Moment Mal: Alles beim Alten in Württemberg

Müssen wir noch darüber streiten, ob Kirche tatsächlich homosexuelle Menschen nicht diskriminieren darf? Müssen wir nicht? Gut.

Denn es gibt gute Nachricht zu verkünden: Die evangelische Landeskirche Sachsen segnet ab sofort homosexuelle Paare*, und das, obwohl deren Landesbischof Rentzing einst sagte, „Homosexualität entspricht nicht dem Willen Gottes“. Nun, Rentzing lehnt die Segnung zwar weiterhin ab. Deshalb: Glückwunsch, liebe sächsische Synode! Besser spät als nie.

Apropos spät. Die evangelische Landeskirche Württemberg zum Beispiel ist jetzt spät dran. Genauer gesagt: als letzte der evangelischen Landeskirchen verweigert sie homosexuellen Gemeindemitgliedern, sich in ihrer Gemeinde segnen zu lassen. Der Umgang mit Paaren, die ihre Liebe zueinander, zu Gott und zur Ortskirche feiern möchten, gestaltet sich also nach wie vor nicht fromm, fröhlich, frei – sondern verschämt und verschwiegen.

Seit der Erfindung des Automobils scheint die Innovationskraft im Ländle nachgelassen zu haben. Jedenfalls werden Innovationen, die vom Pfarrpersonal vorgenommen werden, kritisch-ablehnend beäugt: Der Böblinger Dekan Bernd Liebendörfer traute ein lesbisches Pärchen. Mit Glockengeläut, in der Stadtkirche. Der größte Gesprächskreis der württembergischen Synode, die Lebendige Gemeinde, entrüstet sich über die Verletzung des Kirchenrechts, Landesbischof July fehlt das Verständnis.

Mir fehlt an dieser Stelle das Verständnis für den Landesbischof. Dazu muss ich kurz ausholen. July schob in seiner Kirche den „Aktionsplan Inklusion“ an, mittlerweile steht er dem „Netzwerk Inklusion in der evangelischen Landeskirche Württemberg“ vor. Das klingt trocken und ein bisschen bieder. Aber die Auseinandersetzung mit Inklusion bietet die Chance, neu über Kirche nachzudenken: Wer gehört dazu? Wo werden Menschen ausgegrenzt? Wie bauen wir Barrieren ab?

Denn von diesen Fragen handelt Inklusion – nicht nur von Schülern mit Down-Syndrom, die plötzlich aufs Gymnasium gehen. Auch July warnt davor, den inklusiven Gedanken nur auf Menschen mit Behinderung zu beschränken: „Teilhabe ermöglichen für arme, arbeitslose, psychisch kranke und alte Menschen, für Menschen mit Behinderung oder für Flüchtlinge ist ein ureigenes Anliegen von Kirche“, sagt er. Und behält trotzdem nur teilweise Recht.

Denn das Thema „Sexuelle Orientierung“ umgeht er, obgleich es ebenso dazugehört. Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und Identität diskriminiert werden, sind im inklusiven Gedanken eingeschlossen. Der lautet, einfach gesagt: „Alle gehören dazu“.

Lobenswert, wenn Kirchen sich auf den Weg machen und nach 2000 Jahren dieses „ureigene Anliegen“ neu entdecken. Ebenso lobenswert, dass sich der Landesbischof höchstpersönlich für eine inklusivere Kirche einsetzt, sogar einen Aktionsplan initiiert. Jetzt wäre jedoch wünschenswert, dass die evangelische Landeskirche sich auch im Umgang mit ihren homosexuellen Mitgliedern vom inklusiven Gedanken leiten lässt. Ich schätze, im Inklusions-Netzwerk fände Landesbischof July einige auskunftfreudige Experten zum Thema „Niemanden ausschliessen“. Vielleicht sollte er besser auf deren Ratschläge hören als auf das Geraune der Konservativisten in der Synode. Dann gibts vielleicht keine Missverständnisse, wenn er davon spricht, dass Kirche für „alle“ da ist.


* wenn die Pfarrerin oder die Pfarrerin sich mit dem Kirchenvorstand verständigt und der Beschluss die Gemeinde nicht spaltet und …

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3 Kommentare anzeigen

  1. Mit dem Sex, welchem auch immer, ist das im Schwäbischen so eine Sache, bzw. gar keine. Bei Taddäus Troll, „Deutschland deine Schwaben“, gibt es zwar auch ein Kapitel über „Schwäbischen Sex“, doch die skizzierte Fassung sagt alles: Schaut man – auch Frau – am Körper abwärts, gerät das „Näbele“ in den Blick, dann kommt eine Region, die „Nach Meinung des Schwäbischen Pietismus nicht vorhanden“ ist, und dann sind wir schon bei „de Füaß“. Alles klar? Die Württembergische Landeskirche versteht sich nach Theophil Wurm als Kirche lutherischen Grundcharakters, ist aber pietistisch geprägt, so auch mehrheitlich die Synode. Was hat die Evangelische Akademie Bad Boll für Probleme bekommen wegen ihrer „Lesbentagungen“. Nun verweigert diese Kirche sich „als letzte der evangelischen Landeskirchen homosexuellen Gemeindemitgliedern, sich in ihrer Gemeinde segnen zu lassen.“ Das wird auch noch weiter dauern. Ich hatte kürzlich eine Trauung – ganz normal hetero. Weil ich aber etwas aus der Übung war, habe ich mir die Agende etwas genauer angeschaut und festgestellt: Sollte jemand mit anderer sexueller Prägung unter den Trauungsgästen sein, er würde sich ausgeschlossen fühlen. Alles läuft auf das Hetero-Schema hinaus – biblisch begründet. Klar, die Verfasser der biblischen Schriften kannten sich mit Viehherden aus und haben gut biologisch mit Adam und Eva das Ur-Paar erschaffen, das war alternativlos. Auch Noah sammelte paarweise – logisch. Doch wenn man sich die Eheformen und das Sexualverhalten der „Erzväter“ anschaut, dann landet man nicht bei der romantisch-bürgerlichen Ehe.
    Ich habe dann jedenfalls meine Agende selbst gestrickt. Sollte je diese Landeskirche auch anders-orientierten Paaren Gottes Segen vermitteln wollen, werden sie eine Sonder-Agende bekommen, damit sie wissen, dass sie was Besonderes sind, jedenfalls nicht normal. Ob Gottes Segen hier gut verwaltet wird? [https://www.evangelisch.de/inhalte/136374/13-07-2016/kontroverse-um-segnung-von-lesbischem-paar-wuerttemberg]

    • Deine Ausführungen über die Schwaben bezieh ich lieber auf die Nachbarn, aber danke für deinen Beitrag, Dierk. Danke auch für deinen Mut, die Agende freier und offener zu gestalten!

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