Zwischen Jubel, Trubel, Heiterkeit Der etwas andere Aspekt des Kirchentags
Foto: Bettina Ssymank

Die Welt steht still. Es ist Freitag, 12:00 Uhr auf dem Berliner Messegelände. Und so wuselig vor allem das Messegelände während des Kirchentags auch sonst sein mag, für eine Minute hält der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag den Atem an. Ich sitze in einer Veranstaltung zum Motto der 12. Versammlung des Lutherischen Weltbundes, die vom 10. bis 16. Mai in Windhoek/Namibia stattfand: „Creation not for sale / Human Beings not for sale / Salvation not for sale – Liberated By God’s Grace“. Gerade hat Bischof Antonio de Rio Reyes von den Philippinen seinen Impulsvortrag zu „Human Beings not for sale“ beendet. Umso passender ist die Schweigeminute für die vielen tausend Menschen, die auf ihrer Flucht nach Europa ertrunken und ums Leben gekommen sind. Ja, Menschen sind für Geld nicht zu haben. Kein Menschenleben.

Einen Tag später, Samstag, 14:00 Uhr. Ich bin wieder auf dem Messegelände. Diesmal auf dem Markt der Möglichkeiten. Ich stehe gerade an einem Stand, der unter anderem Materialien für Hauskreise vertreibt. Über die Lautsprecher der Halle ertönt eine unverständliche Durchsage. Plötzlich hört man überall ein leises „Psssst! Schweigeminute!“ Einige bleiben andächtig stehen und neigen den Kopf zu Boden. Die Gespräche am Stand verstummen. Die meisten Besucher gehen einfach weiter. Nach einer Minute wird scheinbar über dieselbe Anlage ein kurzes Gebet gesprochen. Dann geht alles seinen Gang als ob nichts gewesen wäre. „Für die ermordeten Christen in (unverständlich).“ Die meisten in der Halle hat das eh nicht geschert. Selbst die Gespräche gingen weiter.

Während ich weiter über die Messe schlendere, treibt es mich in das Zentrum Barrierefreier Kirchentag – und stelle überrascht fest, dass es hier Ruheräume mit Betten gibt! Ich hätte also tatsächlich – mitten im Trubel – einen Mittagsschlaf halten können!

Wenige Stunden später am anderen Ende der Messe im Geistlichen Zentrum, in der Wüste. Überall liegen Kirchentagsbesucher, ruhen sich aus, tanken auf. Es ist Zeit für das Abendgebet der Kommunitäten und Orden. Der kleine Raum, in den vielleicht 50 Menschen reinpassen, ist voll. Viele stehen noch draußen. Schon vor Beginn herrscht andächtige Stille. Das Abendgebet soll 30 Minuten dauern, am Ende sind es 45, weil jeder persönlich gesegnet wird: (Gottes) Kraft tanken für den letzten Teil des (Kirchen-)Tages.

Da das Wetter super ist, gehe ich frisch gestärkt in den Sommergarten. Hier findet eines der großen A Capella-Konzerte statt. Die Menge tobt und ist nicht mehr zu bremsen. Selbst die Band ist zwischenzeitlich ein bisschen überrannt von der Megastimmung. Es ist laut und schrill, ein Song jagt den anderen. Eine großartige Stimmung. Selbst die ruhigeren Stücke werden mit frenetischem Applaus gefeiert.

Cut!

Zwei Stunden hat das Konzert gedauert, die Sonne ist untergegangen. Es ist Zeit für den Abendsegen. Aber mit 10.000 erwarteten Besuchern, die noch immer feiern? Kann das gelingen? Es kann! Und wieder zeigt sich, wie unvermittelt beim Kirchentag Ruhe einkehrt. Zum Abschluss singt der gesamte Sommergarten, begleitet lediglich von Keyboard, Gitarre und schlichter Singstimmen, „Der Mond ist aufgegangen“. Das Kerzenmeer strahlt mit dem beleuchteten Funkturm um die Wette. Es ist fast ein magischer Moment. Der Tag ist zu Ende. Und damit auch der Teil des Kirchentages, der in Berlin stattfindet.

Das Schöne an diesen vielen kleinen Episoden ist die andere Seite des Kirchentages. Die Seite, die man nicht auf Anhieb sieht, weil sie leise daherkommt, weil sie sich anschleicht und doch so sehr gebraucht wird: die Ruhe im Auge des Sturms.

Schlagwörter: , , , , ,

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.