Warum soll ich Pfarrer werden? Ein kritischer Blick auf die neue Kampagne der EKD

Die Kirchen brauchen Nachwuchs. Das ist im Prinzip nichts Neues. Doch nun wird es offensichtlich langsam ernst. So ernst, dass neue Wege gefunden werden müssen, um Leute für den Pfarrberuf zu gewinnen. Mit der Kampagne „Das volle Leben“ sollen nun neue Menschen für den Pfarrberuf gewonnen werden.

Rein optisch lesen sich die Zahlen eigentlich ganz in Ordnung. An 21 Fakultäten in Deutschland studieren aktuell rund 15.000 Studierende das Fach evangelische Theologie. Etwa 6500 wollen davon später einmal Pfarrerin oder Pfarrer werden. Das ist eine ganze Menge und es sind doch deutlich zu wenige. Ab 2020 werden die Kirchen in Deutschland an chronischem Pfarrermangel leiden. So prognostiziert z.B. die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) ab 2030 etwa zehn Prozent Pfarrermangel, andere Landeskirchen dürften auf etwa die selben Zahlen kommen. Längst stellen sich viele die Frage, wie es überhaupt mit dem Pfarrdienst weitergehen wird.

Auch deswegen arbeiten jetzt alle 20 Landeskirchen bei der neuen Kampagne mit. Die Homepage das-volle-Leben.de präsentiert sich dabei zunächst einmal als bunter Baukasten mit jeder Menge Bildern. Davon wirkt man fast erschlagen und muss sich erst einmal zurecht finden. Das volle Leben ist hier also erst einmal Chaos.

Screenshot das-volle-leben.de

Screenshot das-volle-leben.de

Wer sich aber durchklickt, der findet hinter all den Bildern Berichte, Informationen, Interviews etc. Diese Seiten sind zum Glück sehr viel übersichtlicher als der Wust, der einen auf der Startseite begrüßt. Viele der Informationen sind durchaus hilfreich, es gibt z.B. eine Übersichtskarte der Studienorte etc. Wer wirklich an dem Studium interessiert ist, kann hier auf viele Fragen eine Antwort finden.

Die Kirche scheint dabei vor allem eine Intention zu haben: Sie will jung und hip daher kommen, endlich mal wieder nicht nur ihrer Zeit hinterherlaufen. Im „Making-of“ Video sieht man die Protagonisten beim Foto-Shooting und Nägel lackieren. Und das „uncoole Bibelzitat“ wird sich dann an dieser Stelle besser verkniffen. Wir sind cool und der Pfarrberuf der beste Job der Welt!

Man merkt nur leider auch schnell, dass das nicht die Realität ist, wenn überhaupt nur ein kleiner Ausschnitt. Dafür ist das alles einfach zu nett aufgemacht und ein bisschen zu sehr rosarot. Probleme, wie z.B. der Umgang mit immer größeren Gemeindebezirken, findet man nicht. Das fällt dann leider so schnell auf, dass es die Glaubwürdigkeit der gesamten Kampagne in Frage stellt.

Es ist ohnehin die Frage, ob eine solche Kampagne wirklich einen Trend aufhält, der sich gesellschaftlich seit langem abzeichnet. Das Vertrauen in die Kirchen schwindet, oftmals selbst verschuldet durch Skandale und ähnliches. 2015 traten etwa 210.000 Menschen aus der Evangelischen Kirche aus. Wo die Mitglieder sinken, sinkt ganz automatisch auch die Zahl derer, die später einmal in der Kirche arbeiten könnten.

Die beste Werbung wären im Zweifel immer noch die, die sich bereits auf den Weg gemacht haben. Doch gerade wer schon am Studieren ist, hat nicht nur positives über die Kirche zu berichten. Oftmals wirken die Kirchen steif, gefangen in ihrer eigenen Bürokratie. Wer sich z.B. die Prüfungsordnung der EKvW anschaut, findet dort bei den Vorgaben zur Anfertigung einer wissenschaftlichen Hausarbeit noch Angaben in Anschlägen pro Zeile wie zur Zeit der guten alten Schreibmaschine. Doch leider muss man sagen, dass diese Zeiten leider vorbei sind. Selbst der hartgesottenste Nostalgiker dürfte das erkannt haben. In der Kirche scheint das aber noch keiner mitbekommen zu haben. Besonders erschreckend: Die Prüfungsordnung ist von 2012.

Man mag über dieses Beispiel schmunzeln, doch es zeigt, wo das eigentliche Problem liegt. Es sind die Kirchen oftmals selbst, die mit ihren Entscheidungen vor allem beim eigenen Nachwuchs für Unverständnis sorgen. Erneut ist Westfalen ein gutes Beispiel: Dort gibt es eine Klausel, die besagt, dass alle, die ihr Examen schlechter als 3 minus bestehen, nicht mehr ins Vikariat übernommen werden. Das klingt eher nach aussortieren als nach Pfarrermangel. Auch andere Landeskirchen sorgen nicht immer nur für Freude bei ihren Studierenden, besonders wenn es um die Vergabe von Vikariatsplätzen geht, bei denen persönliche Wünsche längst nicht immer zum Tragen kommen.

Es geht bei all dem nicht darum, hier wieder mal das Kirchen-Bashing zu eröffnen, aber es wird mehr brauchen als eine nett gemeinte Kampagne, um das Problem langfristig in den Griff zu kriegen. Wenn die Pfarrerinnen und Pfarrer selbst über die hohe Arbeitsbelastung, die viele Verwaltung oder andere Dinge klagen, dann ist das viel gewichtiger als ein paar nette Worte in einem Werbevideo. Eine solche Kampagne macht nur Sinn, wenn die Kirchen bereit sind, sich auch zu verändern und ihre eigenen Positionen zu überdenken. Wie hoch dürfen die eigenen Ansprüche eigentlich sein? Wie verstehen wir eigentlich das Verhältnis zwischen uns als Kirche (und zukünftiger Arbeitgeber) und den Studierenden? Da ist viel Potenzial für Veränderungen und Gespräche, die etwas bewirken können. Aber man muss sie ernsthaft führen wollen.

Es kommt zumindest langsam Bewegung in die Sache. Auf dem letzten Evangelisch-theologischen Fakultätentag ist nun eine Rahmenordnung für einen Master of Divinity beschlossen worden, der den Quereinstieg zum Pfarramt ermöglichen soll. Es zeigt, wie sehr die Kirchen Leute brauchen. Dafür gibt es dann auch Abstriche. Ein Master kann kaum ein Vollstudium ersetzen, immerhin soll dieser Master in Vier Semestern (wobei die Sprachen Sprachen Griechisch und Hebräisch hier nicht vollumfänglich mit eingerechnet sind, auf Latein wird verzichtet) studierbar sein. Unklar ist auch noch, wie die Landeskirchen damit umgehen werden, diese Leute in den Pfarrdienst zu übernehmen. Immerhin fehlt hier das kirchliche Examen, dass den Landeskirchen bisher viel Macht gab. Viel Auswahl werden sie wohl aber nicht haben, wollen sie ernsthaft ihren Pfarrermangel bekämpfen.

Man darf gespannt sein, ob dies langfristig auch eine Reform des Theologiestudiums nach sich ziehen wird. Eine Umstellung auf die Struktur von Bachelor/Master scheint damit in jedem Fall wahrscheinlicher, auch eine Entschlackung der Inhalte wirkt nun nicht mehr in weiter Ferne. Man kann darüber streiten, ob das gut ist oder ob es wirklich ein Beitrag für mehr Studierende sein würde. Um ehrlich zu sein: Man muss es sogar. Diese Diskussionen werden wichtig werden, soll das Problem ernsthaft angegangen werden. Ganz getreu dem biblischen Motte: „Prüfet alles und behaltet das Gute.“

Das alles wird Zeit brauchen, aber es kann ein wichtiger Baustein sein, damit mehr Leute den Weg ins Pfarramt antreten. Es wird aber nur gelingen, wenn die Kirchen nicht nur schöne Kampagnen präsentieren, sondern vor allem sich mit denen beschäftigen, die wirklich wissen, wie es ist Theologie zu studieren: Die, die es schon tun.

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6 Kommentare anzeigen

  1. Das ganze volkskirchliche System (egal ob ev oder kath) ist marode und der Pfarrer-/Priestermangel nur eines der Symptome. Auch in den guten alten Zeiten, als es noch „besser“ funktioniert hat, war das System krank – es fiel nur nicht so auf. Solange noch genug Geld da ist, kann man vieles vertuschen.

    Wenn es wirklich um die Sache Jesu gehen soll, kommt man nicht darum herum, jeden Aspekt real-existierenden Kirchentums in Frage zu stellen, und dann auch nicht beim Diskutieren zu bleiben, sondern Konsequenzen zu ziehen.

  2. „Die beste Werbung wären im Zweifel immer noch die, die sich bereits auf den Weg gemacht haben.“

    Die Evangelische Kirche im Rheinland macht genau das: Sie lässt all jene, die sich auf den Weg ins Pfarramt gemacht haben, ihre Geschichten erzählen. Auf http://meine.ekir.de/ haben gerde begonnen Studierende, Vikarinnen und Vikare und junge Pfarrerinnen und Pfarrer von ihren Erfahrungen zu bloggen – unzensiert und persönlich.

  3. Spassheide

    „Es ist ohnehin die Frage, ob eine solche Kampagne wirklich einen Trend aufhält, der sich gesellschaftlich seit langem abzeichnet. Das Vertrauen in die Kirchen schwindet, oftmals selbst verschuldet durch Skandale und ähnliches. 2015 traten etwa 210.000 Menschen aus der Evangelischen Kirche aus.“

    Trend?
    Nun gut, heute treten mehr aus als noch vor 30 Jahren. Aber Ehrlich, diejenigen die austreten, sind die auch wirklich mal selbst eingetreten? Nein!
    Die meisten wurden wohl eher durch die Taufe zum Mitglied erklärt. Nur zieht das heute nicht mehr – in der Bevölkerung setzt sich mehr und mehr die Einsicht durch, dass Mitgliedschaft zu einer Glaubensgemeinschaft sich eher durch wahren Glauben als durch irgend ein Ritual, das an glaubensunmündigen Säuglingen vollzogen wird, festgemacht werden kann.
    Das hat nichts mit Vertrauen zu tun. Nur mit der Frage, glaube ich das.

    • Sehe ich ähnlich. Ich wünschte mir, christliche Kirchen würden ihre Energie nicht aufbrauchen, um sterbende Systeme zu stützen oder an fragwürdigen Traditionen festzuhalten, sondern um zum Wesen des christlichen Glaubens zurückzukehren. Der „Untergang des christlichen Abendlandes“ könnte eine echte Chance sein.

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