… ich kann nicht anders! Kritik an einer geplatzten Kondomaktion
Screenshot: YouTube, EKiR

Das Weiße Haus gleicht momentan einem Schauplatz voller Skurrilitäten und bietet den Medien tagtäglich eine neue verwunderliche Story. Die Vereinigten Staaten haben womöglich einen Hang zum Absurden, denn blickt man in die jüngere Vergangenheit dieses Landes, so gibt es zahlreiche Dinge, die durchaus erstaunlich klingen. Einem Sexualkundelehrer aus Mississippi wurde 2012 etwa untersagt, mit Kondomen den Gebrauch von Verhütungsmitteln zu demonstrieren. Vorbei also die schönen Zeiten, als die Sexualerzieherschaft anhand von Bananen oder ähnlichen phallischen Gegenständen für Verlegenheit in den Klassenzimmern sorgten. Zensuren machen bekanntlich erfinderisch, und so kreierte Sanford Johnson folgenden Socken-Videoclip:

Das Video mag uns amüsieren, vergessen wir dabei aber nicht, dass Jugendlichen im 21. Jahrhundert tatsächlich noch ein angemessener Sexualkundeunterricht verwehrt wird. In vielerlei Hinsicht ist also Dankbarkeit angebracht, dass die nordamerikanische Prüderie in Westeuropa (noch) nicht derart Fuß gefasst hat. All zu sehr erinnern solche Begebenheiten an die Zeit der Vor-Achtundsechziger, als restriktive Gesetze noch Menschen aufgrund ihres Sexuallebens bestraften. Erst in den 1970ern wurde etwa das Kuppeleigesetz in den deutschsprachigen Ländern abgeschafft: verbotenes, unzüchtiges Verhalten wie beispielsweise vorehelicher Geschlechtsverkehr oder beischlaf-ähnliche Handlungen, welche mit einem Tag oder fünf Jahren Haft bestraft werden konnten – ganz zu schweigen von Homosexualität.

Sex und Kirche?

Die Rolle der Kirche im Belange der Sexualität war bis zu dieser Zeit keinesfalls rühmlich. Die damalige, sich in Konservativismus übende und verzagende, Geisteshaltung der Kirchen sowie vieler Christinnen und Christen hat bis zum heutigen Tag ihre Nachwirkungen. Es mag daran liegen, dass Kondome oder andere Verhütungsmittel in der römisch-katholischen Kirche immer noch auf Ablehnung stoßen. Diese Haltung bekam unlängst etwa der Malteserorden zu spüren, als dieser in Myanmar Kondome verteilte. Wo Verbote herrschen, gediehen und gedeihen stets Intrigen und andere Widerlichkeiten. Ebenso hat die Jahrhunderte andauernde protestantische Kirchenzucht das ihre dazu beigetragen, dass Sexualität tabuisiert und unter strenge Regeln gestellt wurde. Allein die Frage: „Du studierst Theologie? Hast du wirklich keinen Sex vor der Ehe?“, spricht Bände über die zahlreichen kirchlichen Irrtümer. Abgesehen davon sorgen „evangelikale“ oder freikirchliche Gemeinschaften innerhalb und außerhalb der großen Kirchen in puncto Sexualität für ein verheerendes Bild in der Öffentlichkeit. Aber nicht das Bild des Christentums in der Öffentlichkeit sollte uns kümmern, sondern die zahlreichen tragischen Schicksale von Menschen, die in einer solchen Gemeinschaft ihre Sexualität nicht frei erfahren können. Ein literarisches Gustostückerl zu religiös-sexuellen Repressalien bietet Deborah Feldman in ihrem Buch Unorthodox.

Der rheinländische Kondom-Skandal

Justament im Jahre 2017, dem großen Reformationsjubiläumsjahr, stellte plötzlich die – in der Öffentlichkeit als liberal geltende – Evangelische Kirche im Rheinland eine Kondomverteilungsaktion von einigen wenigen Jugendgemeinden ein. Was war geschehen? Die Jugendkirche in Düsseldorf und anderen Städten verteilte Kondome mit der Aufschrift: „Für Huren und Heilige“, oder „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“. Luthers Sprüche auf Kondomverpackungen provozierten einen handfesten Skandal. Dazu kam, dass die Aktion durch die Kirchenleitung beendet wurde – ein Verbot „von oben“ an die Jugendlichen „unten“ [4]. Die Begründung:

In der Kirche hat sich viel verändert. Vorbei scheinen plakativ-moralische Verurteilungen oder konservativ-anmutende Argumentationsweisen seitens der Kirchenleitung. Zu dieser Wahrnehmung mag beitragen, dass eine Stellungnahme von Landesjugendpfarrerin Simone Enthöfer (Rheinland) in dieser Aktion eine Verletzung der Würde von Männern, Frauen, Mädchen und Jungen gleichermaßen sah. Die Beurteilung des Oberkirchenrates, dass Kondome mit sexueller Gewalt konnotiert sein würden, schließt sich der Argumentation Enthöfers an.

Eine kritische Betrachtung der Aktion

Ist es wieder so weit, dass Kirche Sex verbietet, Lust verbietet, Spaß verbietet? Aufgrund der Geschichte ist das Verhältnis zwischen Kirche und Sexualität vorbelastet, was eine kritische Beurteilung kirchlicher Äußerungen zu diesem Thema notwendig macht. Aber es stellt sich trotzdem die Frage, weshalb eine Jugendkirche diesen Spruch auf Kondomverpackungen druckt und diese verteilen möchte. War es ein Akt der sinnlosen Provokation? Die dazugehörige Homepage, welche auf den Verpackungen angegeben war, wurde leider vom Netz genommen, weshalb sich inhaltliche Spurensuchen als schwierig erweisen. Die Meinungen im Netz gehen jedenfalls auseinander. Wollte die Initiative den inflationären Gebrauch des Lutherspruches: „Hier stehe ich…“,  anprangern? Versucht diese Kondomaktion die Dekontextualisierung des Spruches lediglich ironisch auf die Spitze zu treiben? Heiko Kuschel beschreibt in einem Artikel sehr eindrücklich, zu welchen Kuriositäten es mittlerweile gekommen ist:

Gestern, als ich ganz gemütlich in meinem Luthersessel an meinem Luthertop saß, meinen Lutherkaffee aus der Luthertasse schlürfte (der selbstverständlich mit  Lutherenergie der Stadtwerke Lutherstadt Eisleben gewärmt wurde) und dazu ein Lutherplätzchen aß, ploppten auf Lutter (Twitter für Lutheraner) ganz seltsame Nachrichten auf.

Lutherenergie? Ernsthaft? Folgen bald Luther-Pizzeria, Luther-AKW, Luther-Bordell und Luther-Schokolade? Weit sind wir davon zumindest nicht mehr entfernt. Eine Kritik an diesen Zuständen scheint durchaus angebracht und hat seine volle Berechtigung. Aber war eine solche Diskussion tatsächlich von den Initiatoren beabsichtigt? Die Meinungen dazu sind nicht einheitlich. Ein öffentlicher Protestbrief der EKD-Jugenddelegierten verteidigt die Düsseldorfer Jugend mit ganz anderen Argumenten:

Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass die Kommunikation des Evangeliums unter Menschen unserer Generation häufig unter dem Eindruck einer freudlosen und biederen Kirche leidet. Die Kampagne der Evangelischen Jugend in Düsseldorf hat versucht, dieses biedere Image der Kirche aufzubrechen um so auf unkonventionelle Weise mit jungen Menschen in Kontakt zu kommen. […] Wir bedauern die „von oben“ erwirkte Einstellung der Kampagne sehr […].

Mit jungen Menschen durch Kondomverteilaktionen in Kontakt kommen? Klingt beinahe anrüchig. 2007 verteilte etwa die österreichische Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky (Volkspartei) Kondome in einer Schule. Dies brachte ihr den Ruf ein, dass sie mediale Aufreger mehr für ihr Ego gebrauche, als dass es der gesundheitlichen Vorbeugung dienlich sei. Mediale Präsenz durch öffentliche Ärgernisse schafft eher ein Gefühl von Befremdlichkeit als einen Aufbruch von verkorksten Images. Zu oft haben Menschen Pfarrer wie den Wiener Priester Christian Sieberer erlebt, der das „biedere Image der Kirche“ durch unorthodoxe Mittel durchbrechen wollten. Sieberer etwa sorgte mit seiner Seelsorge in Bordellbetrieben für Furore. Hinter seiner Aktion steckte allerdings ein stockkonservatives Weltbild, gepaart mit starkem Missionsdrang via Youtube. Die Menschen sind vorsichtig geworden, „hippe“ Ideen von kirchlicher Seite werden argwöhnisch betrachtet.

Überlegung

Nehmen wir einmal an, dass die Fachschaft des Instituts für Astrophysik der Universität Wien aufgrund einer niedrigen Studierendenzahl eine Provokation setzen wolle. Die Gesellschaft sollte wachgerüttelt werden, denn Astrophysik solle nicht ausschließlich als eine Wissenschaft der trockenen Zahlen gelten. Physik sollte Spaß machen, Physik muss endlich sexy werden. Die Fachschaft beschafft also in einer groß angelegten Aktion 1.000 Pole-Dance-Stangen der Marke Rovate und etikettiert die Verpackung mit dem Ausspruch Galileo Galileis: „Und sie dreht sich doch!“. Die Aktion würde möglicherweise für Erheiterung sorgen, aber das tragische Geschehen der Widerrufung des Gelehrten wäre wohl stark untergraben. Abgesehen davon wäre inhaltlich über das Studium der Astrophysik nichts gesagt worden und das Institut hätte mit einer saftigen Sexismusdebatte zu kämpfen. Daraufhin wird die Homepage der Fachschaft auf Eis gelegt, Gerüchte entstehen, die Aktion hätte lediglich auf die frevelhafte Dekontextualisierung des Namens Gallilei abgezielt. Gallileo Trainigsgeräte oder das Sendungsformat auf Pro-Sieben mitsamt der von Pro-Sieben geschaffenen Produktpalette hätten den Ruf des Universalgelehrten geschadet. Eine satirische Überspitzung wäre daher nötig gewesen.

Das hier durchdachte Beispiel ist nicht real, es spiegelt allerdings die reale Debatte rund um die Kondomaktion der Düsseldorfer Jugendgemeinde. Sorgen plakative und rein-provokative Anspielungen tatsächlich für einen vermehrten Kontakt mit der heiß-umworbenen Jugend, gar für eine Kommunikation des Evangeliums? Meiner Meinung wohl kaum. Die neu erkannte Wahrheit, welche Luther vor dem Reichstag mit Leib und Leben verteidigte, gipfelt mit dem uns heute bekannten (vielleicht zugeschriebenen) Zitat: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ Die Dekontextualisierung dieses wertvollen Bekenntnisses beginnt mit der Luther-Socke und endet mit den Luther-Kondomen. Es ist anzunehmen, dass hinter dieser Kondomaktion eher eine Überlegung zur Erweiterung des Luther-Produktsortiments eine Rolle spielte: Weshalb sollte es neben Luthersöckchen und Lutherbier keine Lutherkondome geben?

Eine satirische Überspitzung ist in dieser Aktion – abgesehen von nachträglichen Rechtfertigungsversuchen eines bestimmten Klientels – ebenso wenig auszumachen. Eine Debatte über die überbordende Dekontextualisierung des Lutherzitats samt marktwirtschaftlicher Profitmacherei wurde durch diese Aktion mehr in den Hintergrund als in den Vordergrund gerückt. Es wäre meiner Meinung nach angebracht, durch andere Mittel mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Kreative Lösungen wären gefragt, Verweise auf erigierte männliche Geschlechtsorgane sollten künftig wohl eher gemieden werden.

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