„Bitte sei leise, so laut, dass ich mich selbst wieder höre!“ Ein Nach- und Aufruf
Foto: Thomas Leuthard "Oh Captain, My Captain", CC BY 2.0

„Oh Captain, mein Captain!“ Mit Tränen in den Augen steht Todd Anderson auf seinem Pult. In der Tür steht sein Lehrer Mr. John Keating, gespielt von Robin Williams. Im Hintergrund läuft eine tragische Musik. Es ist das Ende des 1989 erschienenen Films „Der Club der toten Dichter“ (engl. Originaltitel: „Dead Poets Society“).

Meine erste Begegnung mit dem Film hatte ich 2004 in der Schule, als mein Englischlehrer meinte, wir müssten das zugehörige Buch im Unterricht lesen. Das kann man dann ja auch gleich gut mit den entsprechenden Szenen aus dem Film analysieren. Schließlich ist das Buch nach dem Film geschrieben worden und nicht, wie meistens, das Buch verfilmt.

Ehrlich gesagt war damals für mich beides nur mäßig interessant. Lediglich die Gedichtstrophe, die in der ersten Stunde von Mr. Keating gelesen wird, und das tragische Ende haben mich beschäftigt. Nun habe ich mich nach über zehn Jahren doch entschieden, den Film einmal im Ganzen zu sehen. Es ist ein guter Film. Obwohl er schon fast so alt ist wie ich, berührt er mich, ohne dass ich ständig auf die schlechte Qualität des Bildmaterials oder die veralteten Klamotten achte.

Aber eine Sache geht mir nun doch durch den Kopf und verändert meinen Blick auf den Film: Robin Williams. Zweieinhalb Jahre ist sein Suizid nun her. Im August 2014 wird er mit einem Gürtel erhängt in seiner Villa aufgefunden. Das Tragische daran: Er war wegen Depressionen und Alkoholismus in Behandlung.

Was mich noch nachdenklicher stimmt ist die Tatsache, dass er sich in mehreren Filmen mit dem Thema Selbsttötung auseinandersetzte. „Der Club der toten Dichter“ endet mit dem Suizid eines Schülers. In „Hinter dem Horizont“ (engl. Originaltitel: „What Dreams May Come“) versucht er als Arzt Chris Nielson, dessen Frau sich nach seinem Tod das Leben genommen hat, sie aus ihrer selbstgemachten Hölle zu befreien.

Es macht mich traurig, dass ein so begnadeter Schauspieler und Entertainer, wie Robin Williams es ohne Zweifel war, keinen anderen Ausweg sieht, als sich das Leben zu nehmen. Er ist an der Welt und dem alltäglich Kampf ums (Über-)Leben gescheitert.

Die Frage ist doch: Was bleibt? Was bleibt von diesem Mann? Was bleibt von seinem Leben? Was bleibt von seinen Taten, Gedanken, Gefühlen? Und was bleibt von mir? Was bleibt, wenn ich einmal nicht mehr bin? Bitte versteht mich nicht falsch: Ich möchte mich nicht mit Robin Williams vergleichen. Aber sein Tod bewegt. Er bewegte Caren Miosga dazu, in den Tagesthemen auf dem Tisch stehend seinen Nachruf anzumoderieren. Er bewegte Tausende zu Trauer und Tränen. Er bewegte Zehntausende zum Nachdenken. Und er bewegte Millionen zum Lachen. Und das bleibt.

Aber Robin Williams Tod bewegte auch dazu, sich mit Depressionen erneut auseinanderzusetzen. Er bewegte dazu, der Stigmatisierung entgegenzutreten: Wer Depressionen hat, ist nicht einfach nur schlecht drauf oder verrückt. Wer Depressionen hat, ist krank. Wer Depressionen hat, kämpft jeden Tag ums (Über-)Leben. Wer Depressionen hat, sucht Hilfe. Das Bayerische Staatsminiserium für Gesundheit und Pflege hat Anfang Oktober einen Werbespot veröffentlicht, um psychische Erkrankungen aus der Tabuzone zu holen:

Bitte stör mich! Und wenn mein Schweigen zu laut wird, dann hör mich. Ich brauch jemanden zum Gedanken umtopfen und Gärten bunt träumen, zum Hand halten und Arm drücken. Bitte stör mich und bleibe. Vielleicht wird aus Enge dann Weite und aus Falltüren Brücken und aus Elefanten wieder Mücken. Komm, um meine Gedankenschiffe zu versenken. Komm und störe. Bitte sei leise, so laut, dass ich mich selbst wieder höre.

Es ist ein Aufruf zum Hinhören, der die Konfusion psychischer Erkrankungen ausdrückt. Und zugleich ist es ein Nachruf, der all denen gilt, die nicht gestört wurden, die ihre Gedanken nicht geordnet haben und letzendlich daran zerbrochen sind. Es ist ein Nachruf für Robert Enke, für Robin Williams, für den Piloten der GermanWings-Maschine, für die Menschen, die sich nicht gerne umbringen und es doch tun und getan haben.

Das ist es, was bleibt: Es ist die Trauer über den Verlust und es ist das Wachrütteln. Es ist die Tragik des Lebens und es ist die Hoffnung, dass sich etwas ändert, dass wir hinhören, dass wir stören bevor es zu spät ist. Für Robin Williams ist es zu spät. Doch vielleicht nicht für deinen Nächsten?!

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Ein Kommentar

  1. Oliver

    Danke für diesen Beitrag. Ja, der Film „Club der toten Dichter“ bewegt mich auch zutifst – jedesmal, wenn ich ihn sehe. Einerseits wegen der Bemühungen der sehr guten Schauspielleistung von Robin Williams alias Mr. Keating und andererseits wegen der dargestellten Problematik, aus einem festgefahrenen System Ausbrüche zu wagen bzw. wegen der Ermutigungen durch Mr. Keating auch Ausbrüche wagen zu dürfen. Tendziell ist dies ein Film für Jugendliche in ihrer Findungsphase, aber weitesgehend ist dies ein Film, der aufzeigt, wie sehr verkrustet Denken sein kann, wenn es verhindert weird oder in Schubläden vermodert. Die dargestellten Überlegungen von Konformität und Uniformität zeigen Gleichschaltungsmechanismen, aus welchen es schwer zu entrinnen mag, je mehr man diesem System verhaftet ist. Egal ob es diese Filmfiguren sind oder Robin Williams persönlich oder Menschen wie Du und ich – jeder, der es wagt, Systeme aufbrechen zu wollen, wird Depressionen erleiden, weil er kämpfen muss. Und wenn sich der Mensch ständig im Kampfmodus befindet, so schwieriger wird es, wenn man nicht mehr weinen kann. Die Frage nach dem, was bleibt, beantworte ich so :

    „Oh Captain, mein Captain!“
    Mit Tränen in meinen Augen !!!

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