In der Ruhe liegt die Kraft Fünf Tage Auszeit im Kloster
Foto: privat

Ich bin geschafft. Fertig. Fix und alle. Immerhin, mein Koffer ist ausgepackt … fast. Ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich mich zuhause nicht erstmal hinsetze, sondern tatsächlich in Aktionismus verfalle, auspacke und aufräume. Vielleicht starte ich gleich sogar noch eine Maschine Wäsche. Wenn ich mir das so überlege, ist das schon seltsam: Gerade mal vor sechs Stunden bin ich aufgebrochen, zurück in die „normale“ Welt (nicht, dass Kloster nicht „normal“ wäre, was auch immer das heißt, und ja, es war ein evangelisches Kloster, aber es ist eben doch anders.).

Als ich vor fünf Tagen vollbepackt nicht nur mit sichtbarem Gepäck die Klosterauffahrt hochhechelte und mich über die Ruhe und die herzliche Begrüßung freute, war mir das durchaus bewusst. Vielleicht war dieses Anders-Sein auch gerade der Grund, warum ich mich zu fünf Tagen Kloster auf Zeit in der Communität Kloster Wülfinghausen in der Nähe von Hannover anmeldete. Übrigens nicht ohne Stirnrunzeln meines durchaus kirchlich geprägten Umfeldes. Anders-Sein heißt ja nicht Schlecht-Sein, sondern eben anders. Unbekannt. Wobei mir Kloster an sich jetzt nicht fremd war. Mehrmals war ich in Taizé (Frankreich) und habe mich dort auch immer sehr wohl gefühlt. Ich war also schon Kloster-erprobt. Aber mal ganz ehrlich: Taizé ist völlig anders anders. Das häng nicht nur daran, dass Taizé ökumenisch, eine brüderliche Communität und deutlich, deutlich größer ist. In Wülfinghausen leben eben „nur“ fünf Schwestern, die sich aufopfernd um uns gekümmert haben. Es ist keine Pilgerstätte für tausende Jugendliche, wie sie jedes Jahr auf den französischen Hügel reisen. Diese Ruhe, die in Taizé eben nur partiell möglich ist, macht für mich das Kloster Wülfinghausen aus (mal ganz davon ab, dass es im schönsten Bundesland liegt). In Taizé ist man immer irgendwie deutlich präsent in der Welt und auch im Alltag. Allein der Linienbus bringt einen ja auch schnell dahin zurück.

Fünf Tage Wülfinghausen hieß für mich: ein kleines (wirklich, wirklich kleines) Dörfchen, Wald, Ruhe, Sternenhimmel, Zeit. Zwischendurch schien sogar die Welt ganz kurz ihren Atem anzuhalten. Und es war haargenau das, was ich brauchte. Überlegt doch mal selbst: Wann hattet ihr das letzte Mal wirklich Zeit für euch? Zeit, um euer Leben zu ordnen oder einfach nur wahrzunehmen, wie es euch damit gerade geht? Bei mir war das sehr, sehr, sehr lange her. Die Welt scheint, egal wie schnell man hetzt, sich einfach immer einen Deut schneller zu drehen.

Nun also Zeit für mich. Zusammen mit anderen Studierenden und der Bundesstudierendenpfarrerin, den Schwestern, MitarbeiterInnen und Gästen der Communität. Es kam wie es kommen musste: Es machte einmal kurz „Peng“ und die Seelenschublade, die ich so mühevoll vollgestopft und verbarrikadiert hatte, damit sie ja nicht so bald aufgeht, sprang mit einem lauten Knall, die Seelenklamotten um sich werfend, auf und löschte dabei auch noch das zarte Flämmchen aus, das absichtlich den Großteil meiner Seele im Dunkeln ließ. Da saß ich nun: ganz im Finstern und ohne die Kraft, aufzustehen, die Leuchte wieder anzuzünden und aufzuräumen. Na super! Das hatte ich mir doch irgendwie anders vorgestellt. Ich wollte Kraft tanken und nicht auch noch das letzte bisschen verlieren.Tatsächlich hat es gedauert, bis ich den Mut und die Kraft fand, auf das Chaos zu blicken. Ich bin auch noch immer dabei, aber ich fange an zu ordnen. Vielleicht musste dieser innere Supergau kommen. Für mich war dieser Rahmen der beste, im dem das so passieren konnte, denn ich hatte eine der besten Begleitungen und Sicherheitsnetze, die ich mir hätte wünschen können. Es gab viele Möglichkeiten, sich zurückzuziehen und bei sich zu sein, und mindestens genauso viele, um sich auszusprechen, sich zu entladen. Ohne Worte, allein durch Blicke, Gesten und Gebete waren wir füreinander da und haben zugleich die Gedanken der anderen frei fliegen lassen. Vielleicht hat mir das immerwährende Im-Kreis-Gehen im kerzendurchfluteten Kreuzgang mit der Dame mit Nilpferd am besten getan. Gerne denke ich jedenfalls daran zurück.

Mein persönliches Fazit: Es war, totz der Dunkelheit, eine der besten Zeiten in meinem Leben! Die Struktur, die ich mitnehmen konnte, hilft mir, mein eigenes Leben geordneter anzugehen. Außerdem habe ich gelernt, auch häufiger auf mich selbst zu hören. (Am besten natürlich bevor es zu spät ist.) Stille kann etwas sehr beunruhigendes haben, denn sie fordert uns auf, zu hören. Anselm Grün sagt, Stille komme von schweigen und zuhören. Das ist häufig sehr schwer, lässt sich aber im Kloster gut austesten und lernen. Bitte, rümpft nicht die Nase, probiert es aus! Es wird euch so, so grandios gut tun und ihr werdet mit neuer und anderer Kraft in den Alltag starten.


Infos zur Communität Kloster Wülfinghausen findet ihr hier.

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