Wie ein Schmetterling im Wind Ein Beitrag zum Totensonntag
Foto: Myriam (CC0)

Wie eine kleine Idylle liegt er da, inmitten des Lindenauer Friedhofs in Leipzig. Ein Ort, der fast noch stiller, noch ruhiger ist als der Rest des Friedhofs. Der „Ruhegarten“ der Schmetterlingskinder ist aber auch ein Ort, der für die Angehörigen oft schmerzvoller ist als ein „normaler“ Friedhof. Denn hier sind nicht Eltern, Großeltern, alte Tanten oder der Nachbar begraben, hier liegen die Kinder der Trauernden. Es sind die Kinder, die niemals das Licht der Welt erblickt haben, da sie bereits im Mutterleib oder unter einer zu frühen Geburt verstarben.

Seit 2003 gibt es die Arbeitsgruppe „Schmetterlingskinder Leipzig“, sie steht unter dem Dach des Hospizvereins Leipzig e.V. Im Juni 2005 fand die erste Trauerfeier und Beerdigung auf dem Lindenauer Friedhof neben dem Diakonissenkrankenhaus statt. Seitdem gibt es dreimal jährlich Beerdigungen der frühverstorbenen Kinder in Gemeinschaftsgräbern. Je nach Anzahl gibt es ein bis drei kleine Särge. Die Kinder liegen darin jedes in einem kleinen Säckchen.

Der „Ruhegarten“ wurde von der Künstlerin Juliane Scholz gestaltet. Das Zentrum bildet ein spiralförmiger Erdwall mit einem Brunnen, der mit vielen kleinen Mosaiksteinen verziert ist und der mit einem Zitat von Antoine de Saint-Exupéry umrandet ist: „Und wenn du dich getröstet hast, wirst du froh sein, mich gekannt zu haben.“ Umgeben wird alles von einer Wildblumenwiese, die vor allem viele kleine und große Schmetterlinge anzieht. Am Rand der Spirale liegen die kleinen Gräber. Grabplatte mit den Jahreszahlen geben eine Orientierung, damit man das Grab des eigenen Kindes wiederfindet. Die einzelnen Gräber sind liebevoll gestaltet mit Blumen, Figuren, Plüschtieren oder Steinen. Jeder Gegenstand steht für ein Kind und für das Leid, welches die Familien erlebt haben.

Warum gibt es diese Arbeitsgruppe und warum werden die Kinder im Gemeinschaftsgrab beerdigt und nicht in einzelnen? Dies liegt daran, wie man eine menschliche Leiche definiert. Leichen müssen beerdigt werden. Nach §9 Abschnitt 2 des Sächsischen Bestattungsgesetzes gilt aber eine „Leibesfrucht mit einem Gewicht unter 500g (…) nicht als menschliche Leiche.“ Was sie sonst sein sollen spart das Gesetz aus, in der Vergangenheit wurden sie meist mit dem Krankenhausmüll entsorgt. Doch inzwischen gibt es bundesweit immer mehr Initiativen, die sich für eine würdevolle Bestattung der Kinder einsetzen. So enstehen immer mehr Friedhöfe für frühverstorbene Kinder. Die Initiativen wollen den Familien in dieser sehr schweren Zeit unterstützend zur Seite stehen. Sie organisieren die Trauerfeier und Bestattung, kümmern sich um die Bürokratie und übernehmen die finanziellen Kosten. Meist tragen sie sich über Spenden, vor allem der Betroffenen. Für die Eltern ist es eine große Hilfe sich in ihrer Trauer nicht allein zu wissen, einen Ort der Erinnerung zu haben und zu wissen, dass ihr Kind nicht ganz allein in einem kalten Grab liegt. Neben der würdevollen Bestattung und Erinnerung haben Eltern seit 2003 das Recht, die Geburt ihres frühverstorbenen Kindes beim Standesamt anzuzeigen und eine Geburtsurkunde zu erhalten. Die Kinder werden nun als Personen anerkannt.

In Leipzig stehen die Trauerfeier und Beerdigungen allen Menschen unabhängig ihres Glaubens oder Weltanschauung offen. In der Kapelle des angrenzenden Diakonissenkrankenhauses feiern sie gemeinsam mit einem Pfarrer oder einer Pfarrerin die Trauerfeier. Es werden Lieder gesungen, Musiker spielen, es gibt eine kurze Ansprache und jeder hat die Möglichkeit, einen Stern für das eigene Kind zu gestalten und auf eine blauen Decke zu legen. Nach der Trauerfeier ziehen alle gemeinsam hinter den Särgen auf den Friedhof, wo diese dann in die Erde hinabgelassen werden. Jede Familie hat die Möglichkeit, allein vor dem Grab Abschied zu nehmen.

Auf dem Lindenauer Friedhof können die Familien der Kinder zur Ruhe kommen, sich an ihre Kleinen erinnern, die sie nie wirklich im Arm halten konnten. Sie können sich der Trauer dieser großen Ungerechtigkeit, diesem großen Leid hingeben und Kraft tanken, wenn sie einem der vielen Schmetterlinge im Wind zusehen, der sie an ihr Kind erinnert.

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