Frascati.

Die Basilika in Frascati (Foto: Oliva)

Eine der Broschüren, die ich mir mitnahm, dreht sich um die Ökumene. Ein Thema, das mir während meines sich nun dem Ende zuneigenden Studienjahres in Rom gewisslich schon des Öfteren begegnet ist. Aber was Bischof Martinelli dazu zu sagen hat, interessierte mich dennoch. Ich sollte nicht enttäuscht werden. Kondensiert auf 8 Seiten fand ich vor, was ich in den vergangenen Monaten schon so oft erfahren hatte und dabei immer wieder meinen Unmut erregte: was die römische Kirche unter Ökumene versteht.

Vorbemerkungen

Vielleicht sollte ich vorweg einiges klarstellen: Es geht mir nicht darum, die anti-katholische Propaganda der vergangenen Jahrhunderte wieder aufzuwärmen. Das ist nun wirklich kalter Kaffee. Vielmehr will ich meine persönlichen Eindrücke aus dem Rom des Jahres 2017 schildern und (bewusst zugespitzt) deuten.

Es gibt selbstverständlich jede Menge Katholiken, auf die meine im Folgenden ausgebreitete Kritik nicht zutrifft. Trotz meiner Schwierigkeiten mit einigen Lehren ihrer Kirche habe ich in Rom zahlreiche aufgeschlossene römisch-katholische Menschen kennen und schätzen gelernt, für die die offizielle Doktrin ihrer Kirche gegenüber anderen Konfessionen im praktischen Umgang mit Menschen evangelischer Konfession keine Rolle spielt. Dazu später mehr.

Was wir im deutschen Sprachgebrauch gemeinhin unter „katholisch“ verstehen (in Abgrenzung zu protestantisch oder orthodox), muss genau genommen immer „römisch-katholisch“ heißen. Von Rom bewusst forciert, wurde die Gleichsetzung von Katholizität und Romanizität erst im 12. Jahrhundert vollzogen. Vom griechischen katholikós (das Ganze betreffend; allgemein) kommend, wurde der Begriff in der Alten Kirche vornehmlich zur polemischen Abgrenzung der eigenen (weil „rechtgläubigen“) Kirche gegenüber den Häretikern verwendet, etwa den Donatisten, Arianern und Pelagianern.

Insofern, als dass sämtliche heute existierenden Konfessionen die damals in der Alten Kirche zur Debatte stehenden theologischen Streitfragen einhellig beantworten, waren die Reformatoren des 16. Jahrhunderts im Selbstverständnis ohne Frage katholisch und verstehen wir Evangelischen uns auch heute noch als katholische Kirchen. Auch wenn in protestantischen Gottesdiensten im Apostolischen Glaubensbekenntnis von der „heiligen, christlichen Kirche“ die Rede ist, an die wir glauben, können wir in römisch-katholischen Messen ebenso gut unseren Glauben an die „heilige, katholische Kirche“ bekennen (lat. sanctam Ecclesiam catholicam). Dieses Bekenntnis stammt aus einer Zeit, in der die konfessionelle Spaltung noch fern war. Gewiss, unsere römisch-katholischen Geschwister meinen im Credo ihre römische Kirche – und so können wir Protestanten die jeweils unsrige meinen.

Kirchliche Gemeinschaften statt Kirchen

Doch nun zur eigentlichen Sache. Wie sieht die römisch-katholische Kirche ihr Verhältnis zu den anderen „kirchlichen Gemeinschaften“? Hier geht’s schon los. Gemäß der katholischen Doktrin dürfen als Kirchen im eigentlichen Sinne nämlich lediglich die römisch-katholische sowie die orthodoxen Kirchen bezeichnet werden. Dem stellt die im Jahre 2000 von der damals von Kardinal Ratzinger geführten Kongregation für die Glaubenslehre veröffentlichte Erklärung namens „Dominus Iesus“ die sog. kirchlichen Gemeinschaften, „die den gültigen Episkopat und die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben“ gegenüber. (Dominus Iesus, 17,2). Zwar wird die Taufe der Protestanten anerkannt, aber da sie die apostolische Sukzession im Sakrament der Weihe nicht vorweisen können, fehlt ihnen ein konstituierendes Element zum Kirche-Sein, so Bischof Martinelli. Davon abgesehen heißt die Weihe bei uns Ordination und ist kein Sakrament.

Blick in die Vatikanstadt (Foto: Oliva)

Weder beim vielbeachteten Besuch des Papstes beim Lutherischen Weltbund im schwedischen Lund zum Reformationstag 2016 noch bei den zahlreichen ökumenischen Gottesdiensten, deren Zeuge ich im vergangenen Jahr in Rom werden durfte: Nie wurden wir Protestanten als Kirche bezeichnet, stets bediente man sich dieses so schwammig-ausweichenden wie degradierenden Terminus der „kirchlichen Gemeinschaften“.

Zweites Vatikanisches Konzil: Rom öffnet sich langsam für die Ökumene

Gewisslich, man gesteht uns zu, dass auch bei uns „vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind.“ So steht es in Lumen gentium, der vom Zweiten Vatikanischen Konzil verabschiedeten dogmatischen Konstitution über die Ekklesiologie. Überhaupt ist es immer wieder jener achte Artikel, der in Sachen Ökumene gern und oft zitiert wird. Denn hier findet sich die Aussage, dass die „eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“ (vgl. Apostolikum; s. o.) in der römisch-katholischen Kirche lediglich verwirklicht ist (lat. „subsistit“) – in einem vorherigen Entwurf hatte stattdessen noch ein „est“ gestanden: Die Kirche aus dem Apostolikum und die römisch-katholische Kirche seien gleichzusetzen. Immerhin ein symbolischer Erfolg des Ökumenismus, wenngleich die genaue Auslegung dieses „subsistit“ viel Spielraum zulässt.

Auch Bischof Martinelli legt in seinem Heftlein ein deutliches Augenmerk auf jene Passage und verweist auf ein weiteres Konzilsdokument, das Dekret Unitatis Redinegratio, in dem man die Öffnung der römisch-katholischen Kirche für die Ökumene zum Ausdruck brachte, was folgerichtig von den Vertretern der anderen Konfessionen begrüßt wurde. Jedoch finden sich hier Aussagen, die nur auf den ersten Blick entgegenkommend wirken, im Nachsatz aber den römisch-katholischen Anspruch nur allzu deutlich untermauern. So heißt es, die kirchlichen Gemeinschaften seien „nicht ohne Bedeutung und Gewicht im Geheimnis des Heiles. Denn der Geist Christi hat sich gewürdigt, sie als Mittel des Heiles zu gebrauchen, deren Wirksamkeit sich von der der katholischen Kirche anvertrauten Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet.“ Sprich: Bei den Protestanten ist nicht alles schlecht, sie dürfen eine bescheidene Nebenrolle spielen. Aber die Gesamtheit der Gnade und Wahrheit – die gibt’s nur in der römischen Kirche.

Dies war Teil eins meiner Ökumenischen Einsichten. Von einem ökumenischen Schlüsselerlebnis meines Romjahres berichte ich im nächsten Artikel. Außerdem wird es darum gehen, was von Papst Franziskus in Sachen Ökumene noch zu erwarten ist.

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