Was Donald Duck und Augustin gemeinsam haben
Illustration zum "Rasenden Roland" (Gemeinfrei)

Nachts, da leuchtete ich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke und kämpfte gegen die Müdigkeit. Ich blinzelte angestrengt immer schneller, denn das hält wach. Dabei blätterte ich leise die Seiten um und verfolgte die Abenteuer des Ritter Donaldus. Natürlich muss man als Kind, das schlafen muss, Acht geben, keine verräterischen Geräusche zu erzeugen und leise lachen. Aber lautes Prusten ist angesichts der dramatischen Erzählung auch weniger das Problem als stockender Atem. Der Ritter muss das Herz der Angebeteten erobern und nebenbei die Welt retten. Blöd nur, dass er auf dem Mond festsitzt, wo nichts ist als Unrat, überflüssige Gedanken und vergessene Regenschirme.

Der Rasende Roland

Rasender Roland (Gemeinfrei)

Das Lachen kam dann fünfzehn Jahre später, als mir im Seminar aufging: Diesen Blödsinn hat nicht ein Comiczeichner ausgesponnen, sondern Ariost! Dessen Held reist auf den Mond, um von dort den verlorenen Verstand seines Freundes Roland zurück auf die Erde zu holen. „Der rasende Roland – welch ein Graus! – reißt derweil alle Bäume aus“ (23. Gesang, 135. Kap.). Eine fantastische Erzählung, mit beißender Kritik an Papst und Kirche vermengt, liegen auf der Mondhalde doch auch die Ablassbriefe und die erdachte Schenkungsurkunde von Kaiser Konstantin an Papst Silvester.

Was hat dieser Trubel nun mit dem bedächtigen Augustin zu tun?

Der neigte selbst zu fantastischen Geschichten. Bevor der Ritterheld von Ariost zu der Reise zum Mond aufbricht, kräftigt er sich noch im neuen Jerusalem, wo ihm der Apostel Johannes die allerfeinsten Speisen aufträgt. Ins Paradies kam er mit dem geflügelten Expressaufzug direkt aus der Hölle, flux erklomm er den Berg, näherte sich den himmlischen Sphären und erstieg das höchste Joch, wo eine himmlisch schöne Wiese voll bunter Blumen lag, die paradiesische Filiale auf Erden.

Solch eine Reise in himmlische Gefilde hat bereits Augustin unternommen, gemeinsam mit seiner Mutter Monika (Augustinus, Bekenntnisse, IX, 10, 24). Nicht die Hölle war der Ausgangspunkt der Tagesetappe zum höchsten Gipfel, sondern ein Balkon in Ostia. Aber dafür kam er auch weiter als der Rittersmann, nämlich nicht nur bis ins irdische Paradies und zum Mond, sondern an Sternen und Sonne vorbei, bis zu einer wunderbaren Wiese der Wahrheit, wo ihn nicht nur Johannes erwartete, sondern die verzückende Berührung der Weisheit selbst.

In der Kürze liegt die Würze

Freilich wäre es zu viel gewagt den direkten Zusammenhang von Ariost und Augustin herzustellen, das Verlassen der Welt ist ein beliebter Topos und geschieht in jedem Traum. Aber warum mir der hohe Theologe sympathisch ist, das ist seine selbstironische Sprache, Mystik und Schlichtheit, die in den Bekenntnissen begegnet. Eine Bodenständigkeit, die er mit Ariost und den Machern des Lustigen Taschenbuchs teilt.

Die Bekenntnisse sind keine Suche nach der Wahrheit und letztgültiger Weisheit, sondern nach einem schlichten Lebensstil. Im monastischen Leben findet Augustin zu Seelenfrieden und bekommt obendrein die mystische Vergewisserung der Weisheit. Einer Weisheit, die sich in Einfachheit findet und ausdrückt. Augustin steht dafür, dass die Wahrheit des Glaubens in Einfachheit destilliert wird und dann zu gelebter Frömmigkeit kondensiert. In der Kürze liegt die Würze, die schlichtesten Gedanken sind oft die schönsten und die einfachsten Ideen die besten. Auch ein Augustin stößt mit seinen wenigen Worten die Tür auf zum ganzen Thesaurus Philosophiae, aber es bleiben einfache und ehrliche Worte eines Menschen, der sich auf Gott verlässt.

Herausforderung

Es ist Schlichtheit, verknüpft mit Frömmigkeit, mit einer mystischen Dimension. Am Ende jedes Nachsinnens muss die anfängliche Erkenntnis stehen – das macht ja auch Jesus dem reichen Jüngling und dem Schriftgelehrten in Lukas 10 klar: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, einfach das zu tun, was recht ist.“

Es ist an der Zeit, mit einfachen Gedanken und schlichten Taten einen Lebensstil zu wagen, der Ehrlichkeit statt Richtigkeit zum Ziel hat. Der Anspruch muss sein, Glauben in einfachen Taten auszudrücken. Glauben auf jeder Party einfach so zu erklären: „Ich bete: Herr hilf!“ Ist das nicht erschöpfend? Ist das zu schlicht? Ich glaube nicht. Wenn wir einfach die Hände falten und beten, dann geht in dieser Einsilbigkeit die ganze Wahrheit auf. Wer könnte ehrlicher sein als der einfältige Donald!

Es ist Zeit für eine Reformation, die Lebensstil statt Worte fordert, Rechtfertigung zu Taten. Einer Reformation, die zu Monastizität anhält, der Verpflichtung auf einen konkreten Lebensstil, der freilich nicht für alle derselbe sein kann, aber konkrete Hilfestellung gibt, und Kraftquelle im Leben ist. Also: Tageszeitengebete, Bibelmeditation und dann: an die Arbeit, verbessern wir die Welt.

Was lernen wir daraus?

Erstens hat der Ehapa-Verlag sträflich verpasst, in seinen Comics Fußnoten zu setzten, und damit dem interessierten Kinde den kulturgeschichtlichen Hintergrund seiner Lektüre vorenthalten. So musste ich lange Jahre warten, bis sich das Rätsel lüftete, ein Problem, das mich als Bub nachts nicht schlafen ließ. Danke dem augenöffnenden Theologiestudium. Das Lustige Taschenbuch besitze ich leider nicht mehr (ich wusste doch nicht um seinen philosophischen Wert!), kann es also leider nicht neben die Bekenntnisse ins Regal einordnen.

Zweitens sollten wir künftige Pfarrer neu versuchen, theologische Wahrheiten in einfachen Worten und Taten zu finden. Vielleicht braucht es im Jahr der Reformation eine neue Liebe zur Schlichtheit, ein protestantisches Mönchtum, das sich nicht über Sozialstrukturen definiert, sondern durch einen Lebensstil, durch anpackendes Handeln, wo Not ist, und rechte Worte zur rechten Zeit. Schlichtheit, die uns als Christen auszeichnet.

Drittens: Donald Duck ist viel besser als dieser Besserwisser Mickey Mouse. Denn er vereint einfache Gedanken mit einem guten Herz und Mut zur Tat – ein wahrer Mönch!


Ein Büchlein, das unter dem Vorzeichen der Emerging-Church-Bewegung über Monastizität nachdenkt:

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