Moment mal: Freddy
Foto: Raphael Schellenberg

Freddy wollte niemandem zur Last fallen. Er mischte sich nicht in das Leben der anderen ein und Entscheidungen traf er für sich selbst. Schon immer. Er wohnte allein, aus gesundheitlichen Gründen ging er nicht mehr arbeiten, seine Tage verbrachte er in seiner Wohnung. Selten bekam er Besuch oder das Telefon klingelte. Manchmal ging er abends in die Kneipe, manchmal nicht.

Ich treffe Freddy an einem sonnigen Tag im März 2015. Draußen erwacht die Natur zum Leben, die Tage werden länger und es wird wärmer, Ostern steht merklich vor der Tür. Im Konfi-Unterricht habe ich mit den Jugendlichen Weizenkörner gesät, an Ostersonntag wird aus dem Weizenkorn eine Pflanze geworden sein. Irgendwie so und doch ganz anders stellen wir uns das mit der Auferstehung vor. Dort wo sich Freddys und mein Weg kreuzen ist es kalt und dunkel. Ich sitze in einem kleinen Zimmer. In der Mitte des Raums befindet sich ein improvisierter Altar. Auf dem Altar ist Freddy. Zumindest ist dort das, was von ihm übriggeblieben ist. Die Asche seines verbrannten Körpers in einer metallenen Urne.

Freddy wollte kein großes Aufsehen um sich und seinen Tod machen, er hatte kein eigenes Vermögen und wollte denen, die sich zu seinen Angehörigen zählten keine Umstände bereiten und sie nicht finanziell belasten. Seine Angehörigen respektierten das. Ich sitze zusammen mit ihnen in einem Hinterzimmer der Friedhofshalle, wir sind gerade mal zu sechst. Statt eines Beerdigungsgottesdienstes in einer Kapelle gibt es nur eine kurze Ansprache der Pfarrerin bevor die Urne mit Freddys Überresten in einem als Grab nicht kenntlich gemachten Stück Rasen auf dem Friedhof vergraben wird.

Auf dem Weg zu diesem Ort, der als solcher nicht auffallen will und es vielleicht gerade deshalb doch tut, bleibe ich hinter den Angehörigen zurück. Aus einiger Entfernung beobachte ich, wie die Urne, getragen von einem Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens, die Pfarrerin und die kleine Trauergemeinde an einem kleinen Loch im Rasen stehen bleiben. Die Urne wird nun in das ausgehebene Grab herabgelassen, dabei reißt jedoch die Kette, an der Freddys Urne befestigt ist. Damit Freddy nicht in seine letzte Ruhestätte hineinplumpst, eilt eine Angehörige zur Hilfe und gemeinsam mit dem Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens kniet sie sich vor das kleine Grab und lässt die Urne so vorsichtig es geht darin verschwinden.

So leise und unbemerkt, wie er wollte, kommt Freddy also doch nicht davon. Die Worte des Vater Unser wehen zu mir hinüber und nachdem die Pfarrerin den Anwesenden den Segen zugesprochen hat zerstreuen sich diese. Zurück bleibt ein Stück grüne Wiese, kein Grabstein, kein Kreuz, kein Blumenschmuck, keine Kerze und auch kein Hinweisschild, kein Name.

In mein Leben hat Freddy sich eingemischt. Die Begegnung mit ihm hat mich in meinem Gemeindepraktikum, in dessen Rahmen die Beerdigung stattfand, sehr beschäftigt, sie hat mein weiteres Studieren geprägt und Fragen aufgeworfen, denen ich immer wieder begegne.

Am kommenden Sonntag, dem Ewigkeitssonntag erinnern wir uns als Christen daran, dass zur Gemeinde auch die gehören, die nicht mehr auf Gottes Erde herumspazieren. In den Gottesdiensten werden die Namen derer verlesen, die im letzten Kirchenjahr verstarben und vielerorts zündet man Kerzen an und besucht Friedhöfe und Gräber.

Und auch wenn es keinen Ort gibt, der daran erinnert, dass es Freddy mal gegeben, wann sein Leben einen Anfang und ein irdisches Ende nahm, selbst wenn ich im Laufe der Zeit Freddys echten Namen vergessen haben sollte, vertraue ich darauf, dass er am Ende nicht vergessen wird.

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