Moment Mal: Vergessen und Gedenken
Foto: Garry Knight (CC BY 2.0)

Am kommenden Freitag gedenkt die Bundesrepublik den Opfern des Nationalsozialismus. Vor 72 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Die Gräueltaten des NS-Regimes wurden dem Schatten entrissen und standen erstmals im Licht einer entsetzen, fassungslosen Öffentlichkeit, die nicht begreifen kann, dass im 20. Jahrhundert so etwas barbarisches möglich ist.

Offene Frage

Auch 72 Jahre später findet sich keine Antwort auf die Frage nach dem Warum. Historiker untersuchen die Frage des Wie und stoßen auf menschliche Abgründe, gesellschaftliches Dulden und Wegsehen und politisch-systematischen Vernichtungswillen. Die Frage des Warum entzieht sich jedoch dem menschlichen Denken. Warum wurden aus deutschen Bürgern SS-Männer, die verhungerte Menschen in Feuergruben warfen oder Menschen mit Behinderungen in Busse steckten? Warum erhörte Gott die Schreie des jüdischen Volkes nicht? Warum fügen Menschen sich gegenseitig so schreckliches Leid zu?

Die Frage nach dem Warum muss offen bleiben – um die Opfer nicht zu beleidigen. Gleichzeitig muss das Gedenken lebendig bleiben – um die Opfer nicht im Dunkel der Geschichte verschwinden zu lassen.

Falsche Antworten

In dieser Woche gibt es einen Tag, an dem hoffentlich nicht nur im Bundestag, sondern überall an die Opfer der schrecklichsten zwölf Jahre unserer Geschichte erinnert wird. Die vergangene Woche zeigt nicht nur die Notwendigkeit, sondern auch die Gefährdung der Erinnerung an die Opfer:

Zunächst tröstete der Nationalprediger Höcke nicht nur die Seelen all derer, die beim patriotisch verklärten Blick auf die eigene Geschichte nicht gestört werden wollen von Schrecken und Schuld. In schwarz-rot-goldenem Selbstmitleid beweint der Thüringer AfD-Vorsitzende, die deutsche Geschichte werde „mies und lächerlich gemacht„. Mit frenetischem Applaus bedankt sich sein Dresdner Publikum.

Die einen empfinden es also als Schande, an die Opfer der Ideologen erinnert zu werden, die durch strikten Nationalismus ein tausendjähriges Reich erzwingen wollten. Auf der anderen Seite des Atlantiks lässt der neue Präsident in seiner Rede wenig Zweifel daran, dass er zu jenen Ideologen gehört. In seiner Antrittsrede sieht er das amerikanische Volk am „Beginn eines neuen Jahrtausends“, in dem „die Erde von dem Elend der Krankheiten befreit wird“. Der Weg zu diesem Reich des Heils führt über einen Patriotismus, der nicht nur amerikanisch glaubt – America First! – sondern auch so handelt: „Buy American and hire American!“

Als hätte sich die Gefahr solcher politischer Heilsversprechen nicht schlimm und oft genug erwiesen. Ich bin dankbar, dass die deutsche Politik das Gedenken an die Shoa wach hält. So besteht Hoffnung, dass sich ähnliches nicht wiederholt.

Warum?

Doch selbst wenn das Gedenken in der Gesellschaft abnehmen sollte: Die Theologie kennt einen Ort, an dem sich mit gegenwärtigem und vergangenen Leid und seinen Opfer auseinandergesetzt wird. Es ist die offene Frage nach dem Warum; die Theodizee. Sie bleibt ungelöst, auch wenn TheologInnen wie PhilosophInnen nicht aufhören wollen, hohe Theoriegebäude zu bauen. Wer will ernsthaft an Gottes statt erklären wollen, warum es Auschwitz gab?

Die Frage muss offen bleiben: Warum? TheologInnen können die Frage nicht beantworten, sie können aber mit den Betroffenen fragen: Warum, Gott?

Der Gedenktag am 27. Januar bietet Anlass zu dieser Frage.

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