Vom Warten und vom Wachen Gedanken zur Monatslosung für Dezember
Foto: JJackman (CC BY-SA 3.0)

„Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen.“
Ps 130,6 (L=E)

   „Wachet auf,“ ruft uns die Stimme
Der Wächter sehr hoch auf der Zinne,
„Wach auf du Stadt Jerusalem!“

[…]

Zion hört die Wächter singen,
Das Herz tut ihr vor Freude springen,
Sie wachet und steht eilend auf.
Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig,
Von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig;
Ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf.

[…]

Es ist das Lied zum Ende des Kirchenjahres. Der Bibeltext dazu: Das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen (Mt 25,1-13). Um Mitternacht sind es die Wächter, die die Jungfrauen wecken und ihnen sagen: „Der Bräutigam kommt.“ Die Wächter stehen auf der Stadtmauer. Sie sehen als erste, was außerhalb der Stadt geschieht. Schon von weitem sehen sie, wenn sich feindliche Truppen nähern oder die Stadt belagern, und können die Bevölkerung warnen. Schon von weitem sehen sie die Karawanen und fahrenden Händler, die mit neuen Waren zum Markt kommen. Schon von weitem sehen sie die Abgesandten freundlicher oder feindlicher Städte, die für Verhandlungen und Freundschaftsbesuche in die Stadt kommen. Schon von weitem sehen sie Raubtiere, die um die Stadt schleichen auf der Suche nach Essensresten oder einem Schlupfloch, durch das sie in die Stadt gelangen können.

Und schon von weitem sehen sie den Tagesanbruch, der den Horizont langsam aber sicher violett, dann rot, orange und schließlich golden färbt. Ein gutes Zeichen: Wieder ist eine Nacht heil überstanden, wieder kann ein Tag beginnen und wieder können die Wächter getrost zu Bett gehen, denn sie haben für heute ihre Schuldigkeit getan. Jede Nacht zittern sie innerlich: Niemand weiß, was passieren wird. Komm ein Angriff? Dringen ungebetene Gäste in die Stadt ein? Den Morgen können sie da kaum erwarten und es löst eine Freude und Erleichterung aus, wenn er da ist. „Endlich! Was haben wir gewartet, gehofft und gebangt!“

Warten kann schier unerträglich sein! Wisst ihr noch, wie wir alle als Kinder im Advent den nächsten Morgen kaum abwarten konnten, an dem wir das nächste Türchen am Adventskalender öffnen durften?! Manchmal geht es mir noch heute so. Dabei ist der Advent eine Zeit des Wartens und der Ankunft – des Wartens auf die Ankunft Gottes im Christuskind. Es ist das Warten auf die Erlösung, die Gott uns immer und immer wieder zuteil werden lässt: die Erlösung von Tod und Leid, die durch Christus am Kreuz und durch die Gnade Gottes geschieht, selbst wenn wir sie noch nicht sehen. Auf diese Erlösung warten wir jeden Tag. Und Angesichts des Leidens in der Welt scheint das Warten unerträglich lang – länger als das Warten auf den nächsten Morgen?! Ich kann es nicht erwarten, dass Gott kommt und freue mich wie ein kleines Kind, dessen Augen am Heiligen Abend glänzen werden angesichts all des Lichts, der Wärme, des Glanzes und der Herrlichkeit, die sich in der Winzigkeit eines Neugeborenen offenbart und unsere Seelen voll Liebe umhüllt. Es gibt sie noch, die Hoffnung, und es wird sie immer geben – egal wie lange wir warten müssen.


Die Monatssprüche werden von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen herausgegeben, um durch das Jahr hindurch geistige Impulse und Anregungen zu bieten. Mehr erfahrt ihr hier.

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