Sag die Wahrheit! Diskussion um die Verantwortung von Medien und sozialen Netzwerken auf dem Kirchentag

Am Donnerstagvormittag fand auf dem Kirchentag in Berlin eine Podiumsdiskussion zum Thema Wahrheit statt. Thomas de Maizière, Ilka Brecht, Markus Beckedahl, Bernhard Pörksen und Ulinka Rublack diskutierten über Lüge, Realität und Wahrhaftigkeit. Ich war vor Ort und gebe einen kurzen Bericht, aber Vorsicht: Alles, was ich hier jetzt schreibe, könnte gelogen sein.

Aufhänger für die Diskussion bot das Thema „shitstorm“. Pöbeleien und Hass im Internet sorgen in Gesellschaft und Politik für Sorge und Verunsicherung. Medienwissenschaftler Prof. Dr. Bernhard Pörksen stieg gleich provokant in die Diskussion ein und behauptete, „shitstorm“ tue der Gesellschaft eigentlich gut. Der Fehler im Umgang mit Beleidigungen und Wut sei die pauschale Etikettierung der Urheber, denn vielleicht hätte da jemand tatsächlich einen Punkt, sei nur nicht in der Lage, diesen zu artikulieren.

Dem widersprach Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière heftig, indem er um eine Einhaltung der Grenze zwischen wütender freier Meinungsäußerung und Hass plädierte. Eine Beleidigung bleibe eine Beleidigung. Im Privaten reagiere er mit einer „Hornhaut“ auf Hass. Also die Augen-zu-und-durch-Methode. Beim ZDF hingegen wird auf „shitstorm“ reagiert. Ilka Brecht – Moderatorin von Frontal 21 – betonte, dass ein richtiger Umgang mit Hassposts – welche den Dialog suchen, für Aufklärung und Transparenz sorgen – die Plattformen, die das Internet bietet, wieder von einer „Zumüllung“ befreien könne. Lässt man die „Zumüllung“ zu und einfach so stehen, dann sei der Diskurs kaputt.

Es wurde im Folgenden eifrig über den Diskurs an sich gestritten. Gibt es eine Demokratisierung der Meinungen durch das Internet? Was ist ein verantwortlicher Umgang mit Quellen und wie kann dieser gefördert werden? Für Bundesinnenminister de Maizière ist der Umgang mit Informationen und der Wahrheit vor allem eine Frage der Haltung. Demgegenüber behauptete Netzaktivist Markus Breckedahl (netzpolitik.org), dass nicht der Anstand, sondern die entsprechende Medienkompetenz darüber entscheiden sollte, ein Urteil fällen zu können, was wahr sei und was nicht. Auch das neue Netzwerkdurchsetzungsgesetz geriet in die Kritik: Nicht die Gerichte sind in diesem für Hass und Beleidigung in den sozialen Medien zuständig, sondern die Hauptverantwortung tragen die entsprechenden Anbieter.

Ziemlich kurz kam in der Diskussion die Reformationshistorikerin Prof. Dr. Ulinka Rublack, die noch ein paar Funfacts zu Luther als Loslöser von „shitstorm“ in der Reformation mit einstreute. Die Einbindung des Themas „Reformation“ in der Diskussion wirkte entsprechend künstlich. Zurecht kann man sich also fragen, was eine solche Diskussion nun auf dem Kirchentag zu suchen hat, wenn sie mit Kirchen, Glauben und ja noch nicht einmal mit Medienberichterstattung über und von Kirchen zu tun hatte.

Auf twitter (für de Maizière übrigens nur „Informationsbelästigung“) konnte man während der Diskussion ziemlich gut mitverfolgen, wie der DEKT selbst mit seiner Medienberichterstattung für Wahrheit zu sorgen suchte. Neben den hübschen Bildern mit Merkel und Obama gab es zahlreiche Tweets aus der umstrittenen Veranstaltung „Christen in der AfD“. Hier wie dort wurde deutlich, dass Informationen und Realitäten immer subjektiv und ausschnittsweise sind, wie folgende Twittermeldungen verdeutlichen:

 

Was bleibt, ist die eigene Verantwortung. Verantwortung im Umgang mit Hass und Wut, mit Informationen und Fakten. Und so lange es keinen „Algorithmus für Nächstenliebe“ (Pörksen) gibt, gilt es dafür zu sorgen, dass es neben Empörung auch noch reichlich hoffnungsvolle Kommunikation im Internet und auch im analogen Leben gibt.

 

Der erste Teil der Diskussion wird vom ZDF ausgestrahlt und ist dort auch in der Mediathek zu sehen.

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