„Du siehst mich!“ – Aber wann und wo?

Der Kirchentag ist in vollem Gange. Viele tausend Menschen sind in Berlin und Umgebung unterwegs. Wo immer man hinschaut, sieht man zwei große Augen auf orangenem Grund. Sie begleiten uns auf unserem Weg und sind unterschrieben mit diesem Satz: „Du siehst mich!“ Es ist das diesjährige Kirchentagsmotto aus 1. Mose 16,13. Doch was bedeutet dieser Satz eigentlich?

Ich habe mich für euch auf den Weg gemacht und auf dem Messegelände einige Stimmen eingefangen!

Die Frage: „In welchen Situationen begegnet dir dieser Satz? Wo hast du ihn gehört oder gedacht? Oder in welcher Situation könnte er etwas bedeuten?“

Und hier die Antworten:

Rebekka und Sarah (beide 17): „Wenn man verliebt ist, möchte ich diesen Satz meinem Gegenüber hinhalten. Denn er ist es doch, der mich sieht. Genauso in einem Raum, wenn man jemanden trifft, den man vielleicht lange nicht gesehen hat und der einen nicht sieht. Da möchte man doch rufen: ,Hey, du siehst mich doch!ʻ“

Hanni (72): „Vor dem Kirchentag hat dieser Satz für mich eigentlich keine Rolle gespielt. Nun verbinde ich mit ihm die Hoffnung, dass geholfen wird, weil man gesehen wird.“

Carmen (61): „Ich arbeite in der Seelsorge. Hier mache ich täglich die Erfahrung, dass der Mensch als einzelner gesehen und wahrgenommen werden will. Und so verstehe ich auch das Kirchentagsmotto: Gott sieht jeden einzelnen Menschen. Das ist die große Stärke in diesem Satz!“

Mirjam (21): „Gott sieht alle. Das zeigen ja auch die Augen, die hier überall sind. Wahrnehmen tue ich das vor allem in Gottesdiensten und im Lobpreis. Im Alltag geht das leider häufig unter.“

Inge (77): „Ich glaube, dieser Satz taucht vor allem in Notsituationen auf. Er richtet sich hoffend auf Gott: ,Du siehst mich doch! Hilf mir!ʻ“

Auch wir rasenden Kirchentagsreporter haben uns unsere Gedanken gemacht:

Henrike denkt vor allem an das Kuckuckspielvon kleinen Kindern, die erst lernen müssen, dass man sie sieht, auch wenn sie einen nicht sehen. So ist das auch mit der Gottesbeziehung: Gott sieht mich auch dann, wenn ich ihn nicht sehe.

Für Christian bildet der Satz „Du siehst mich!“ sehr gut die Ambivalenz der Gottesbeziehung ab. Es hat natürlich etwas Beruhigendes, wenn ich weiß, dass ein Mensch oder auch Gott mich sieht und mir hilft. Es hat aber auch was von Kontrolle. Will man denn immer und überall gesehen werden?

Die Entwicklungstheorie von James William Fowler spielt für Deborah eine Rolle. „Du siehst mich!“ verbindet sie mit der Entwicklung der Selbstreflexion. Der Mensch lernt erst nach und nach, dass er gesehen wird und dass er sich auch durch die Augen anderer reflektiert. Dieses Bewusstsein und diese Fähigkeit ist aber die Voraussetzung, dass ein sehender Gott überhaupt geglaubt werden kann. Nur wenn ich weiß, dass ich gesehen werde, kann ich mir einen Gott vorstellen, der mich sieht.

Zu guter Letzt ich selbst: Ich verbinde diesen Satz vor allem mit großen, engen, drängelnden Menschenmengen. Vielleicht ist es ein sehr starker Wunsch, dass ich selbst in der größten Masse nicht untergehe. Irgendjemanden gibt es (hoffentlich) immer, der mir sagt: „Hab keine Angst, ich sehe dich!“

Und was meinst du?

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