Moment Mal: Mahatma Bedford-Strohm Zum Verhältnis von Kirchen und Politik
Foto: CEBImagery (CC BY-NC 2.0)

Heinrich Bedford-Strohm hat ein Mantra: „Wer fromm ist, muss auch politisch sein“ [1], [2]. Damit zieht er durchs Land und durch die Redaktionen, seit sich der politische Diskurs polarisiert hat, der Rechtspopulismus erstarkte und immer mehr Flüchtlingsheime angegriffen wurden. Dem von beiden großen Kirchen einmündig vorgetragenen Aufruf zu Mitmenschlichkeit folgte ein breites Spektrum an Kritik nach. Von dümmlich-pöbelnden Facebook-Nutzern („wann verbietet denen endlich jemand das Fordern, die sollen sich aus der Politik raus halten“), über weniger dümmliche CSUler („Der Staat soll sich um seine Angelegenheiten kümmern, die Kirche um ihre“) bis hin zu Theologen, die meinen, Bedford-Strohms Einsatz für eine menschenwürdige Flüchtlingspolitik vertrage sich nicht mit Luthers Zwei-Reiche-Lehre.

Wer fromm ist, darf politisch sein

Es offenbart sich ein seltsames Verständnis von demokratisch gestalteter Politik, wenn Akteure zum Schweigen aufgefordert werden, weil Religion Privatsache zu sein habe und Staat und Religion getrennt gehören. Es spielt keine Rolle, aufgrund welcher Ansichten und Überzeugungen Bürgerinnen und Bürger sich politisch engagieren. Jede und jeder kann politische Forderungen erheben – so ist das Neutralitätsgebot des säkularen Staates richtig verstanden; und nicht in der Forderung nach dem Ausschluss von Kirchen aus dem politischen Diskurs. Wer fromm ist, darf politisch sein.

Gilt aber auch: Wer fromm ist, muss politisch sein? Wie kommt der EKD-Ratsvorsitzende zu dieser kühnen Aussage? Durch den Bezug auf Dietrich Bonhoeffer. Fast wirkt es, als solle ihm dieser programmatische Satz in den Mund geschoben werden. Im Wortlaut wird der Theologe und NS-Widerständler das so nicht formuliert haben, aber für ihn ist klar, dass die Kirchen – und alle Christen – in der Pflicht sind, sich nicht nur mit dem individuellen Seelenheil zu beschäftigen, sondern auch auf Gerechtigkeit zu drängen. Die Notwendigkeit, auf struktureller, politischer Ebene für ein gerechtes Miteinander einzustehen, klingt bei Bonhoeffer so:

„Wenn die Kirche den Staat ein Zuviel oder ein Zuwenig an Ordnung und Recht ausüben sieht, kommt sie in die Lage, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“ [3]

Über Chicago nach Indien

Soweit nichts Neues für politisch interessierte Theologiestudierende und Gläubige. Dass die heutige Bedeutung des Theologen, auf dessen Schultern sich auch Bedford-Strohm gerne stellt, im Widerspruch steht zur Außenseiterrolle, die Boenhoeffer selbst in der Bekennenden Kirche einnahm, dürfte ebenfalls bekannt sein. Und wer sich noch eingehender mit dem Leben des Widerständlers beschäftigt, wird wissen, welch großen Einfluss sein Aufenthalt in den USA auf ihn übte, als er in den „Negerkirchen“ nicht nur die Kraft des Gospels, sondern auch das Leiden und den Kampf um Gerechtigkeit entdeckte.

Inspiration für seine Programmatik fand er jedoch auf der anderen Seite des Globus, in Südafrika und Indien. Interessiert verfolgte er Berichte über den Weg Mahatma Ghandis, immer wieder schmiedete er Pläne, diesen in Indien zu besuchen. Dazu kam es nicht – der anbrechende Krieg ließ Bonhoeffer nach Deutschland zurückkehren. Ob er sich bei seinem Weg in den Widerstand nicht nur von der Bergpredigt, sondern auch vom hinduistischen Ghandi leiten ließ? Dieser schrieb in seiner Autobiographie, die in den Jahren 1925 und 1929 stückweise veröffentlicht wurde, folgendes zum Verhältnis von Religion und Politik:

„Und ich darf ohne das geringste Bedenken, wenngleich in aller Demut, sagen, daß die, die da behaupten, Religion habe nichts mit Politik zu tun, nicht wissen, was Religion heißt.“ [4]

Bedford-Strohm verwendet etwas freundlichere Worte – aber inhaltlich trennt den evangelischen Kirchenratsvorsitzenden und den hinduistischen Mahatma nicht viel bei der Frage nach dem Verhältnis von Religion und Politik.

Im kommenden Monat dreht sich auf Theologiestudierende alles um eben diese Frage – morgen mehr dazu.


[1] ZEIT Online 2015

[2] FAZ Online 2017

[3] DBW Bd. 12, 353. Gütersloh: Chr. Kaiser, 1997.

[4] Ghandi, Mahatma: Mein Leben, 257. Berlin: Suhrkamp Taschenbuch, 1983.

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