Moment Mal: Digitale Kirche Was genau bedeutet das?

Im Jahr 2014 war „Die Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“ Schwerpunktthema der 11.Synode der EKD. In den letzten drei Jahren hat sich das Thema noch weiter ausgebreitet, unter dem Hashtag #digitalekirche sind auf Twitter, aber auch Facebook und teilweise in den einzelnen Landeskirchen rege Diskussionen zu finden. Doch was ist digitale Kirche eigentlich? Ist es schon digitale Kirche, wenn ich als Autorin bei Theologiestudierende.de mit Euch Lesern in Kontakt trete oder bedeutet digitale Kirche, dass der Pfarrer etwa Tweets schreibt und bei Instagram Fotos vom Altar postet? Gibt es virtuelle Gottesdienste, so richtig mit Abendmahl und gemeinsamen Gesang?

Ja, all das und noch vieles mehr ist digitale Kirche. Und doch irgendwie anders, denn es ist unwahrscheinlich, dass bei einem digitalen Gottesdienst vor dem PC mitgesungen wird und auch nicht alle Teile eines Gottesdienstes können digital vertreten sein – beispielsweise das Abendmahl.

Warum überhaupt? Braucht man das?

Die Vernetzung über das Internet, die Kommunikation über Social Media wie Facebook oder Twitter gehört für die allermeisten Menschen zum Leben dazu – weshalb sollte die Kirche sich aus dieser modernen Form der Kommunikation und der Verbindung heraushalten? Religion und Medien sollten nicht in Konkurrenz zueinander gesehen werden, denn auch ein über das Smartphone gesendeter Tweet ist geeignet, um mit einem Gegenüber in Kontakt zu treten, um Glauben zu vermitteln und um theologische Diskussionen anzuregen.

Digitale Kirche ist real

Gemeinschaft und gelebter Glaube finden sich im Internet an den verschiedensten Stellen, ob auf privaten Blogs, Seelsorge-Chats oder sogar bei digitalen Gottesdiensten. Oftmals finden sich solche Diskussionen an Orten, an denen man sie nicht vermutet, beispielsweise unter Facebook-Posts. Gerade für Menschen, die sich mit der klassischen Gemeinde nicht gut identifizieren können, sich jedoch über christliche Themen austauschen möchten, bietet die digitale Kirche eine Möglichkeit, einen Zugang zum Glauben zu finden. Jüngere Menschen lesen vielleicht lieber die Bibel als App anstatt als richtiges Buch und manchen Personen in schwierigen Situationen fällt das seelsorgerische Gespräch in einem Chat möglicherweise leichter als ein „face-to-face“. Die Kommunikation über das Internet ist entgegen des etablierten Begriffs der „virtuellen Realität“ ganz und gar nicht „virtuell“ sondern real. Die Ansicht, nur ein auf Papier gedrucktes Buch oder nur ein Gespräch mit physischer Anwesenheit ist „echt“ und „real“ spricht der digitalen Kommunikation zu Unrecht ihren Wert ab. Hinter dem PC oder dem Smartphone sitzt ein echter Mensch. Das Internet ist nur das Medium – so wie ehemals Paulus‘ Briefe ein Medium waren, um mit den Gemeinden in Kontakt zu treten. Das waren keine privaten Briefe, sondern Briefe, die eine breite Masse ansprechen sollten. Sie hatten eine Wirkung wie heutzutage Facebook-Posts. Seit Beginn des Rundfunks und des Fernsehens werden Gottesdienste, Predigten und Andachten medial übertragen und im Jahr 2017 eben auch via Twitter und Facebook.

Viele der Kirchengemeinden tun sich jedoch schwer, über das Angebot einer Homepage mit eher informellem und repräsentativem Charakter hinaus einen Kommunikationskanal anzubieten, über den ein ähnlicher Austausch stattfinden könnte. Dabei muss man sich eben nicht sorgen, dass die digitale Kirche das echte Gemeindeleben, einen Gottesdienst oder ein persönliches Gespräch mit physischer Anwesenheit nach und nach ersetzten könnte. Vielmehr ist es eine Ergänzung, eine neue und andere Möglichkeit, in Kontakt zu treten. Es scheint mir fast, als stellte sich die Kirche selbst ein Bein, wenn sie diese Möglichkeit nicht besser auszuschöpfen versucht und damit den Anschluss an die (digitale) Gesellschaft verlöre. Der Gedanke, die virtuelle Realität führe zu einer Anonymisierung und Entmaterialisierung der ursprünglichen Gemeindearbeit, ist meiner Meinung nach zu kurz gedacht. Gerade weil der Einstieg in die digitale Kirche durch kurze Wege über das Smartphone leichter ist, können mehr Menschen davon profitieren und kommen somit unmittelbar mit dem Glauben in Kontakt. Nicht zuletzt kann ein digital geführtes Gespräch ebenso berühren und innerlich bewegen wie ein real geführtes. Dieses Erlebnis und seine Wirkung kann dann wiederum in die reale Welt getragen werden.

Erweiterung, kein Ersatz

Was genau ist nun digitale Kirche? Über eine genaue Definition und die Ziele der digitalen Kirchen wird zur Zeit noch rege diskutiert. So stellt der Pastor und Informatiker Ralf Peter Reimann auf Twitter fest: „Digitale Kirche ist mehr als ein Rauskommen aus der Filterbubble und mehr als Reichweite“ und der angehende Pfarrer Johannes Brakensiek twittert, er „habe auch das Gefühl, dass digitale Kirche als Idee noch zu breit und unkonkret ist, um produktiv zu sein„. Die digitale Kirche ist eine neu gedachte Art der Verständigung, eine Erweiterung, kein Ersatz zum traditionellen Kirchenraum. Als diese muss sie erst etabliert, geformt und gestaltet werden, wohin diese Gestaltung führt, bleibt spannend. Die Kirche als physische Institution wird uns gleichsam erhalten bleiben. Nicht zuletzt die Feier der Sakramente oder auch der gemeinsame Gesang bedarf physischer Anwesenheit und bildet wichtige Grundpfeiler im gelebten Glauben. Trotzdem darf und soll Kirche meiner Meinung nach sehr gerne digital sein, denn „Religion ist nicht da, wo geheimnisvolle Rituale und Formeln ihren Platz haben, sondern da, wo man sich verständigt“.¹


1 Michael Meyer-Blanck, Liturgie und Liturgik. Der evangelische Gottesdienst aus Quellentexten erklärt, Göttingen 2009, S. 37.

 

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