Der Weltuntergang muss noch warten Zur Herausforderung „Individualisierung“ in der Demokratie
Bild: Jonny Lindner (CC0)

Von den vielen unterschiedlichen Jahresrückblicken aus dem Jahr 2016 ist mir folgende Phrase hängen geblieben: Dass die Welt aus den Fugen geraten sei. Egal wohin geblickt wurde: Krieg und damit einhergehend Flucht, gravierende Veränderungen durch Wahlen und einige prominente Todesfälle. Zugleich ist der politische und gesellschaftliche Ton rauer geworden. Durch die Wahlerfolge der AfD wird deutlich, dass sich viele Menschen in Deutschland nicht mehr als Teil des gesellschaftlichen Systems empfinden, selbst wenn sie wirtschaftlich solide ausgestattet sind. Die Diskussionen um postfaktische Zeiten und Fake News offenbaren Schwierigkeiten im Umgang mit der Digitalisierung. Manchmal beschleicht einen das Gefühl, dass der Weltuntergang in ein bis zwei Jahren unmittelbar bevorstehen könnte.

All dies führt meines Erachtens jedoch nicht in einen Untergang oder Abgrund, sondern offenbart die grundsätzliche Problematik der heutigen Zeit: Wir haben Schwierigkeiten, die Individualisierung zu bewältigen.

Wo bilden sich Werte?

Gegenüber früheren Jahrzehnten schrumpfen etablierte Institutionen oder werden öffentlich schwächer wahrgenommen: Die beiden großen Amtskirchen schrumpfen beständig. Insgesamt gibt es weniger Mitglieder in politischen Parteien. Besonders die CDU und die SPD haben einen sehr großen Mitgliederschwund zu verzeichnen. Die kleinen Parteien wachsen zum Teil, jedoch auf einem im Verhältnis sehr geringen Niveau. Die Abschaffung der Wehrpflicht hat dazu geführt, dass die Verankerung der Bundeswehr als staatliche Institution in der Gesellschaft zurückgegangen ist. Auch immer weniger Arbeitnehmer organisieren sich in Gewerkschaften.

Diese Beispiele weisen auf eine bestimmte Problematik hin: Die Organisationen, die jahrzehntelang Werte vermitteln haben oder an deren Wertevorstellungen man sich reiben konnte, erreichen heute immer weniger Menschen.

Konsum und neue Medien

Heute steht dem ein anderer Trend gegenüber: Im Konsum befriedigen wir unsere Bedürfnisse. Dies wird, unterstützt von den neuen Medien und der Digitalisierung, scheinbar hoch individualisiert vollbracht. Das Gefühl, seine Laufschuhe um einen Fitnesscoach zu erweitern, erfreut uns. Der Blick auf eine Smart Watch am Handgelenk entzückt uns. Ohne unser Smartphone gehen wir nicht aus dem Haus. Manche YouTuber sind einflussreicher als mancher Bischof. Wir vergessen dabei eines: Auch wenn diese Produkte individuell genau auf uns abgestimmt sind und ein bestimmtes Image vermitteln, sind es immer noch Produkte wie aus früherer Zeit. Sie werden nach wie vor für die Masse hergestellt und vertrieben. Nur unser Gefühl beim Konsum hat sich verändert.

Früher gab es klare Unterschiede

Ein Blick über das eigene Universum hinaus mündet durchaus auch heute in gesellschaftlichem Engagement. So besteht große Bereitschaft, sich in einer Bürgerinitiative im Stadtteil zu einem bestimmten Thema einzubringen. Ein übergeordnetes, gesellschaftlich verbindendes Thema gibt es dort erstmal nicht. Das soll aber keine Kritik an meinen Mitbürgern sein! Denn ich bin überzeugt, dass die Menschen genauso gesellschaftlich aktiv und politisch sind wie früher. Mir macht nur die Form Sorgen. Was bleibt, wenn eine Gesellschaft gar nicht mehr ernsthaft im Ideenwettbewerb der Politik darum ringt, wohin sie möchte? Wenn nicht mehr klar ist, was links oder rechts bzw. Opposition ist und was andere gesellschaftliche Gruppierungen dazu sagen?

Jahrelang wurde von wirtschaftsliberalen Konservativen die Freiheit als Paradigma hochgehalten, während für Gerechtigkeit sich linke Parteien engagierten. Mal gewannen die Einen, mal die Anderen. Bei Niederlage ging es in die Opposition. Die Unterschiede waren klar. Heute haben wir stattdessen Schwierigkeiten, die verschiedenen Parteiprogramme auseinander zu halten.

Narrative erreichen die Gesellschaft

Nur die AfD benutzt derzeit ein griffiges Narrativ. Es ist auf dem klassischen Prinzip „wir gegen die“ aufgebaut, so wie sich früher „Freiheit und Gerechtigkeit“ oder auch „Westen und Osten“ gegenüber standen. Wir (Inländer) gegen die (Ausländer). Dieses exklusivistische Narrativ spricht einige Menschen an und begründet ein Zusammengehörigkeitsgefühl.

Die Narrative, die bisher unsere Gesellschaft zusammen gehalten haben, werden kaum oder gar nicht mehr gehört. Vielleicht hat unsere Gesellschaft noch nicht die Auflösung der starren Strukturen von erster und zweiter Welt verwunden?

Neue Wege gehen

Meines Erachtens müssen neue Wege gegangen werden, und dies in zweierlei Hinsicht.

Erstens sind neue Arten von demokratischer Legitimation denkbar. Mehr Ebenen mit unterschiedlichen Autonomiegraden können gesellschaftlich verbindende Glieder schaffen. So kann es darum gehen, dass ich mich als Münchner Student als Münchner, Oberbayer, Bayer, Deutscher, Europäer und als Kosmopolit fühlen kann. Auch wenn ich mich mit der europäischen Politik nicht einverstanden fühlen sollte, könnte ich mich als Bayer dennoch als Teil des gesellschaftlichen Systems betrachten. Die Schwierigkeit, was diese Lösung mit sich bringt, ist die Frage nach der demokratischen Legitimation, sofern eine höhere Autonomie auf den jeweiligen Ebenen möglich sein soll. Diese ist aber bereits in einem gewissen Grad bis zur Europäischen Ebene durch Wahlen gewährleistet.

Zweitens sind neue gesellschaftliche Narrative sowie Antonyme zu finden, die es bisher noch nicht gegeben hat und die zugleich wieder den Anspruch haben, die ganze Gesellschaft anzusprechen. Vielleicht sind mehr einfache und deutliche Positionen zu formulieren. Auch wenn in der konkreten Umsetzung dann ein Kompromiss nur zu einer teilweisen Umsetzung führt, wäre es für die Öffentlichkeit nachvollziehbarer wer in der roten oder blauen Ecke des argumentativen Boxrings steht. Diese Narrative könnten von allen gesellschaftlichen Gruppen genutzt werden.

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