Fürchte Dich nicht
Streetart in Halle (Saale) - Foto: Philipp Greifenstein

Am Montagabend ist ein LKW in einen Berliner Weihnachtsmarkt gefahren. Zwölf Menschen wurden getötet, 48 zum Teil schwer Verletzte wurden in Krankenhäuser gebracht. Inzwischen hat sich der Verdacht verdichtet, dass es sich um einen Anschlag mit terroristischem Hintergrund handelt. Vieles ist nach wie vor unklar, minütlich werden neue Erkenntnisse kolportiert, Meinungen und Befürchtungen aufgeschrieben und über die Sozialen Netzwerke ausgetauscht.

Stille halten

Auf theologiestudierende.de haben wir gestern nur eine kurze Notiz veröffentlicht. Unsere Gedanken und Gebete sind auch heute bei den Opfern, ihren Familien und Freunden und den tapferen Helfern, die am Breitscheidplatz, in den Krankenhäusern, bei den Ermittlungsbehördern und Kirchen arbeiten.

Die genauen Hintergründe der Tat bleiben vorerst ungeklärt. Ob es sich um einen von langer Hand geplanten Terroranschlag oder doch um einen Amoklauf eines einzelnen Täters handelt, der plötzliche und sinnlos erscheinende Tod von zwölf Menschen ist tragisch. Trost wird den Überlebenden und Angehörigen nicht allein aus einer gerechten Bestrafung der Täter oder des Täters zuwachsen, sondern vor allem durch die vielen Gesten des Mitgefühls, die die Menschen in Berlin und überall miteinander teilen.

Denjenigen, die wie ich aus den Nachrichten vom Unglück erfahren haben, ist wie schon so häufig dieses Jahr der Schrecken in die Glieder gefahren. Auch dieser Schrecken macht sich nicht zuerst daran fest, dass die Tat einen politischen Hintergrund haben könnte.

Das Unglück spricht für sich: Es hat Menschen getroffen, die am Ende des Tages ihrem Vergnügen nachgingen, die sich auf Weihnachten freuten, die mit Freunden und Familie feiern wollten. Vielleicht gehen diese Anschläge auch deshalb so nahe, weil niemand von uns sich vorstellen kann, wie in den Familien und Freundeskreisen jemals wieder Weihnachten werden soll.

Da ist wieder diese Angst, die – man muss es so abstrakt sagen – zu einem ständigen Begleiter in diesem Jahr geworden ist. So sehr, dass sie als selbstständige Entität beschworen wird, die nur noch Anlässe und kaum noch klare Gründe kennt. Zu den Anschlägen in Paris im November 2015 habe ich einen Text geschrieben, den wir gestern anlässlich des Unglücks in Berlin unseren Leserinnen und Lesern noch einmal ans Herz gelegt haben.

Mit der Angst leben

Ich schrieb davon, dass es nicht gut ist, die eigene Angst nicht zuzulassen. Ich habe davon nichts zurückzunehmen, nur hinzuzufügen:

Noch immer finde ich den Trotz und den Lebensmut bewundernswert, der sich in vielen Äußerungen in den Sozialen Medien äußert. Doch sollten wir uns hüten, die Angst zu rationalisieren oder zu verdrängen. Es herrscht in Deutschland, das wissen wir, seit Jahr und Tag erhöhte Gefahr für einen Terroranschlag, und wir rechnen die Opfer nicht auf.

Auch macht es keinen Unterschied, ob die Opfer Deutsche, Franzosen, Syrer, Moslems, Juden oder Christen sind, Männer oder Frauen oder gar Kinder. Die Nähe der Ereignisse darf nicht dazu führen, dass wir Schicksale gegeneinander abwiegen. Ein Menschenleben ist ein Menschenleben. Sind wir nun Christen oder nicht?

Die trotzige Nonchalance Mancher in den Sozialen Netzwerken, auch das routinierte Kommentieren und Einordnen einiger Journalisten ist mir nicht nur zu schnell, sondern ich halte es ganz grundsätzlich für gefährlich. Es sagt eben auch, dass nur diejenigen Anlass zur Furcht haben, die vermeintlich nicht verstehen. In der Rationalisierung der Ängste verbirgt sich die Gefahr, Menschen in ihren Anliegen und Sorgen nicht ernst zu nehmen. Einen Anschlag wie in Berlin kann man nicht zureichend erklären. Dies zu behaupten zeugt eben nicht von Souveränität, sondern von Aktionismus und mangelndem Respekt gegenüber den Opfern.

Seiner Ängste soll sich niemand schämen, sie gehören ins Offene. Dorthin, wo frische Luft dran kommt. Bleiben sie aus Scham oder falschem Mut im Dunkeln, werden sie gären und neues Leid hervorbringen. Sie gehören ins Licht.

Im Freien können wir uns unsere Ängste gegenseitig zeigen, uns als verletzbare und verletzte Menschen erkennen und darum wirklich begegnen. Denn das Leid, das jetzt nach Berlin gekommen ist, kennen die Menschen in Frankreich, in Syrien und anderswo wie wir. Ihre Ängste sind die unsrigen, ihr Schicksal auch das unsere. Ich bin erleichtert, dass die Kirchen in Berlin schon begonnen haben, solche Orte des gemeinsamen Trauerns und Nachdenkens zu schaffen, an denen jeder frei seine Ängste bekennen und darum vielleicht von ihnen erleichtert fortziehen kann.

Angstmacher

Massiv erschwert wird der freie Tausch von Angst gegen Trost, der Weg von der Distanz hin zur Nähe ganz unterschiedlicher Menschen von denjenigen, die aus dem Anschlag neuen Zündstoff für ihre Anliegen gewinnen wollen. Mit dem Leid von Menschen macht man kein Geschäft, auch kein politisches.

Wer statt innezuhalten geifert und Unglücke für seine eigene Agenda missbraucht, der demaskiert sich selbst. Die Not bringt auch das wahre Selbst der Hetzer ans Licht und sie haben Anlass sich angesichts ihrer selbst zu fürchten.

Viele Menschen haben nach dem Anschlag in Berlin bewusst entschieden, den Hetzern unter uns keinen Raum zu geben, ihnen die so ekelhaft erzwungene Aufmerksamkeit zu entziehen. Auch viele Medien konzentrieren sich auf das Schicksal der Menschen vor Ort und auf das, was man wissen und guten Gewissens berichten kann und machen dieses eine Mal nicht den Bock zum Gärtner. Sollten wir das am Ende dieses Jahres endlich gelernt haben? Ich hoffe es.

Streetart in Halle (Saale) – Foto: Philipp Greifenstein

„Lass Dich nicht verängstigen“, so steht es auf den Straßen Halles geschrieben. Was sich die Straßenkünstlerin dabei wohl gedacht hat? Ein adventlicher Gruß oder ein Appell an die Mitbürger? Mir ist er deshalb ins Herz gerutscht, weil da nicht einfach steht „Hab keine Angst!“, sondern weil verängstigt werden klar Urheber und Richtung der Angstmacherei benennt. Jede Angst ist schwer, doch jene, die wir uns gegenseitig einjagen, ist schlicht böse.

Die Not lehrt beten

Gestern auf Twitter sind mir nicht nur die trotzigen und mutigen, die sorgenvollen und nachdenklichen Sätze aufgefallen, sondern auch einer der Hashtags, unter dem sie gepostet wurden: #PrayforBerlin.

Berlin, ja, unser ganzes Land ist – das kann man wohl sagen – nicht gerade überfromm. Und ich bin mir fast sicher, dass der Hashtag nicht von denjenigen ins Spiel gebracht wurde, die es mit dem Beten halten, denen aus Gewohnheit Worte einfallen für ihre Not. Das Gebet meint hier die Abwesenheit von Worten. Das was kommt und bleibt, wenn einem nichts mehr einfällt.

Die Not lehrt in diesem Sinne beten, Gebet wie es Paulus gelehrt hat: „Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen.“ (Röm 8, 26) Wir brauchen für das Gebet nicht (die richtigen) Worte finden. Wie Paul Tillich einmal sagte: Dass wir vor Gott stumm bleiben, kann auch bedeuten, „dass unser Schweigen ein stummes Gebet ist, nämlich das Seufzen, das zu tief ist für Worte.“

Was zu tun ist, denke ich, ist sich ein Beispiel an den Nothelfern zu nehmen: Wir bilden eine große Rettungsgasse und setzen uns wie gute Seelsorger dazu, halten Hände und schweigen, bis sich die Worte wieder einstellen.

 

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