Moment mal: Familienbesuch
Foto: Max Melzer

Die Weihnachtsfeiertage sind für viele Menschen – besonders für einsame, geplagte Studentinnen und Studenten – die Zeit, in der sie nach Hause fahren in die Provinz, um Zeit mit ihren Familien zu verbringen. In der Regel tun sie dies gern und freiwillig, denn sie mögen ihre Familien.

Einen bitteren Beigeschmack erhalten diese Familienbesuche jedoch, wenn dabei eklatante Unterschiede in der Weltsicht zwischen einem selbst und der eigenen Familie offenbar werden.

Da sind inzwischen (oder immernoch?) Henryk M. Broder und Thilo Sarrazin Bettlektüre und man erzählt mir über dem Mittagessen, dass die These doch eine gewisse Plausibilität habe, dass die BRD gar kein richtiger Staat sei. Am Nachmittag arbeite ich an der Verdauung sowohl der Gans als auch der Sorgen meiner Verwandtschaft um „unsere christliche Abendlandkultur“.

Ich schildere das hier so flapsig, aber diese Affinität zum politischen Verschwörungsdenken und zu christlich verbrämten Vorurteilen gegenüber Muslimen erschüttern mich. Dies ist schließlich die gleiche Familie, von der ich als Kind gelernt habe, dass Herkunft und Religion eines Menschen nicht über dessen Wert bestimmen und Rechtsextremismus niemals politische Alternative sein kann. Heute wählen diese gleichen Menschen AfD.

Der Umstand, dass es sich nicht einfach um irgendwelche Menschen handelt, sondern um meine Familie, um die Menschen, von denen ich so vieles gelernt haben und denen ich so viel verdanke, macht mich wütend. Aber auch nachdenklich.

In der politischen Auseinandersetzung mit AfD-Anhängern, Asylkritikern und Islam-Feinden wird – besonders im Internet – mit harten Bandagen gekämpft. Bei Polemik zählt schließlich nicht mehr die Person, sondern nur noch die Sache. Dabei vergisst mancher, dass hinter Chiffren wie „Rassist“ oder „Nazi“ eben auch Menschen stecken, die irgendjemandes Eltern oder Kinder, Geschwister oder Verwandte sind. „Nazis“ und „Rassisten“ kann ich abtun als Verlorene, als Ewiggestrige, als Feinde. Wenn sie mir aber zu Menschen werden, kann ich nicht mehr gegen, sondern nur um sie kämpfen.

Wie das gehen kann, vor dieser Frage stehe ich leider ratlos. Ich versuche, meine Zunge zu hüten und das Gespräch nicht auf politische Konfrontation zu lenken (freilich nicht immer mit Erfolg). Aber ich bin gewiss, dass der Kampf den wir kämpfen, nicht gegen (unser) Fleisch und Blut, sondern gegen die immateriellen Gewalten geführt wird, die über die Finsternis unserer Tage herrschen.

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4 Kommentare anzeigen

    • Danke. Die Gesprächshilfe finde ich wirklich besser, als ich erwartet hätte. Das ließt sich sehr nuanciert und lässt sich an manchen Stellen gut auf die deutsche Situation übertragen.

      • Was ist eigentlich gegen offenen Streit einzuwenden? Das friedliche Beisammenhocken ist dann zwar dahin, war doch aber schon vorher schal geworden. Hier so: „Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert!“ Und ist das nicht eigentlich mit #Counterspeech gemeint?

        Oder liegt das Problem tiefer, im Psychologischen: Dass man es einfach nicht übers Herz bringt?

        • Oliver

          Als Antwort auf Deinen abgekürzten Bibelvers lese man einen anderen Abschnitt bei Lukas 12, 49-53. Es geht um die Entzweiung um Jesu willen, d,h. als Konsequenz der Todestaufe Jesu in Lk 12,50 : „Ich habe aber eine Taufe, womit ich getauft werden muss, und wie bin ich bedrängt, bis sie vollbracht ist!“ Der von Dir aufgezeigte Bibelvers in Mt 10,34 bezeichnet noch die Waffe der Entzweiung, nämlich das Schwert. Das Schwert ist das Wort Gottes nach Hebr 4,12.
          Leider bewirkt ein so genannter „offener Streit“ auch bereits im Vorfeld viele Dinge, die nicht nur in betreffenden Familien, sondern in den entsprechenden Gemeinden falsch gelaufen sind. Vor allem ist der Machtmissbrauch der leitendenden Familien in Kirchengemeinden hier anzuprangern. Die „Affinität zum politischen Verschwörungsdenken und zu christlich verbrämten Vorurteilen gegenüber Muslimen“ bewirkt dagegen nur, dass mit dem Schaffen eines Außenproblems vom Innenproblem abgelenkt wird. daher auch 1. Kor. 11,18 : “ Denn erstens höre ich, dass, wenn ihr in der Gemeinde zusammenkommt, Spaltungen unter euch sind, und zum Teil glaube ich es.“ Das Problem liegt im Zwischenmenschlichen und daher auch im Psychologischen und vor allem im Existenziellen – die Auseinandersetzung von Judenchristen und Heidenchristen in der Gemeinde wegen des Tanzes um das goldene Kalb und um die babylonische Fruchtbarkeit. Man lese hierzu auch die Entdeckungen des Ferdinand Christian Baur, welche er zum NT gemacht hat.

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