Ora et Labora? Gott finden und Theologie studieren
Foto: Milada Vigerova (CC0)

„Und wann betet ihr so?“, wurde ich neulich gefragt, als ich mich bei einer Autofahrt per Mitfahrgelegenheit als Theologiestudentin geoutet hatte. „Ähm, naja. Das Studium ist eher so wissenschaftlich …“, antwortete ich „Beten, das machen wir Theologiestudierenden im privaten Kreis. So wie andere Menschen auch – oder halt auch nicht.“

Labora

Das klassische Theologiestudium an deutschen Universitäten mit seinen Disziplinen wie Exegese, Kirchengeschichte oder Dogmatik riecht nach trockenen Büchern und alten Thesen, es lehrt Textarbeit, wissenschaftliches Arbeiten und Geschichte und ist dabei vor allem eins: Theorie. Selbst die Praktische Theologie besteht weniger aus tatsächlicher Praxis als aus Theorie zur Praxis. Umgangssprachlich impliziert jedoch schon die Bezeichnung des Faches Theologie neben der Wissenschaft auch eine Ausbildung, vielleicht sogar eine Begleitung des Studierenden in persönlichen Glaubensfragen, wie die naive Frage meines Mitfahrers zeigt. An den staatlichen Hochschulen wird Wissenschaft streng von Spiritualität getrennt – wo finden wir „Theologen“ da eigentlich Gott?

Der Geschmack von Wasser

Bischof Anba Thomas, koptisch-orthodoxer Bischof aus Ägypten, stellte im Juli 2015 bei einer Versammlung zu Fragen rund um das monastische Leben eine Frage: „Wie schmeckt eigentlich Wasser?“ – Jeder von uns kenne diesen, schließlich schmecken wir dieses Getränk täglich. Und doch ist es uns schier unmöglich, den Geschmack zu beschreiben, ein adäquates Wort dafür zu finden. Ähnlich sei es mit dem heiligen Geist, ja mit Gott überhaupt, meint der Bischof: Wir begegnen ihm – aber können nur schwer in Worte fassen, wie wir ihn nun wirklich spüren.

Der Schwierigkeit, Gott zu fassen, sind wir alle ausgesetzt – ob Theologiestudierende oder nicht. Aber doch haftet uns angehenden Pastorinnen und Pastoren an, dass wir einen besonderen Draht zu Gott haben, ja vielleicht, dass wir den Geschmack Gottes kennen. Aber wo schmecken wir Gott?

Individualität

Ziel unseres Studiums ist es, im zwangsläufig alltäglichen Austausch über die christliche Theologie eine eigene Meinung, ja eine eigene Theologie zu entwickeln. Die intellektuelle Auseinandersetzung wird uns zu Positionen bringen, die genauso individuell sein werden, wie wir selbst. Damit sollten wir am Ende unseres Studiums zumindest eines geschafft haben: Theoretisch theologisch Stellung beziehen zu können. Wie verhält es sich nun aber mit der Praxis? Dem gelebten Glauben?

Ora – aber wie?

Ebenso, wie wir alle unterschiedliche Charaktere sind, werden wir Theologiestudierende auf ganz verschiedenen Wegen und Weisen unseren persönlichen Glauben bilden. Der eine bringt vielleicht durch christliche Prägung in der Kindheit oder jahrelanges Engagement in der heimatlichen Kirchengemeinde bereits eine ritualisierte Glaubenspraxis in die Studienzeit mit, ein anderer ist zu Beginn noch skeptisch und macht sich im studentischen Alltag auf die Suche nach Gott.

Dann findet er eine Fülle an Angeboten: Hauskreise, Eventgottesdienste, Pilgerfahrten, Exerzitien, Klosterbesuche und noch mehr. Bei der Fülle an Angeboten kann man sich kaum entscheiden – was ist denn nun das Richtige für mich? Ein Tipp: Erstmal das machen, worauf man Lust hat! Und vor allem: Keine Erwartungen hegen – weder was den theologischen Gehalt (Wir sind jetzt nämlich nicht mehr im Forschungskolloquium an der Uni, sondern zwischen Menschen, von denen die wenigsten ein Biblicum abgelegt haben!), noch was die Begegnung mit Gott angeht. Auf individuelle Weise wird jeder Mensch und auch jeder Theologiestudierende persönliche Erfahrungen mit Gott machen. Was er oder sie dafür braucht, gilt es selbst heraus zu finden.

Dietrich Bonhoeffer bietet in seiner Schrift „Gemeinsames Leben“ eine Anleitung, wie Theologiestudierende neben dem akademischen Studium ihren Glauben zu leben haben. Ins Zentrum des Alltags stellt er das Evangelium, das nicht nur die Gebete und die Ethik der jungen Menschen bestimmt, sondern auch in Form gemeinschaftlichen Lebens anschaulich wird. Eine Zeitlang das Leben im Kloster kennen zu lernen, mag für manche bereichernd sein. Andere praktizieren gemeinschaftliches Leben schon in Wohngemeinschaften und sehnen sich nach anderen Wegen zu Gott. Was evangelische Spiritualität eigentlich ausmacht, wo sie entdeckt und gelebt wird, stellte jüngst Miguel-Pascal Schaar vor.

Ora et Labora!

Uns Theologiestudierenden mag vielleicht in unserer zukünftigen Rolle als Pastorinnen und Pastoren eine besondere Verbindung zu Gott nachgesagt werden, als Studierende im Moment und als Bewohner dieser Erde im Allgemeinen sind wir aber in erster Linie Menschen, und zwar Menschen wie alle anderen auch. Menschen, die auf der Suche sind nach Antworten und diese versuchen im Studium der Theologie zu finden. Labora in Form des Studierens ist damit Teil unseres Lebens und mag uns hoffentlich zur Fähigkeit des kritischen Urteilens leiten. Die Ausbildung eines persönlichen Glaubens mag durchaus erwartet werden und auch nötig sein, kann aber doch nicht mit einer idealen Lösung beschrieben werden: Um Gott zu finden, um ihn zu „schmecken“, muss sich jede und jeder selbst auf den Weg machen – ob Theologiestudierend oder nicht. Aber vielleicht ist es unsere Aufgabe als Theologiestudierende nicht nur von Gott zu „probieren“, sondern die Herausforderung, die Bischof Thomas benennt, anzugehen: Nämlich zu versuchen, in Worte zu fassen, wie der Geschmack Gottes ist. Und dazu ist das Studium dann vielleicht doch ganz nützlich.


Den Vortrag von Bischof Thomas in Taizé und weitere Berichte zur aktuellen Bedeutung monastischen Lebens gibt es nachzulesen in „L’actualité de la vocation monastique et religieuse. Actes du colloque international. Taizé, 5 – 12 Juillet 2015“, Les Presses de Taizé 2016.

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