Moment mal: Rechte Pfarrer?
Foto: Thomas Hawk (CC BY-NC 2.0)

Ein Pfarrer outet sich in Internetforen als AfD-nah. Jetzt ist er arbeitslos. Hat er das verdient?fragte die ZEIT vergangene Woche. Geschildert wird der Fall des 41-jährigen Thomas Wawerka, der seine Pfarrstelle im sächsischen Frohburg nicht behalten durfte.

„Offensichtlich hat jemand alle meine Kommentare gesammelt und sich bei der EKD-Leitung über mich beschwert“, behauptet er. Die Online-Kommentatoren und Unterstützer werfen der Evangelischen Kirche „Gesinnungsschnüffelei“ vor; vergleichen den geschassten Pfarrer mit Bonhoeffer – auch dieser musste ja für die „Abweichung vom Zeitgeist“ bezahlen.

Vom Geist des rechten Blattes Sezession weicht der ehemalige Pfarrkandidat allerdings nicht ab – dessen Publikum klatscht ihm einhellig Beifall und im Herausgeber, Götz Kubitschek, findet er „einen Freund“. An dieser Freundschaft hängt die Frage, ob Wawerka für den Pfarrdienst geeignet ist, oder allgemeiner: Ist die politische Überzeugung von Pfarrerinnen und Pfarrern egal?

Kubitschek tritt regelmäßig bei PEGIDA auf. Auf seinem Rittergut in Schnellroda gründete er das „Institut für Staatspolitik“, einen Versammlungsort der Neuen Rechten. Hier verbreitete sich AfD-Höcke über den „afrikanischen Ausbreitungstypus der r-Reproduktion„. In diesem Kreis feierte Wawerka nach seiner Entlassung einen „Friedensgottesdienst“ – als Protestaktion gegen linke Demonstranten.

Trotzdem: in seiner Gemeinde wurde der Pfarrkandidat größtenteils geschätzt, die Gemeindepädagogin beschreibt ihn blumig als „Oase in der Wüste“. Reicht das nicht?

Zurück zur Frage, welche politischen Ansichten Pfarrerinnen und Pfarrer vertreten dürfen – und welche nicht. Handelt die Evangelische Kirche richtig, einen solchen Kandidaten vor die Tür zu setzen? Ich meine: Ja.

„Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken“ (Lk 5,31), wenden die biblisch argumentierenden Online-Unterstützer ein. „Jesus aß mit Zöllnern, den Schmuddelkindern der damaligen Zeit“, heißt es, „die Kirche jedoch bestraft diejenigen, die dem Beispiel Jesu folgen“.

Stimmt. Dem verirrten Schaf geht der gute Hirte nach. Mit den Ausbeutern teilte Jesus das Abendessen. Ärzte können nur helfen, wenn sie Umgang mit Kranken pflegen. Doch ein Arzt, der die Kranken nicht heilt, sondern den Aussatz lobt, der hilft nicht. Der Hirte, der das Schaf nicht zur Herde zurückbringt, sondern es für seinen Gang durch die Dornen lobt, verfehlt seinen Auftrag. Mit keinem Wort hieß Jesus die ausbeuterische Praxis der Zöllner gut; er setzte sich nicht zu ihnen an die Straße, um der armen Landbevölkerung das Geld abzupressen.

Darin liegt der Unterschied. Zur Debatte steht nicht, dass Umgang gepflegt werden muss, auch an den extremen Rändern des politischen Spektrums, sondern wie. Es besteht ein Unterschied darin, mit allen im Gespräch zu sein – das sollte man! –, oder ob allen Recht zu geben. Ein Pfarrer, der rechte „Bürgeraktivisten“ (Kubitschek über Kubitschek) in seinen Gottesdienst bekommt, verdient eigentlich Respekt.

Denn im Gottesdienst feiert die christliche Gemeinde, die nicht für den Erhalt von „Nation und Volk“ betet, sondern „dein Reich komme“. Die Sorgen gehören nicht der „deutschen Identität“, sondern den „Witwen, Waisen und Fremden“. Im Abendmahl trifft sich die Gemeinde vor Ort als Brüder und Schwestern – ungeachtet der geographischen und kulturellen Herkunft und verbunden mit der weltweiten christlichen Gemeinde.

Bewegungen, die das Engagement der Kirchen für weltweite Gerechtigkeit und für Flüchtlinge in Europa als „Übernächstenliebe“ beschimpfen, können keine Verbündeten der Kirche sein – auch nicht die ihrer Pfarrerinnen und Pfarrer. Zeigen ihre politischen Forderungen doch, dass ihnen die Gedanken der Bergpredigt fremd sind. Wenn ein Pfarrer in deren Chor des „Deutschland schafft sich ab“ einstimmt, passt das nicht zur christlichen, hoffnungsvoll-solidarischen Verkündigung der Kirche. Selbstverständlich darf die Evangelische Kirche wählen, wer in ihrem Namen spricht.

Wer darin einen weiteren Beweis sieht, dass die Kirche im „links-grünen-Sumpf“ versinkt, der kann Pfarrer Wawerka folgen. Der träumt bereits davon, eine Kirche zu gründen, die „im Rahmen eines traditionalen, kulturell selbstbewußten, heimatverbundenen Christentums lebt„.

Schlagwörter: , , , , ,

3 Kommentare anzeigen

  1. Oliver

    Ein interessanter Artikel, aber genau genommen sollte man auch diesen etwas differenzierter lesen. Zum einen trifft sich die Gemeinde im Abendmahl, um vom Leib Christi zu essen und zu trinken: „Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Sohnes des Menschen esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch selbst.“ (Joh 6,53). Zum anderen kann erst danach gesagt werden, dass es sich um das Thema „Dein Reich komme“ handelt, sodass man zu Recht sagen kann: „So ist auch der Glaube, wenn er keine Werke hat, in sich selbst tot.“ (Jak 2,17). „Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott und dem Vater ist dieser: Waisen und Witwen in ihrer Bedrängnis zu besuchen, sich selbst von der Welt unbefleckt zu erhalten.“ (Jak 1,27). In diesem Sinne ist es richtig, dass die Sorgen nicht der „deutschen Identität“ gehören, sondern den „Witwen, Waisen und Fremden“ und zwar im Rahmen des Abendmahls und hinsichtlich der Verwendung des jüdischen Erbrechtes. Das Christentum ist eine Fortentwicklung des Judentums, um Heiden mit in die Abendmahlsgemeinschaft mit Juden zu nehmen. Dennoch ist es ein politischer Akt, wie diese so genannten Judenchristen die Bibel auslegen – d.h. zu jüdisch oder zu christlich. Daher spielen Machtmissbrauch mit den entsprechenden Mitteldingen (Adiaphora) eine große Rolle sowie die Tatsache, dass mit Kirchen- oder Gemeindezucht versucht wird, Witwen, Waisen und Fremden zu bedrängen, sich so zu verhalten, wie es jene angeblich tun. Die Gemeinschaftsbewegung ist mittlerweile eine Bewegung, die das Engagement der Kirchen für weltweite Gerechtigkeit und für Flüchtlinge in Europa als „Übernächstenliebe“ beschimpft, weil es im Kleinen nicht mehr ausreicht, unbemerkt mehr Macht anzuhäufen. Deren politischen Forderungen zeigen tatsächlich, dass ihnen die Gedanken der Bergpredigt fremd sind, weil sie wie die Pharisäer auf ihr Schlüsselrecht pochen, geistliche Erkenntnis nur für sich zu beanspruchen. „Wehe euch Gesetzesgelehrten! Denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen; ihr selbst seid nicht hineingegangen, und die hineingehen wollten, habt ihr gehindert.“ (Lk 11,52). Die Kirche ist schließlich zu allererst eine Geistkirche. Dagegen gibt es nicht nur eine ausbeuterische Praxis der Zöllner, sondern dass Bemühen der Judenchristen, sich nicht mehr an der Abendmahlsgemeinschaft zu beteiligen. Dies bedeutet eine geistliche Schieflage in vielen Gemeinden, auf das zu schauen, was draußen ist und nicht was das, was drinnen ist. Beklagenswert ist daher vor allem die evangelikale Welt, sich mehr und mehr der römisch-katholischen Kirche anzubiedern und deren Traditionssucht hochzuhalten. Aus diesem Grunde scheint ist es kein Problem zu sein, dass ein Frauenüberzuschuss in solchen Gemeinden besteht, die vermeintlich bibeltreu auf das jüdische Erbrecht und die babylonische Fruchtbarkeit pochen. Das geistliche Besitzstandsdenken ist Sünde im inneren einer jeden kranken – angeblich evangelischen – Gemeinde, die Politik nach außen betreibt und dabei Machtmissbrauch im Inneren aufrechthält. Der Tanz um das goldene Kalb ist vor allem nicht bibeltreu, sondern eine Sünde. „Der Hirte, der das Schaf nicht zur Herde zurückbringt, sondern es für seinen Gang durch die Dornen lobt, verfehlt seinen Auftrag.“, weil er es in die Dornen treibt und es nicht davor bewahrt.

  2. Detlef Korsen

    Hallo Daniel,
    Dein Artikel gefällt mir. Auch Deine Argumentation sagt mir zu.
    Wer die Nation oder eine andere Teilgruppe der Menschheit wichtiger findet als das Evangelium, hat in der Verkündigung nichts zu suchen.
    In der Tat kommt es nicht darauf an, OB man mit den „Zöllnern und Sündern“ unserer Tage Kontakt hat, sondern WIE.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.