Menschen mit geistiger Behinderung in der Bibel und Kirche
Detail: The Adoration of the Christ Child, 1515 (gemeinfrei)

Wie wird Menschen mit Behinderungen, insbesondere Menschen mit geistiger Behinderung, in der Kirche begegnet? Mir schien es auf den ersten Blick nicht schwer, diese Frage zu beantworten, immerhin gab und gibt es in der Kirche genug Menschen, die sich um benachteiligte, schwache oder kranke Menschen kümmern. Doch suche ich in der Bibel nach Worten, die sich an Menschen mit geistiger Behinderung richten oder über den Umgang mit Menschen mit geistiger Behinderung berichten, so suche ich vergebens.

Im Alten Testament finden sich etliche Stellen, in denen körperliche oder seelische Behinderungen erwähnt werden, allen voran der depressive König Saul. Körperlich behinderte Menschen werden als nur bedingt kultfähig, wirtschaftlich und sozial abhängig und ausgegrenzt beschrieben, jedoch sollen sie auch aufgrund ihrer Einschränkung unter einem besonderen Schutz stehen (Lev. 19,14).

Im neuen Testament werden Behinderungen oft als Strafen für Sünden dargestellt (Mk. 2,5). Auffällig ist, dass die Arten der Behinderung sich auf einige wenige beschränken, genannt werden die Schädigungen der Sinnesorgane (Blindheit oder Sehschwäche, Taubheit oder Hörschwäche), sowie körperliche Beschwerden (Gehbehinderungen, ansteckende Hautkrankheiten) und seelisch begründete Leiden wie psychosomatische Beschwerden (Stummheit, Hautausschlag). Diese Menschen erleben oftmals Ausgrenzung und Schuldzuweisungen. Die Wunderheilungen Jesu beziehen sich auf das vollständige Heilen der Beschwerden und bewirken gleichzeitig das Erlösen von der Sünde. Dieses „Erkennen“ wird durch Heilungen von Sinnesschädigungen bildhaft, sowie durch das Austreiben von „bösen Geistern“ bei Menschen mit seelischen Behinderungen (Mt 12,22 und Lk 11,14)

Doch auch im neuen Testament suche ich vergeblich nach Stellen, in denen Menschen mit geistiger Behinderungen erwähnt werden, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass es zu dieser Zeit keine geistig behinderten Menschen gab. Waren und sind sie vielleicht nicht „der Rede wert“, weil intellektuelle Einschränkungen oder Lernbehinderungen eventuell nicht als Mangel oder gar Sünde wahrgenommen wurden? Möglicherweise liegt es auch daran, dass geistige Behinderungen nicht zu „heilen“ sind und waren?

Detail: The Adoration of the Christ Child, 1515 (gemeinfrei)

Detail: The Adoration of the Christ Child, 1515 (gemeinfrei)

Auch wenn ich in der Bibel keine Stelle finde (vielleicht findet ihr ja eine Stelle?), so bin ich sicher, dass Menschen mit geistiger Behinderung seit Anbeginn Teil der Gemeinde waren. Das zeitgenössische Gemälde eines Schülers Jan Joest von Kalkars um 1515, „Nächtliche Anbetung des Christkindes“ zeigt einen Engel, der sehr wahrscheinlich das Down-Syndrom hat. Die Darstellung eines Menschen mit geistiger Behinderung in einem so „segensreichen Licht“ und in unmittelbarer Nähe des Jesuskindes gibt einen kleinen Einblick in die Haltung, die solchen Menschen von kirchlicher Seite aus entgegengebracht wurde, auch wenn es sich hierbei um die recht nahe Vergangenheit handelt. Nicht unerwähnt sollten auch die zahlreichen Klöster und Hospitale bleiben, die kranken oder behinderten Menschen Obhut und Schutz gaben.

Und heute? Die Inklusion von Menschen mit Behinderung ist ein Menschenrecht. Wie wird es von den Kirchen und Gemeinden, gerade in Bezug auf Menschen mit geistiger Behinderung, umgesetzt? An einigen Orten gibt es Gottesdienste in Leichter Sprache und inklusiven Konfirmandenunterricht. Auch ist die Kirche Träger von zahlreichen Kindergärten und Schulen, die Inklusion betreiben. Sind Menschen mit Behinderung demnach komplett inkludiert oder besteht auch heute noch Ausgrenzung? Von der Toleranz, also dem bloßen Dulden, bis zur Inklusion, also dem erfolgreichen Bemühen, alle Bereiche barrierefrei und bedürfnisgerecht zu gestalten, ist es ein weiter Weg und viel ist noch zu tun. Beispielsweise können wir uns fragen, wie inklusiv unsere eigene Gemeinde gestaltet ist: Gibt es den Gemeindebrief in Leichter Sprache? Gibt es Angebote für alle (Entwicklungs-)Alter? Die Inklusion von geistig behinderten Kindern bedeutet nicht, zähneknirschend zu ertragen, dass sie im Kinder- oder Familiengottesdienst nicht stillsitzen können, sondern lärmend umher rennen. Vielmehr sollte dafür gesorgt sein, auch solchen Kindern Zugang zum Glauben, zu Bibelgeschichten und christlicher Tradition zu geben. Erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung sind keine „Kinder im Kopf“ und möchten daher nicht unbedingt eine Kinderbibel lesen. Gibt es die Bibel in Leichter Sprache (ja, gibt es! Zum Teil sogar online!)? Kann das Gemeindeleben, Gottesdienste, Feiern, Freizeitangebote und Gespräche so gestaltet werden, dass sowohl Menschen mit und ohne Behinderung sich angesprochen und wahrgenommen fühlen? Wie ist eine Predigt sinnvoll umzusetzen, dass sie Menschen mit und ohne geistiger Behinderung anspricht?

Schlagwörter: , , , , , ,

Ein Kommentar

  1. Timo Breunig

    Hallo Frau Fuhrmannek,

    ich möchte ihren Artikel (zwei Jahre nach Veröffentlichung) abrunden, mit dem Hinweis auf die Geschichten von Wechselbälgen und Luthers Äußerungen aus dieser Zeit.
    Es scheint, dass, zusätzlich zu der gut vorstellbaren damaligen Inklusion, Behinderungen als Teufelswerk gesehen wurden und zum Teil deren Tötung vorgeschlagen wurde.

    Ich verweise auf die Tischrede Martin Luthers 5207.

    Liebe Grüße

    Timo Breunig

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.