Auf dem Gabentisch – „Pedro Páramo“ von Juan Rulfo

An jedem Adventssonntag stellt Euch dieBib unter dem Schlagwort „Auf dem Gabentisch“ ein Buch vor, das nicht nur spannend und interessant ist, sondern sich auch hervorragend als Geschenk für Eure Familien und Freunde eignet. Oder vielleicht lasst Ihr es Euch ja schenken? Viel Spaß beim Schenken und Schmökern!


Es könnte die Freundschaft gefährden, dieses knappe Büchlein des mexikanischen Schreibers Rulfo zu Weihnachten zu verschenken. Es liest sich, als träume man einen Albtraum: die Handlung zerfetzt, düster die Stimmung, ausweglos die Situation. Wer den Roman nach den Feiertagen in die Hand nimmt – träge vom vielen Essen, erschöpft vom Festen – verdirbt sich den letzten Rest der guten Laune. Hoffentlich hat die Leserin oder der Leser dann bereits vergessen, wer dieses Werk unter den Weihnachtsbaum legte.

Wer jedoch literarisch anspruchsvolle Freunde hat, schenkt ihnen mit Pedro Páramo einen Antihelden, in dessen Schatten auch der schlimmste Verwandte der vergangenen Weihnachtsfeier zum liebenswürdigen Menschen wird. Die Titelfigur Páramo ist der Vater, den zu suchen der Erzähler der sterbenden Mutter versprach. Er zieht los ins Dorf des Vaters, das „geradewegs am Eingang zur Hölle“ liegt. Angekommen, findet er eine ausgestorbene Siedlung, in der die Toten nicht tot sind und ihm die Geschichte des gierigen, brutalen Vaters erzählen – und wie dieser das Dorf unter seine Kontrolle bekam, um es dann verhungern zu lassen.

Diesen simplen Plot erzählt Juan Rulfo auf eine derart verschrobene, wundersame und mysteriöse Weise, dass sich rasch ein Gefühl des Verlorenseins einstellt. Abgründe und Tod lauern überall, bis zuletzt unklar wird, wo die Grenze zur Wirklichkeit verläuft. Sie verschwimmt und verschwindet. Die Geschichte erzählt von Toten – gestorben sind sie, aber nicht tot. Der Dorfpriester verliert die Fähigkeit, die Absolution zu erteilen, weil er stillschweigend die Machenschaften des Patriarchen Páramo duldet. So bleiben die Seelen unerlöst –  eine scharfe Kritik des damaligen mexikanischen Katholizismus.

Der einzige Roman des 1986 gestorbenen Mexikaners wird als Wegbereiter des südamerikanischen magischen Realismus gefeiert – weil er die Grenzen der Wirklichkeit durchstößt. Hiesigen Lesenden erscheint das Weltbild fremd: nichts ist, wie es scheint, nichts trennt die Toten von den Lebenden. Schon deshalb lohnt die Lektüre. Da sich in diesem Klassiker zudem eine zutiefst wahre Geschichte verbirgt, macht dieses Buch zu einem idealen Geschenk für Leserinnen und Leser, die herausfordernde Literatur zu schätzen wissen.


Pedro Páramo
Juan Rulfo
Verlag: Carl Hanser
20 € (gebunden)
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