Norbert Hofer: Freiheitlich, deutschnational, evangelisch
Foto: Franz Johann Morgenbesser (CC BY-SA 2.0)

Wer aus dem Ausland kennt den österreichischen Präsidentschaftskandidaten der Freiheitlichen Partei (FPÖ), Norbert Hofer, noch nicht? Vor Kurzem war dieser auf dem Cover der Times mit dem Titel: „The New Faces Of The Right„, abgebildet und Österreich wurde als Beispiel für den Rechtsruck in Europa genannt. Norbert Hofer ist aktuell wohnhaft in der Gemeinde Pinkafeld und in Wien dritter Nationalratspräsident. 2009 ist er aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten und in die evangelische Kirche eingetreten. Von seinem persönlichen Umfeld ist zu vernehmen, dass es sich bei ihm um einen freundlichen, netten und zuvorkommenden Menschen handle. Und nicht nur im persönlichen Umfeld kommt Hofer gut an, sondern auch im öffentlichen Auftreten kann er sich als „netter FPÖler von Nebenan“ perfekt in Szene setzen. Bemerkenswert ist, dass es vor Norbert Hofer kein anderer freiheitlicher Spitzenkandidat in der Zweiten Republik schaffte, die Hälfte aller Wählerinnen und Wähler für sich zu gewinnen. Aktuell plakatiert die FPÖ auf den Werbeflächen den Spruch „So wahr mir Gott helfe“ und erregt – wieder einmal – die Gemüter der Öffentlichkeit, insbesondere der evangelischen Kirche. Rechte Politik gemeinsam mit öffentlich proklamiertem Protestantismus wirken für uns heute womöglich wie Geschichten aus einer längst vergangenen Zeit, weshalb nun die evangelische und teils politische Vergangenheit und Gegenwart des Norbert Hofer genauer beleuchtet und gegebenenfalls in Verbindung gebracht wird.

Ein bisschen Porno und eine protestantische Granate

Hofers Parteikarriere begann in den 1990er Jahren im Burgenland, genauer gesagt in der Landeshauptstadt Eisenstadt. Zu dieser Zeit hatte Hofer reichlich Kontakt mit dem evangelischen Militärseelsorger Géza Molnár. Molnár war damals – laut einem lesenswerten Profil-Bericht – quasi der „Pfarrer für rechts-außen“ und vermutlich lernte Hofer durch den Seelsorger das Luthertum von seiner „besten Seite“ kennen (erst 2009 trat er über). Molnár galt als ein Mann mit einem gewissen Hang zur Extreme, als jemand, der die Welt gerne in Schwarz und Weiß betrachtet haben wollte. Seine Leistungen im Militär sind aus evangelischer Perspektive bemerkenswert, denn er war in der Truppe äußerst beliebt: „Das ist die Idee des Arbeiterpriesters, der mit an der Werkbank steht. Oder in meinem Fall: auf Patrouille geht und Wache schiebt wie alle anderen auch.“ Neben seinem Pfarrberuf hegte der Geistliche aber andere Hobbies, wie zum Beispiel die Kunst der NLP-Crash-Rhetorik. Und so visitierte der befreundete, junge Politiker Hofer Seminare bei Hochwürden und lernte den gleichnamigen Sohn des Seelsorgers kennen. Dass Hofer und Molnár ein gutes Verhältnis hatten zeigt, dass Hofer Géza Molnár jun. später unter seine politischen Fittiche stellte.  Géza Molnár jun.  ist mittlerweile in der burgenländischen Partei aufgestiegen und gilt als treuer Kämpfer für das rechte Spektrum innerhalb der FPÖ.

Im Jahr 2002 geriet dann einiges aus den Fugen: die christlich-soziale-freiheitliche Koalition brach in Wien auseinander und die gerade erst gestartete Parteikarriere bekam einen kräftigen Dämpfer. Im gleichen Jahr geriet sein Rhetorik-Lehrer Géza Molnár sen. in berufliche Bedrängnis, denn der Geistliche pflegte neben der Rhetorik das Hobby der Pornographie und der Erotik. Fotos wurden im Kontaktmagazin ÖKM veröffentlicht, weshalb er all seine geistlichen Ämter – nach Aufforderung durch die Kirchenleitung – zurücklegte. Seither ist er als Rhetorik-Coach beruflich aktiv. Im Jahr darauf verunglückte Hofer beim Paragleiten und er entging nur knapp einer Querschnittslähmung.

Man könnte meinen, dass eine Politkarriere nach solchen Ereignissen zu Ende geht, aber ein nicht zu unterschätzender Wesenszug Hofers ist seine Fähigkeit der Anpassung in oft schwierigen und neuen Situationen. Durch körperliches Training ist er heute nurmehr auf einen Gehstock angewiesen. Gut zwei Jahre später nutzte er eine katastrophale parteipolitische Lage des nationalen Lagers. Im April 2005 spaltete dieses sich in eine von Burschenschaften getragene (FPÖ) und in eine von Burschenschaften verstoßene (BZÖ) Partei. Neuer FPÖ Chef wurde der Wiener Heinz Christian Strache, weiter in der Regierung saß das BZÖ. Hofers Karriere startete durch, er brachte es 2005 gar zum Vize-Parteiobmann der FPÖ und stieg zum Kreis der Chefideologen der Partei auf – ein Metier schlagender, deutschnationaler Burschenschafter (wie auch Hofer einer ist). Zusammen mit dem rechts-nationalistischen Andreas Mölzer veröffentlichte er ein neues Parteiprogramm der FPÖ, das „Handbuch freiheitlicher Politik„, in welchem beliebte deutschnationale Themen unter Hofers Regie ins Parteiprogramm aufgenommen wurden:

Wir bekennen uns zu unserem Heimatland Österreich als Teil der deutschen Sprach- und Kulturgemeinschaft […]. Aufgrund der gemeinsamen Sprache, Religion, Kunst sowie Kultur und der über Jahrtausende gemeinsamen Geschichte sind wir in die deutsche Kulturgemeinschaft eingebunden.

„So wahr mir Gott Helfe“

Für den Urnengang am 04. Dezember plakatiert Hofer den Satz: „So wahr mir Gott helfe“. Wie Hofer das gemeint haben möchte erklärt der FPÖ Generalsekretär Herbert Kickl folgendermaßen: „Die Berufung auf Gott sei eine ’starke Verankerung in einem Wertesystem der christlich-abendländischen Kultur‘„. Zwei Sichtweisen ergeben sich daraus: Gott ist auf der Seite von Präsidentschaftskandidat Hofer oder Gott möge den Menschen Norbert Hofer in seinem Aufgabenfeld helfen. Wie Hofer selbst dazu steht bleibt uns verborgen, die Aufmachung des Plakates lässt allerdings anderes vermuten. Hofer selbst ist 2009 aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten und konvertierte in die evangelisch-lutherische Kirche. Auf die Frage nach den Beweggründen zu dieser Handlung antwortete Hofer prompt (Min 22:20):

Ich selbst bin evangelisch geworden, weil es dort auch die Möglichkeit gibt für Frauen das Priesteramt auszuüben.

Hier wird vermutlich mancher liberalen Christin oder manchem liberalen Christen übel werden, denn justament die von liberalen Kreisen geforderte Frauenordination wird von einem Rechtspopulisten als positives Argument aufgegriffen. Liberale Kirchenpolitik zieht weite Kreise und wird gerne politisch genutzt, auch von unerwarteter Seite. Zudem verschweigt Hofer gekonnt die Verbindung zu Géza Molnár sen., nicht ohne Grund. Dass den Plakatbetrachtern eingeschärft werden sollte, Gott wäre auf der Seite Norbert Hofers, stößt auf Protest kirchlicher Seite. Ein ehemaliger Studienkollege von mir schrieb dazu in einem Kommentar:

Gerade heute bin ich dankbar dafür, dass einer meiner theologischen Lehrer J.A. Loader ist. Der hat nämlich einmal gesagt, dass man sich immer darin wähnen kann und darf, dass Gott mit einem ist. Aber man dürfe das nicht damit verwechseln, dass Gott damit auch auf einer bestimmten Seite steht.

Der lutherische Superintendent Olivier Dantine schrieb auf Facebook, dass die Erwähnung Gottes in privaten Angelegenheiten (wie einer Gelöbnisformel) vertretbar sei, im öffentlichen Bereich sei die Erwähnung aber „eine Chiffre für eine ‚abendländische Kultur'“ und Gott würde …

… für das Wahlprogramm in Beschlag genommen. Ein Kandidat, der seinen christlichen Glauben öffentlich macht, sollte das 2. Gebot (nach katholischer und lutherischer Zählung) kennen.

Die lutherische, die methodistische und die reformierte Kirche veröffentlichten am 24. Oktober eine gemeinsame Erklärung, in der es hieß, dass der „Gott der Bibel […] kein ‚christlich-abendländischer‘, sondern ein universaler Gott [sei], der Partei ergreife für schwache, arme und notleidende Menschen.“ Ebenso wird auf das zweite Gebot verwiesen, wie dies bereits Olivier Dantine tat.

Eine ausführliche und äußerst gelungene Stellungnahme veröffentlichte unlängst der römisch-katholische Systematiker Willibald Sandler von der Uni Innsbruck. Laut seinen Ausführungen ist erstens zu hinterfragen, ob eine Erwähnung Gottes auf Plakaten überhaupt auf einen tiefen Glauben des Kandidaten rückführbar ist und zweitens verweist er auf die missbräuchliche Verwendung des Gottesnamens hin. In diesem Sinne wäre nämlich Gott zur billigen Unterscheidungschiffre degradiert worden:

Als Slogan auf den Plakaten eines Wahlkampfs droht Gott zum Unterscheidungsmarker zu werden: „Hofer mit Gott“ gegen „Van der Bellen ohne Gott“. […] Dazu kommt die Problematik, dass dieses „Wertesystem der christlich-abendländischen Kultur“ […] in Gegensatz vor allem zu muslimischen Kulturen gebracht wird.

Gesamtbetrachtung

Der jüngste Streit um den Gottesbegriff in Wahlkämpfen eröffnet lediglich ein weiteres Kapitel in der Zeit des langgezogenen Wahlkampfes mitsamt seinen zahlreichen Konflikten und Krisen. Die kirchliche Stellungnahme ist zwar erfolgt, sie wird im medialen Gewitter des gerade erst anlaufenden Wahlkampfes in den nächsten paar Tagen aber wieder vergessen sein. Ähnlich verhielt es sich mit der Herausgeberschaft des Buches „Für ein freies Österreich“. Wichtige und relevante Themen werden kurzfristig von den Medien ausgeschlachtet ohne gewissenhaft in die Tiefe der Thematik vorzudringen.

Dass Norbert Hofer „So wahr mir Gott helfe“ plakatiert, ist sein gutes Recht, soll aber gewiss eine Chiffre für eine christlich-abendländische Kultur darstellen und sagt im Endeffekt wenig über den Menschen Norbert Hofer an sich aus. Die kirchliche Kritik an dieser Chiffre ist gewisslich angebracht, allerdings wird sie vor allem von eher progressiven Kreisen verlautbart. Gerade von diesen Kreisen war aber 1998 wenig zu vernehmen, als die ehemalige burgenländische Superintendentin Gertraud Knoll – trotz ihrer aktiven kirchlichen Tätigkeit (sie ließ sich lediglich karenzieren) wohlgemerkt – für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte. Ihre kirchlichen Ämter gab sie erst 2002 ab, um in der Sozialdemokratischen Partei Karriere zu machen. Damals wurde ihr Ausscheiden aus der Kirche mit den Worten: „Politisches Engagement gehört zum Christsein„, kommentiert, weshalb mir – ohne meiner Kirche etwas unterstellen zu wollen – die Reaktion auf Hofers Gottesberufung ein klein wenig überzogen scheint.

Und wie hält es Hofer selbst mit seinem evangelischen Glauben? Er spreche jeden Tag mit seinem Schöpfer, in den Bibeltexten fände er „Leitbilder für den Tag“ und sein Glaube an Gott sei ein Leuchtturm, der ihm bei schwierigen Entscheidungen zeige „in welche Richtung ich gehen muss“. Religion und das tägliche Gebet seien für ihn eine Art “Batterie, wo ich mich aufladen kann”. Inwieweit dieses Bekenntnis glaubwürdig ist, sollte hier nicht zur Debatte stehen, Hofer hat in der Vergangenheit nichts dieser These widersprechendes behauptet. Hofer als Person wirft jedoch eine viel tiefgreifendere Frage auf: Wie geht man mit deutschnationalen oder anderen Vertretern politischer extreme in einer Glaubensgemeinschaft um? In erster Linie ist ein fairer Umgang wichtig. Beispielsweise ist es dem lutherischen Bischof Michael Bünker sicherlich nicht leicht gefallen, sich aus der politischen Debatte relativ gut herauszuhalten; viele evangelische Christinnen und Christen wählen schließlich auch Hofer. In manchen bestimmten Punkten meldet sich die Kirche aber zu Wort, wenn etwa das zweite Gebot oder das Gebot der Nächstenliebe (Stichwort Migration) in Gefahr geraten, ignoriert zu werden.

Wie die Wahl am 4. Dezember ausgehen wird ist ungewiss, denn die aktuellen Prognosen gehen abermals von einem knappen Kopf-an-Kopf-Rennen aus. Wenn Hofer gewinnen würde, so gäbe es einen evangelischen Bundespräsidenten im einst „katholischen Österreich“. Bischof Bünker wurde unlängst in einem Interview gefragt, ob er den evangelischen Kandidaten bei der nächsten Bundespräsidentenwahl wählen würde (Alexander Van der Bellen ist ohne Bekenntnis). Er antwortete – betont fair –:

Was heißt evangelischer Kandidat? Norbert Hofer war katholisch und ist übergetreten. Alexander Van der Bellen war evangelisch.

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