Jesus liebt Angela Merkel
Foto: Sophie Melzer

Dresden, 3. Oktober 2016. Ich stehe auf dem Theaterplatz. Meine Füße sind nass, mein Herz ist schwer. Dabei habe ich es doch gewusst. Ich wusste, dass sie „Merkel muss weg“ und „Volksverräter“ brüllen würden, dass sie so laut pfeifen, dass es in den Ohren weh tut, dass sie Mittelfinger in die Höhe strecken. Aber jetzt, mitten unter ihnen, verpufft dieses Wissen in Erstaunen, Empörung, Wut und Traurigkeit.

Ich stehe weit entfernt von den Leinwänden, auf welche die Veranstaltung in der Semperoper übertragen wird. Der Großteil des Platzes ist mit Demonstranten gefüllt. Vor mir erstrecken sich tausende Menschen und fast ebenso viele Regenschirme. Ich kann kaum etwas sehen und nur schlecht hören. Das Pfeifen ist so laut. Passend dazu die Worte Norbert Lammerts: „Diejenigen, die heute besonders laut pfeifen und schreien, und ihre erstaunliche Empörung kostenlos zu Markte tragen, die haben offenkundig das geringste Erinnerungsvermögen daran, in welcher Verfassung sich diese Stadt und dieses Land befunden haben, bevor die deutsche Einheit möglich wurde.“ Neben mir beantwortet ein Mann diese Worte mit einem: „Du bist wohl auf Drogen, du Schwuchtel“. Es fallen am heutigen Tag viele solche Beschimpfungen, Worte, die ich nicht aufschreiben möchte, weil mir dafür sowohl meine Finger als auch meine Laptoptastatur zu schade sind.

Ich verstehe das nicht. Bitte, sagt doch, was ihr sagen wollt, was euch stört, was ihr euch wünscht. Sagt eure Meinung. Aber hört auf, einen Gottesdienst zu belagern und die Besucher anzufeinden, bis Tränen fließen. Hört auf, ein Fest der Freude in ein Fest des Zornes zu verwandeln. Hört auf, Parolen zu rufen, die so hasserfüllt sind, dass einem schlecht werden kann.

Foto: Sophie Melzer

Foto: Sophie Melzer

Mitten in diesem Chaos fällt mir ein Mann auf, der ein Schild in den Händen hält, auf dem beidseitig „Angela Merkel, meine Kanzlerin“ geschrieben steht. Er möchte nicht mit den Anti-Merkel-Demonstranten streiten, sagt er. Sein Widerstand gegen ihre Beschimpfungen ist still, und dennoch irgendwie wirksam. Ich stehe eine Weile bei ihm und beobachte, wie einige Menschen zu ihm kommen, ihm auf die Schulter klopfen, um ein Foto bitten und freundliche Worte verteilen. Natürlich muss er auch Gegenwind ertragen, aber er bleibt. Das ist sein kleiner friedlicher Protest.

Mir hat heute jemand gesagt, dass Jesus vielleicht den „Merkel-muss-weg“-Rufen der Demonstranten zustimmen würde. Ich kann mir das nicht vorstellen. Selbst wenn Jesus Merkels Politik nicht gefiele, wenn er sich wünschte, sie würde als Bundeskanzlerin zurücktreten, wie könnte er „Merkel muss weg“ rufen, wenn er sie doch liebt? Ich wünschte, die Demonstranten würden darüber mal nachdenken. Jesus liebt Angela Merkel. Mir kommt wieder der Mann in den Sinn, der auf dem Theaterplatz neben mir Beleidigungen geschrien hat. Jesus liebt auch ihn. Darüber wiederum sollte ich nachdenken.

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